Umkämpfter Wurstmarkt: Nordamerika als Testballon für Reinert

Der Fleischwarenhersteller leidet unter hohen Schweinepreisen, blickt sorgenvoll auf den Brexit und muss zudem die Schließung eines Werkes organisieren. Doch vor der Messe Anuga gibt es neue Ideen

Marc Uthmann

Viele Themen liegen in der Luft: Reinert muss aktuell wichtige Weichen stellen. - © Foto: Jan Herrmann
Viele Themen liegen in der Luft: Reinert muss aktuell wichtige Weichen stellen. (© Foto: Jan Herrmann)

Versmold. Erst im Februar reagierte Reinert auf die Krise im deutschen Wurstmarkt und kündigte die Schließung der Unternehmenstochter Schinken Einhaus in Friesoythe (Landkreis Cloppenburg) an, 86 Mitarbeiter sind davon betroffen (das HK berichtete). Ziel war es, die Auslastung der Werke zu verbessern und Kosten zu sparen. Die Situation in der Branche ist seither nicht leichter geworden, für die Mitarbeiter habe das indes keine weiteren negativen Auswirkungen gehabt, heißt es vom Unternehmen

Die Schließung

„Allen betroffenen Mitarbeitern wurde ein Arbeitsplatz in Neuenkirchen-Vörden angeboten", sagt ein Unternehmenssprecher zur Umsetzung der Schließung in Friesoythe. Das hätten leider nur einige angenommen, „sicherlich aufgrund der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften in der Region". Die Mitarbeiter von Schinken Einhaus hatten sich von der kurzfristig angekündigten Schließung schwer getroffen gezeigt, die Gewerkschaft NGG kündigte an, hart kämpfen zu wollen.

Einigung

Mittlerweile sind offenbar erste Lösungen in der Auseinandersetzung gefunden. „Durch den Abschluss eines Sozialplans wird die Schließung für die betroffenen Mitarbeiter in Friesoythe sozial flankiert", so der Reinert-Sprecher. Negative Auswirkungen würden so „weitgehend minimiert".

Auswirkungen auf Loxten

Mit Blick auf das Stammwerk hatte Reinert davon gesprochen, dass „große Kapazitäten" frei seien, weil sich die Automatisierung weiterentwickele. Das wird aber nicht zu einem Abbau des Personals in Loxten führen, betont der Sprecher: „Im Gegenteil, aufgrund der Tatsache, dass nicht so viele Mitarbeiter aus Friesoythe nach Versmold kommen, wurden und werden weitere Mitarbeiter eingestellt." Reinert hatte der Belegschaft von Schinken Einhaus zuvor auch in Aussicht gestellt, an den Stammsitz des Unternehmens zu wechseln.

Bedrohlich hohe Preise

Die gesamte Fleischwarenbranche ächzt unter Rohstoffknappheit und damit verbundenen Preissteigerungen. Ein Problem, das so schnell nicht verschwinden wird. „Wir müssen heute davon ausgehen, dass sich diese Situation in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht verbessern wird und die Rohstoff-Preise weiter ansteigen werden", prognostiziert der Reinert-Sprecher. Verglichen zum Frühjahr seien die Schweinepreise um 40 Prozent gestiegen. Zwar konnten die Unternehmen die Steigerung im Juli teilweise an ihre Abnehmer weitergeben, dass sei aber „nicht ausreichend" gewesen. Zugleich sind die verarbeitenden Betriebe an ihre Lieferverpflichtungen gebunden und müssen ihre Kapazitäten auslasten – einfach mal für eine Zeit auszusteigen, können sie sich nicht erlauben.

Lösungsansätze

„Es läuft zurzeit eine von uns initiierte Anfrage vom Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie in Brüssel, ob es möglich sei, Schweinefleisch aus den USA einzuführen", berichtet der Reinert-Sprecher. Denn das Angebot in Deutschland werde zunehmend kleiner aufgrund von Schließungen mittelgroßer und kleiner landwirtschaftlicher Betriebe, welche die Umweltauflagen nicht mehr erfüllen könnten und Investitionen in eine ungewisse Zukunft scheuten.

Damoklesschwert Brexit

Reinert zählt zu den exportstärksten Unternehmen der deutschen Fleischwarenindustrie , vor allem das England-Geschäft ist extrem wichtig für die Loxtener. Vor diesem Hintergrund geht ein banger Blick nach London zu den Brexit-Verhandlungen. „Wir haben Maßnahmen mit unseren Kunden durchgespielt, wenn es zu einem harten Brexit kommen sollte. Was die Investitionen für das England-Geschäft angeht, fahren wir zurzeit auf Sicht", sagt der Reinert-Sprecher dazu. Im Klartext: Bei weitreichenden Entscheidungen halten sich die Verantwortlichen erst mal zurück, bis Klarheit über den britischen Kurs herrscht. Auch hier kann das Unternehmen also nur auf Rahmenbedingungen reagieren.

Hoffnungen auf Übersee

Aktiv gestalten will das Unternehmen hingegen auf einem neuen Markt – auch, um für den Brexit gewappnet zu sein. Erste Zeichen dafür setzt Reinert bei der weltgrößten Ernährungsmesse Anuga in Köln (5. -9. Oktober). Zwar werden die Loxtener dort nicht mit einem Stand vertreten sein, doch laden sie „für unsere nordamerikanischen Kunden" zum amerikanischen Abend in ein Hotel am Rand der Messe ein. Es gebe erste Partner, heißt es vom Unternehmen, doch lasse sich auf so einem riesigen Markt nur in bestimmten Regionen und Schritt für Schritt Fuß fassen. „Das dauert", so der Sprecher.

Weniger Plastik

Wie der geschäftsführende Gesellschafter Hans-Ewald Reinert bereits im vergangenen November angekündigt hatte, will Reinert künftig einen umweltfreundlicheren Kurs fahren und damit wie auch mit der Produktreihe »Herzenssache« ein Gütesiegel für Nachhaltigkeit schaffen. Nächster Schritt: Das Unternehmen schließt sich einem Projekt der Frankfurter Futury GmbH an, in dem es um effizientere Lebensmittelverpackung und Abfallvermeidung entlang der Wertschöpfungskette geht. Alle Abläufe sollen dazu beleuchtet werden.

Das Unternehmen

Reinert erzielte im Jahr 2017 mit mehr als 1.200 festangestellten Mitarbeitern einen Umsatz von gut 340 Millionen Euro. Noch ist die Unternehmensgruppe an sechs Produktionsstandorten tätig. Das sind neben dem Stammsitz in Loxten und dem zu schließenden Werk in Friesoythe Fabriken in Brunsbek (Schleswig-Holstein), Lörrach (Baden-Württemberg), Neuenkirchen-Vörden (Niedersachsen) und Brasov (Rumänien). Zudem gehört mit Arro ein Importeur deutscher Fleischwaren in Frankreich zur Gruppe. Reinert ist die Nummer vier auf dem deutschen Wurstmarkt hinter der Tönnies-Tochter Zur Mühlen (unter anderem Nölke), der Deutschland-Tochter des Schweizer Bell-Konzerns und Kemper.

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