HalleKeine Rodung - Aktivisten bleiben: Wie beide Seiten die Situation bewerten

Storck hat bekanntgegeben, bis Ende Februar keine Maßnahmen zur Umsetzung der Laibachverlegung ergreifen zu wollen. Die Baumbesetzer wollen dennoch bis Ende Februar im Wald ausharren. Gestern Abend rückte die Spurensicherung an.

Jonas Damme, Heiko Kaiser

Zu gefährlich. Beim Gang durch den besetzten Waldabschnitt wiesen zwei Polizeibeamte die Besetzer auf Gefahrenpunkte hin. Hervorstehende Äste könnten passierende Radfahrer verletzen, erklärten sie. - © Heiko Kaiser
Zu gefährlich. Beim Gang durch den besetzten Waldabschnitt wiesen zwei Polizeibeamte die Besetzer auf Gefahrenpunkte hin. Hervorstehende Äste könnten passierende Radfahrer verletzen, erklärten sie. © Heiko Kaiser

Halle. Im Streit um die Baumbesetzung hielt sich Storck bisher sehr zurück. Nun macht das Unternehmen erstmals eine Ankündigung. „Die Entwicklungen der letzten Tage lässt uns eine weitere und womöglich ausufernde Eskalation befürchten", schreibt Pressesprecher Dr. Bernd Rößler auf Anfrage. „An einer solchen, die gesamte Stadt Halle beeinträchtigenden Entwicklung hat Storck kein Interesse und wird daher im Rahmen des für Fällarbeiten zur Verfügung stehenden Zeitraums bis Ende Februar keine Maßnahmen zur Umsetzung der Laibachverlegung ergreifen." Darüber hinaus will er die Ankündigung nicht kommentieren. Damit nimmt Storck zunächst einmal den zuletzt stetig steigenden Druck aus der Debatte.

„Isoliertes Vorgehen der Stadt ist nicht zielführend"

Bürgermeister Thomas Tappe kündigt im HK-Gespräch an, „die Entscheidung der Firma Storck, die Maßnahmen auszusetzen, selbstverständlich zu respektieren". Für den städtischen Waldbereich werde man nun analog vorgehen. „Ein isoliertes Vorgehen der Stadt, dass wir also fällen und Storck nicht, ist überhaupt nicht zielführend", so Tappe. Verantwortlich für das Verfahren sei Storck, jetzt werde man sich weiter mit dem Unternehmen abstimmen.

Dass Deeskalation nötig ist, zeigt schon die vorvergangene Nacht. Am Mittwochabend um 22.30 Uhr waren zwei junge Versmolder mit dem Auto zum besetzten Waldstück gefahren. Nach Darstellung der Besetzer hatten sie erst versucht, mit dem Wagen über den Waldweg ins Lager zu kommen, scheiterten aber am blockierten Weg und den Holzbarrikaden. Daraufhin kamen sie noch einmal von der entgegengesetzten Seite und fällten mit einer Kettensäge eine 25 Meter hohe Buche.

Dieser Baum wurde in der Nacht gefällt. - © Heiko Kaiser
Dieser Baum wurde in der Nacht gefällt. (© Heiko Kaiser)

Weil die Aktivisten das Kennzeichen notiert hatten, konnte die Polizei die 20 und 22 Jahre alten Männer schnell ausfindig machen. Gegen sie wird nun wegen Sachbeschädigung und Kennzeichenmissbrauchs ermittelt, erklärte die zuständige Polizei Bielefeld. Die Männer hatten versucht, ihr Nummernschild abzukleben. Sollten die Ermittler gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft zu dem Schluss kommen, dass die Männer billigend in Kauf genommen haben, dass der Baum jemanden hätte treffen können, könnten noch entsprechende Anklagepunkte wie „Körperverletzung" hinzukommen.

Waldbesetzer sprechen von "versuchtem Mord"

Die Waldbesetzer selbst hatten die Vorfälle in den sozialen Medien und einer Pressemitteilung dramatisch geschildert, von einem „Anschlag" gesprochen, der wohl aus dem „rechten Spektrum" komme, und gar behauptet, der Vorwurf des „versuchten Mordes" stehe im Raum. Nichts davon bestätigte indes die Polizei. Nur ein Beleg dafür, dass der Kampf um den Storck-Wald zu einem guten Teil mit Worten und emotionalen Zuspitzungen geführt wird.

Derweil laufen auch die Ermittlungen im Strafverfahren gegen die Besetzer. Der Bürgermeister hatte Anzeige erstattet. Er geht davon aus, dass es sich bei der Besetzung um Hausfriedensbruch handelt. Der Tatbestand des Hausfriedensbruches setzt allerdings üblicherweise voraus, dass das Eigentum „befriedet", also umzäunt oder anderweitig deutlich gekennzeichnet ist. Die Aktivisten selbst hatten mehrfach erklärt, sie gingen davon aus, nur eine Ordnungswidrigkeit zu begehen. Rechtlich will die Bielefelder Polizei die Anzeige noch nicht einschätzen, allerdings werde sie jetzt von der Abteilung Staatsschutz bearbeitet.

Die Nachricht, dass Storck bis Ende Februar keine Maßnahmen zur Laibachverlegung vornehmen werde, wurde von Waldbesetzern und Fridays-For-Future-Aktivisten begrüßt. Tobias Rüter (FFF): „Das ist ein Erfolg und ein Zeichen, dass in diesen Zeiten nicht alles durchgesetzt werden kann. Die Politik sollte es zum Anlass nehmen, eine andere Richtung einzuschlagen. Und zwar in Richtung einer besseren Klimapolitik. Es ist gleichzeitig eine Aufforderung, zukünftig waldschonender vorzugehen und weniger zu versiegeln."

„Es wäre toll, wenn wir ins Gespräch kommen könnten"

Freudig, aber auch mit spürbarer Skepsis nahmen die Waldbesetzer die Nachricht auf. „Ich bin unendlich dankbar. So eine Selbstwirksamkeit zu erfahren, ist alles andere als selbstverständlich für uns Aktivisten. Es zeigt, dass wir wirklich in einer Demokratie leben, in der auf die Stimmen der Menschen gehört wird", sagte eine Frau, die sich „Elfe" nennt. Dennoch werde sie auch die nächsten Nächte auf dem Baum verbringen und bleiben, bis die Rodungssaison ende. „Erst, wenn die ersten Vögel ihr Nest im Baum beziehen, können wir sicher sein, dass nun nicht mehr gefällt wird", sagte sie.

Aktivistin „Elfe" nach der Storck-Nachricht. - © Heiko Kaiser
Aktivistin „Elfe" nach der Storck-Nachricht. (© Heiko Kaiser)

Anschließend richtete sie einen Appell an Stadt- und Unternehmensführung: „Es wäre toll, wenn wir ins Gespräch kommen könnten, um Lösungen zu finden." Auf die Frage, ob die Aktivisten denn überhaupt zu Kompromissen bereit seien, antwortet Joshua Stock. Er ist aus Karlsruhe angereist und kandidiert bei den kommenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg für „Die Partei". „Wenn ich Kompromisse machen wollte, wäre ich in der SPD", sagte er. Mehr Kompromissbereitschaft zeigten einige Aktivisten gestern, als zwei Polizeibeamte sie auf gefährlich vorstehende Äste und Baumstämme in den Barrieren hinwiesen und erklärten, diese stellten eine Gefahr für Radfahrer dar. „Wir nehmen sie weg", versprachen die Besetzer.

Einbruch in die alte Storck-Villa

Um 16.30 Uhr wurde die Polizei schließlich über einen Einbruch in die alte Storck-Villa am Paulinenweg informiert. Zeugen wollen mehrere Täter gesehen haben. Die waren offenbar auch ins eingezäunte Gebäude eingedrungen. Ein Dutzend Beamte sowie die Spurensicherung waren vor Ort. Ersten Erkenntnissen zufolge soll nichts gestohlen worden sein. Ob es einen Zusammenhang zur direkt benachbarten Besetzung gibt, ist derzeit unklar.

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