Landmaschinen-Hersteller Claas: Diese Auswirkungen hat die Corona-Krise

Der Erntemaschinenhersteller hat seine Serienproduktion längst wieder aufgenommen. Wie flexibel der „schwere Tanker“ auf die Ausnahmesituation reagiert, lässt selbst den Produktionsleiter staunen..

Burkhard Hoeltzenbein

Das Stammwerk von Claas in Harsewinkel läuft längst wieder unter Volllast. - © Claas
Das Stammwerk von Claas in Harsewinkel läuft längst wieder unter Volllast. (© Claas)

Harsewinkel. Die rege Nachfrage nach Maschinen lässt den Erntemaschinenhersteller Claas auch in der aktuellen Corona-Krise vergleichsweise optimistisch in die Zukunft schauen. Zwar werde durch die gut dreiwöchige Unterbrechung der Serienproduktion am Stammwerk in Harsewinkel sowie weiteren Produktionsstätten im In- und Ausland eine „Delle" im Jahresergebnis erwartet. Doch aktuell lasse sich bei den Umsatzzahlen noch kein signifikanter Rückgang erkennen.

Wie teuer die Corona-Krise den Konzern insgesamt zu stehen kommen könnte, lässt sich derzeit ebenfalls noch nicht belastbar schätzen. „Was von den Auswirkungen her durch Corona und was durch andere Markteffekte verursacht wird, lässt sich nicht sortenrein zuordnen", sagt Wolfram Eberhardt.

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Der Chef der Unternehmenskommunikation spricht von einer „signifikanten Kostensteigerung durch den Corona-Effekt". Die dreiwöchige Pause in der Serienproduktion macht etwa zehn Prozent Rückgang im Maschinen-Bauprogramm aus. Dieser Ausfall lasse sich auch nicht mehr im Laufe des Jahres aufholen. „Das macht beim gesamten Außenumsatz aber einen überschaubaren Anteil aus", relativiert er. Auswirkungen auf die Profitabilität seien angesichts der Kosten, die Claas für die umfangreichen zusätzlichen Änderungen und Schutzmaßnahmen in allen Bereichen aufwendet, allerdings zu erwarten.

Welche Manövrierfähigkeit der „schwere Tanker" Claas seit dem Aufkommen der Krise bewiesen hat, zeigt sich an der vergleichsweise kurzen Unterbrechung der Serienproduktion. Stefan Schulte, Produktionsleiter des Stammwerkes in Harsewinkel, spricht im Rückblick von vielen „gründlichen und vorsichtigen Entscheidungen" des Managements. Die schnelle Reaktionen auf die Märkte, ein konsequentes Umsetzen von Schutzmaßnahmen und der überall spürbare Teamgeist habe geholfen, die kritische Phase zu bewältigen.

Mit Ersatzteilen und Reparaturen überbrückt

Die punktgenaue Unterbrechung der Serienproduktion zum 25. März und das Wiederanfahren am 20. April sei der logische Schritt gewesen, um einerseits die Belegschaft gesundheitlich zu schützen und zugleich auf die Versorgungslage durch die systemrelevanten Zulieferer von Achsen, Kabelsätzen oder Elektronik reagieren zu können. „Wenn der Motorenhersteller schließt, schließen wir auch", bringt es Schulte am signifikanten Beispiel auf den Punkt.

Einen kompletten Lockdown hat es bei Claas in den drei Wochen dank der Vorausschau nicht gegeben. „Wir haben einen ziemlich hohen Output gehalten", verweist Eberhardt auf die täglich vom Hof rollenden Tieflader mit bereits fertiggestellten Mähdreschern oder Feldhäckslern. Zwar habe man mit Unterbrechung der Zulieferkette in der Zeit keine kompletten Maschinen gebaut. Dafür wurden im Werk aber Ersatzteile und Komponenten für die Schwesterwerke produziert, Reparaturen durchgeführt und Maschinen gewartet.

Dadurch hätten etwa 50 bis 60 Prozent der Mitarbeiter in der Produktion im Werk unter den ausgeweiteten Schutzmaßnahmen weiterarbeiten können. Für die übrigen Mitarbeiter in der Fabrik habe der Konzern nur für die drei Wochen Kurzarbeit angemeldet. Gab es sonstige staatliche Hilfen? Kurze Antwort Eberhardt: „Nein!"

Mit Mundschutz und gebührendem Abstand zu den Kollegen arbeitet Dirk Ossenbrink an der Endmontage eines Lexion in der Mähdrescherproduktion. Der Konzern hat in den vergangenen Wochen alles getan, um die Bänder wieder laufen zu lassen.  - © Claas
Mit Mundschutz und gebührendem Abstand zu den Kollegen arbeitet Dirk Ossenbrink an der Endmontage eines Lexion in der Mähdrescherproduktion. Der Konzern hat in den vergangenen Wochen alles getan, um die Bänder wieder laufen zu lassen.  (© Claas)

Einen kleinen, vom Volumen her aber durchaus sichtbaren Nebeneffekt hat Claas durch die Stillstandszeit mit Sicht auf sein Werkstrukturprojekts „SynPro 2020" erzielt. „Das Projekt ist nicht verzögert. Im Gegenteil haben wir einige Fundamente für die Stützen der geplanten Dachanhebung von 15.000 Quadratmeter vorziehen können", erklärt Stefan Schulte.

Ansonsten sieht er das Gesamtvorhaben, mit dem Claas seine beiden Fertigungsstraßen zu einer hochmodernen und sehr flexiblen Produktionseinheit umbauen will, durch Corona nicht gefährdet. „Wir ziehen das hier mit voller Kraft weiter durch und passen das Risikomanagement entsprechend an", sagt der Produktionsleiter.

Eine logistische Herausforderung stellte auch die Umstellung von mehreren hundert Ingenieuren, Entwicklern, Technikern und Kaufleuten auf das Home-Office dar. Um den verstärkten Datenfluss geschmeidig zu halten, kaufte Claas Bandbreiten zu und erweiterte die Kapazitäten. Videokonferenzen ersetzen den gewohnten täglichen Austausch. Was sonst Auge in Auge im „Shop-Flow" an Top-Informationen ausgetauscht wird, erfolgt nun digital. Schultes Einschätzung klingt angesichts der abgebrochenen Direktkontakte zunächst paradox: „Diese Wochen haben das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt." Erkenntnisse, die auch in der Nach-Corona-Ära durchaus in überarbeitete Arbeitsstrukturen einfließen können.

Den gesamten Tagesablauf der Mitarbeiter analysiert

Was sich insbesondere im Wiederanfahren der Serienproduktion mit allen Mitarbeitern positiv bemerkbar gemacht habe. „Da gab es durchaus Ängste und Sorgen", räumt Schulte ein. Mit einer umfangreichen Kommunikation zu den Hygiene- und Schutzmaßnahmen sowie im Zusammenspiel mit Betriebsrat und Werksarzt habe man unter anderem Sozialräume geschlossen, die Kantine mit separaten Ein- und Ausgängen versehen und von Büfett auf Essensausgabe umgestellt.

„Wir haben alle Risikobereiche überprüft, den gesamten Tagesablauf der Mitarbeiter analysiert und Schutzmaßnahmen festgelegt", sagt Stefan Schulte. Nicht zwingend nötige Reisen seien bis auf weiteres abgesagt. Wo es geht, ist die Arbeit auf Zweischichtsysteme umgestellt, um die Zahl der möglichen Kontakte weiter zu verringern. Wo das nicht möglich ist, sind Arbeitsplätze neu bewertet, Schutzmaßnahmen wie Bodenmarkierungen zum Abstand halten und der Hygiene verschärft worden.

„Wir hatten den Ehrgeiz, früh wieder am Start zu sein", erklärt der Produktionsleiter, der wohl auf die bewegtesten Wochen seines Arbeitslebens zurückschaut. So manchen Zulieferer habe Claas mit der Ankündigung vom Wiederanfahren verblüfft. „Einige waren überrascht, so früh wieder an uns liefern zu können", sagt er. „Manche haben sogar eine vorzeitige Sonderproduktion für uns gestartet." Als die Frühschicht am ersten Morgen der Serienproduktionsaufnahme eintraf, stand die Personalabteilung, der Betriebsrat und die Geschäftsleitung an den Werkstoren. Auf dem Boden standen mit Kreide geschriebene Willkommensgrüße. „Das war eine sehr emotionale Geschichte."

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