VersmoldNeue Gesetze sorgen für Frust bei Versmolder Fleischwarenhersteller

Mitarbeiter über Werkverträge und Leiharbeit einzusetzen, ist für Wurstunternehmen ab April nahezu nicht mehr möglich. In Versmold treffen die Gesetze auf Kritik.

Marc Uthmann

Der Peckeloher Fleischwarenhersteller Wiltmann. - © Wiltmann
Der Peckeloher Fleischwarenhersteller Wiltmann. © Wiltmann

Versmold.Fleischwarenhersteller dürfen in den Kernbereichen ihrer Produktion seit dem Jahreswechsel keine Werkvertragsarbeiter mehr einsetzen, ab April ist auch Leiharbeit in den zentralen Unternehmensbereichen verboten. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die drei großen Fleischwarenhersteller in Versmold. Allerdings sind sie nach eigenen Angaben in unterschiedlichem Maße betroffen. Die Reaktionen auf die Anfrage des Haller Kreisblattes reichen von notgedrungenem Pragmatismus bis hin zu deutlichem Unmut. Ein Überblick.

HN Produktion

„Die neuen gesetzlichen Regelungen werden etwa 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreffen“, sagt HN-Sprecher Fabian Reinkemeier. „Diese möchten wir gern direkt in unserem Unternehmen einstellen.“ Man begrüße die einheitlichen Regelungen, heißt es von der Tönnies-Tochter (früher Nölke, 400 Mitarbeiter), da es nun Planungssicherheit gebe. „Allerdings treffen diese unserer Meinung nach viele fleischverarbeitenden Betriebe in der Region zu Unrecht“, so Reinkemeier. Denn für die Mitarbeiter aus den betroffenen Bereichen gebe es in der Regel seit vielen Jahren Tarifverträge.

„Zudem gab es in den fleischverarbeitenden Betrieben nur ganz wenige Corona-Fälle.“ Das Gesetz verringere darüber hinaus die Wettbewerbsfähigkeit mit nicht tarifgebundenen Unternehmen, die oftmals auf einem zwar gesetzlich zulässigen, jedoch niedrigeren Lohnniveau agierten. „Wir setzen uns daher für einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die gesamte Branche ein“, so der HN-Sprecher. „Die Alternative beispielsweise von befristeten Einstellungen werde wegen der Gesamtarbeitsmarktsituation nicht zielführend sein.“

Die neuen Regelungen kosteten die Branche zudem Flexibilität. Für Nölke werde es „sehr schwierig, Auftragsspitzen zu bewältigen“. Und gerade in diesem Bereich des Arbeitsmarktes stehe man in direkter Konkurrenz zu Unternehmen anderer Branchen des Arbeitsmarktes. „Amazon ist in diesem Zusammenhang beispielsweise ein regionaler Arbeitgeber, der ebenfalls um flexibel einsetzbare Mitarbeiter buhlt“, so Reinkemeier.

Wiltmann

Hörbarer Frust herrscht Bei Wiltmann in Peckeloh (insgesamt 800 Mitarbeiter). „Wir setzen seit jeher zum weit überwiegenden Teil auf eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, betont Geschäftsführer Dr. Ingmar Ingold. „Wir stellen dennoch fest, dass uns durch das neue Gesetz ein erhebliches Maß an personeller Flexibilität verloren geht. Wir haben einerseits Krankenstände, die wir temporär immer wieder überbrücken müssen. Und wir haben andererseits Auftragsspitzen, die es zu bewältigen gilt.“ Denn auch die Wurst kenne Saisonalitäten. Zudem werde das Geschäft mit Lebensmitteln und auch Wurst beim zunehmend mächtigeren Handel immer aktionslastiger und führe zu Ausschlägen der Auftragslage. Schließlich sei Wurst ein frisches Lebensmittel mit begrenzter Haltbarkeit, was die Möglichkeiten einer „Vor-Produktion“ stark einschränke.

Ingold kritisiert die extrem kurze Zeit für die Umsetzung der gesetzlichen Regelungen. Doch noch vielmehr kann er sie inhaltlich nicht nachvollziehen: „Es bleibt ein Geheimnis, was Missstände, die es im Bereich der Schlachtung und Zerlegung gab und die zweifellos beseitigt gehören, mit den Arbeitsbedingungen innerhalb der separaten Wurstherstellung zu tun haben.“ Bei den Wurstherstellern handele es sich größtenteils um mittelständische, familiengeführte und lokal verwurzelte Unternehmen, die ihrer Verantwortung nachkämen und bei denen völlig andere Arbeitsverhältnisse vorherrschten. Zudem bleibe es ein Rätsel, warum mit der Leiharbeit ausgerechnet die am stärksten regulierte und kontrollierte Arbeitsform mittelfristig ganz verboten werde. „Wir können nach wie vor nicht nachvollziehen, warum das Verpacken von Wurst anderen arbeitsrechtlichen Bedingungen unterworfen ist als das Verpacken von Käse. Wo ist der Unterschied?“

Wie stark Wiltmann von den neuen Regelungen betroffen ist, war vom Unternehmen nicht zu erfahren. „Zu konkreten Zahlen möchten wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern“, hieß es aus Peckeloh.

Reinert/TFB

„Die TFB-Gruppe beschäftigt traditionell keine Werkvertragsunternehmen bei der Herstellung ihrer Produkte“, berichtete Sprecher Uwe Kohrs für den Fleischkonzern (2400 Mitarbeiter), zu dem auch das Loxtener Unternehmen Reinert (600 Mitarbeiter in Versmold) gehört. Für das Image der Branche sei es generell gut, wenn es klarere Regeln und mehr Transparenz gebe. „Es ist davon auszugehen, dass im gesamten Bereich der Vorstufe, insbesondere bei Schlachtung und Zerlegung, die Kosten und auch die Preise steigen werden“, so Kohrs weiter. „Dies wird sich natürlich auf die Endverbraucherpreise auswirken. Schwankungen bei Rohstoffpreisen können dies nicht kompensieren und würden nur zu Lasten der Bauern gehen, die ohnehin unter Druck stehen.“

Auf Leiharbeit setzte Reinert bislang allerdings schon, um in der Bratwurstsaison Auftragsspitzen zu bewältigen. „Hier bleibt der Einsatz von Zeitarbeitnehmern zwar im begrenzten Umfang erlaubt, aber man muss sehen ob das ausreicht“, so Kohrs.

"Endlich passiert was"

- Der Fleischproduzent Tönnies hat zum Jahresbeginn etwa 6.000 der bisherigen Werkvertragsarbeitnehmer am Standort Rheda-Wiedenbrück fest angestellt, wie der Konzern nun bestätigte. Auch die Unternehmen Westfleisch und Vion meldeten ähnliche Zahlen. „Es war richtig, dass wir nicht nachgegeben haben. Endlich passiert was“, zeigt sich die heimische SPD-Bundestagsabgeordnete ElvanKorkmaz-Emre zufrieden.

- „Trotz aller Widerstände, auch von unserem Koalitionspartner, haben wir dieses Gesetz durchgebracht. Jetzt zeigt es direkt Wirkung. Die Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird sich schlagartig verbessern. Und ich bin mir sicher, dass wir durch die verschärften Kontrollen jetzt auch schneller reagieren können, sollten die Regelungen nicht eingehalten werden“, so Korkmaz-Emre. Nachdem massenhafte Corona-Infektionen in der Fleischindustrie, auch aufgrund der schlechten Unterbringung der Werkvertragsarbeitnehmer, bekannt wurden, war der Druck auf die Branche und die Politik gestiegen. Zuvor hatte die Fleischbranche jahrelang Besserung in Selbstverpflichtung gelobt.

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