Rheda-Wiedenbrück1.000 Werkarbeiter sollen bei Tochterfirmen von Tönnies angestellt werden

Im Handelsregister finden sich neuerdings 15 verschiedene Firmen unter dem Namen Tönnies-Production GmbH. Für einen Gewerkschafter ist dieser Schritt des Unternehmens keine Überraschung.

Christian Geisler, Max Maschmann

Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück werden seit einigen Tagen wieder Schweine geschlachtet. - © Tönnies
Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück werden seit einigen Tagen wieder Schweine geschlachtet. © Tönnies

Rheda-Wiedenbrück. Die politische Diskussion rund um die Abschaffung von Werkverträgen in der Fleischindustrie hat mit dem massiven Corona-Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies neue Dimensionen angenommen. Konzernchef Clemens Tönnies hat daraufhin am Wochenende angekündigt, bis September "in einem ersten Schritt 1.000" bisherige Werkvertragsarbeiternehmer bei Firmen der Unternehmensgruppe anstellen zu wollen.

Um der Ankündigung Taten folgen zu lassen, hat der Konzern jetzt im Handelsregister gleich mehrere Tochterfirmen eintragen lassen. Die Neueintragungen datieren vom Dienstag, 14. Juli 2020. Die 15 einzelnen Firmen laufen unter dem Namen Tönnies-Production GmbH und sind mit römischen Zahlen von 1 bis 15 durchnummeriert. Jeweils eingetragene Geschäftsführer sind Tönnies-Justiziar Martin Bocklage und Personaler Sven Geier. Bocklage ist in der Branche bekannt. Er arbeitete zuvor unter anderem auch bei Westfleisch.

Gewerkschafter sieht darin eine Reaktion auf Ankündigung der Politik

Ziel der Unternehmen ist demnach die Herstellung und der Vertrieb von Fleischwaren aller Art einschließlich der Schlachtung, Zerlegung und Kommissionierung sowie Be- und Verarbeitung zu handelsfähigen Endprodukten aus Fleisch und Fleischbestandteilen. Ein Sprecher des Amtsgerichts Gütersloh erklärte, nur die Informationen zu haben, die im Handelsregister einzusehen sind. Tönnies selbst hatte sich am Freitag nicht äußern wollen.

Für Armin Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in OWL, kommt der Schritt von Tönnies nicht überraschend. "Das hatte sich bereits angedeutet", sagt der Gewerkschafter. Er sieht darin eine Reaktion auf die Ankündigung der Politik, das Werkvertragssystem verbieten zu wollen. Auch der Tönnies-Rivale Westfleisch hatte bereits vor einiger Zeit reagiert, war aber bei der Ankündigung noch weitergegangen: Er will bis zum Jahresende auf Werkvertragsarbeiter verzichten und alle Mitarbeiter selbst einstellen.

Ob das, was bei Tönnies Tochterfirmen passiere, letztlich auch dem Gesetz standhalte, das Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) noch in diesem Monat vorlegen will, müsse sich noch zeigen. Offen bleibt aus Wieses Sicht auch noch, ob es für die Mitarbeiter einen reibunglosen Betriebsübergang geben wird. Er würde sich nach eigenem Bekunden jedenfalls darüber freuen, wenn die Angestellten der Tochterfirmen künftig nach dem Mindestlohn bezahlt würden.

"Tönnies sucht nach Umwegen", sagt eine Kritikerin

Kritik kommt derweil von Inge Bultschnieder. Die Gründerin der Interessengemeinschaft "WerkFAIRträge" kämpft seit Jahren für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Werkvertragsarbeitern. "Statt einen tatsächlichen Schritt in Richtung Veränderung zu gehen, sucht Tönnies nach Umwegen", sagt Bultschnieder.

Speziell die Gründung von Betriebsräten werde durch die einzelnen Tochterfirmen erschwert. Überhaupt sei es aus ihrer Sicht eine "Frechheit", dass Tönnies entscheiden dürfe, wie es weitergeht. Sie findet: "Die Politik sollte diese Entscheidung treffen."

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