HarsewinkelLandmaschinenhersteller Claas steigt jetzt in die Wildbienenhilfe ein

Wer sich mit den Insekten auseinandersetzt, erfährt, warum eine ein paar Gramm leichte Biene in der Landwirtschaft genau so eine große Rolle spielt, wie eine tonnenschwere Erntemaschine.

Burkhard Hoeltzenbein

Klaus Baumgart (l.) sowie Fabian Peitz, Ausbilder bei Claas, präsentieren die Wildbienennisthilfen und die mit einem QR-Code versehene Plakette. - © Burkhard Hoeltzenbein
Klaus Baumgart (l.) sowie Fabian Peitz, Ausbilder bei Claas, präsentieren die Wildbienennisthilfen und die mit einem QR-Code versehene Plakette. © Burkhard Hoeltzenbein

Harsewinkel. Auf dem Weg zum Treffen mit der Harsewinkeler Umweltgruppe Lokale Agenda am Tor 1 des Landmaschinenherstellers Claas rollt gerade ein Schwertransport mit einem fabrikneuen Feldhäcksler vom Typ „Jaguar" vom Firmengelände. Doch bei diesem Treffen geht es ausnahmsweise mal nicht um die tonnenschweren Ernteriesen. Sondern um ein paar Gramm leichte sammelwütige Wildbienen.

Insekten spielen in der Landwirtschaft weltweit mindestens so eine gewichtige Rolle wie die Agrar-Boliden „made in Harsewinkel". Die wissenschaftlichen Zusammenhänge vom Einfluss auf das Werden und Wachsen kennen die Landwirtschaftsexperten bei Claas aus dem Effeff. So ist die erste kleine Kooperation, die die Nisthilfebauer Sebastian Klaus Baumgart und Sebastian Bernitt mit Agenda-Sprecherin Maria Abeck-Brandes mit der Lehrwerkstatt bei Claas eingestielt haben, ein bescheidener, für beide Seiten nutzbringender Anfang.

Claas-Ausbildungsleiter Viktor Esau (l.). Maria Abeck-Brandes und Nisthilfenbauer Sebastian Bernitt betonen die für beide Seiten nützliche Kooperation zwischen Umweltschützern und Konzern. - © Burkhard Hoeltzenbein
Claas-Ausbildungsleiter Viktor Esau (l.). Maria Abeck-Brandes und Nisthilfenbauer Sebastian Bernitt betonen die für beide Seiten nützliche Kooperation zwischen Umweltschützern und Konzern. (© Burkhard Hoeltzenbein)

Als der Hobbyschreiner Klaus Baumgart die Infotafeln für seine Wildbienennisthilfen, die er „Binihi" nennt, mit einem QR-Code versehen wollte, scheiterte er beim Versuch, witterungsbeständige Schilder herzustellen. „In der Ausbildungsabteilung der Firma Claas wurde ich fündig", erklärt er die Verbindung.

Dort, wo die Auszubildenden das große ABC der Werkstoffkunde vom Stahl bis zu Kunststoffen lernen, ausprobieren und experimentieren, für den Einsatz im Werk mit moderner Lasertechnik hantieren und den Umgang mit hochempfindlichen Präzisionswerkzeugen erlernen. Dort haben drei angehende Industriemechaniker und Mechatroniker nach einer Reihe von Versuchen mit verschiedenen Materialien 100 Schilder für die von Baumgart und Bernitt in Eigenarbeit gebauten und von der Lokalen Agenda aufgestellten Wildbienennisthilfen hergestellt.

„Der QR-Code war die größte Herausforderung"

Diese für die Agenda kostengünstigen und haltbaren Hinweistafeln sollen Passanten darüber aufklären, was es mit insektengerechten Nistbehausungen auf sich hat. Um eine wetterfeste, robuste und zugleich ansprechend designte Infotafel herzustellen, verbanden die Azubis einen widerstandsfähigen, beschichteten Kunststoff mit einer Edelstahlplatte, aus der sie den Infotext und den QR-Code per Laser heraus frästen. Diese werden mit Nägeln und Silikon an den Nisthilfen angebracht. „Das hält gegen Vandalismus", hofft Maria Abeck-Brandes.

„Der Code war die größte Herausforderung", sagt Viktor Esau, Ausbildungsleiter bei Claas, über das quadratische Zeichen. Dieses lässt sich mit dem Mobiltelefon abscannen und erschließt so weitere Infoseiten im Internet. Auf Papier sind die digitalen Türöffner längst Standard, auf der Platte aber eine besondere Aufgabe.

Wildbienen übernehmen mehr als die Hälfte der gesamten Blütenbestäubung

Für Klaus Baumgart, der vier seiner in der heimischen Werkstatt entstandenen „Binihi" auf städtischen Blühflächen aufgebaut hat, sind diese zusätzlichen Hinweise eine wichtige Komponente. Er will so mehr Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur wecken. Sein Mitstreiter Sebastian Bernitt hat kleinere Exemplare gebaut, die Privatleuten in ihren Gärten aufstellen und so Wildbienen eine Nistmöglichkeit gewähren (siehe Info-Kasten).

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„Gleichzeitig nehmen wir so wahr, inwieweit Wildbienen überhaupt im Stadtgebiet zu finden sind", sagt Baumgart. Beim Aufstellen sprachen ihn mehrfach Bürger auf den Sinn dieser Holzstelen mit Löchern an. „Daraus entstand die Idee, die Binihi mit einer kurzen Sachinformation zu versehen und weitere Informationen zu geben", erklärt er. Dieses Wissen über die Insekten stammen vom deutschen Wildbienenexperten Paul Westrich.

Wildbienen übernehmen mehr als die Hälfte der gesamten Blütenbestäubung. Sie sichern damit die Ernte von Obst und Gemüse. Ihre verschiedenen Arten sind bedroht. Mit dem Aufstellen dieser Nisthilfen fördert dieLokale Agenda den Erhalt lebenswichtiger Natur.

Für die Azubis ist so ein Auftrag ein besonderer Anreiz

Für die Azubis bei Claas ist so ein Auftrag eine Abwechslung und ein besonderer Anreiz, um selbst technische Lösungen zu entwickeln. „Wo es sich anbietet, machen wir bei solchen Gelegenheiten in Kooperationen mit Vereinen ein Ausbildungsprojekt daraus", erklärt Viktor Esau.

Claas habe auch im Coronajahr 2020 die Standardzahl an Auszubildenden eingestellt und habe dies auch im Sommer vor. Zum einen will das Unternehmen so den jungen Leuten auch in der Krise Perspektiven bieten. Zum anderen beugt der Konzern mit der Ausbildung des eigenen Nachwuchses auch dem Fachkräftemangel vor. In absehbarer Zeit gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 60er Jahre in Rente. Dem Aderlass vieler erfahrener Mitarbeiter will Claas so vorbeugen.

Info
Wildbienennisthilfe



  • Schon der bienengerechte Bau der Nisthilfen ist eine Wissenschaft für sich. Zumal es mehr als 500 Arten alleine in Deutschland gibt. Da Wildbienen anders als ihre domestizierten Honig-Schwestern, nicht in Schwärmen, sondern alleine leben, brauchen sie andere Ablegemöglichkeiten für ihre Eier. In der freien Natur legen Wildbienen je nach Art ihre Eier auf Lehm- oder Sandböden oder an Steilhängen ab. In der Stadt sind sie auf andere Hilfen angewiesen.
  • Diese finden sie in den überdachten Niststelen aus trockenem Eichen- oder Buchenholz, die Bohrungen zwischen zwei und acht Millimetern für die unterschiedlichen Arten aufweisen. Diese sind kantenfrei sauber ausgebohrt, damit sich die Insekten, die rückwärts in die Nisthöhlen krabbeln, nicht ihre Flügel verletzen.
  • So tief wie möglich legen die Bienen im Frühjahr oder Sommer Eier ab, aus dem ein Jahr später weiblicher Nachwuchs schlüpft. Weiter vorne liegen die Eier, aus denen Männchen („Drohnen") schlüpfen. ganz vorne an die Öffnung legen sie zudem ein unbefruchtetes Ei zum Schutz vor Witterung und Fressfeinden und verschließen die Höhle.
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