HalleBürger wollen sich gegen noch mehr Gewerbe wehren

Erbittert haben die Künsebecker gegen noch mehr Gewerbe in ihrem Ortsteil gekämpft. Der Entwurf des neuen Regionalplanes ermöglicht es trotzdem – auch wenn es einige Überraschungen gibt. Ein engagierter Landwirt hat dennoch große Sorgen.

Marc Uthmann

Landwirt Hermann Künsemöller verfolgt die Planungen in seiner Heimat Künsebeck seit Jahren kritisch. Auch der Entwurf des neuen Regionalplanes findet seiner Ansicht nach nicht die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft. - © Heiko Kaiser
Landwirt Hermann Künsemöller verfolgt die Planungen in seiner Heimat Künsebeck seit Jahren kritisch. Auch der Entwurf des neuen Regionalplanes findet seiner Ansicht nach nicht die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft. © Heiko Kaiser

Halle. Ziemlich genau drei Jahre ist es her, als Hermann Künsemöller im großen Saal des Landhotels Jäckel aufstand, und seinem Ärger und seinen Sorgen Luft machte. Der Applaus der zahlreichen Menschen war ihm sicher. Die Künsebecker fürchteten damals um die unversehrte Zukunft ihrer Heimat – und sie tun es auch heute. Hermann Künsemöller bleibt kämpferisch. Denn zwar gibt es einen Entwurf des Regionalplanes, doch der ist in der politischen Debatte noch lange nicht das letzte Wort.

89 Hektar für gewerbliche und industrielle Entwicklung billigt der Entwurf Halle bis 2040 zu (das HK berichtete). Und damit ebenso viel, wie die Stadt nach einem politischen Beschluss des Stadtrates an die Bezirksregierung Detmold gemeldet hatte. Und doch lohnt ein genauerer Blick auf die Karten: Denn während damals etwa 44 Hektar für ein mögliches interkommunales Gewerbegebiet Ravenna-Park II unter anderem entlang der Tatenhausener Straße vorgesehen waren, sind die möglichen Entwicklungsflächen hier geschrumpft oder anders zugeschnitten.

„Regionalpläne können auch angepasst werden“

„Entlang der Tatenhausener Straße ist der Bereich für Gewerbe und Industrie kürzer geworden als ursprünglich gemeldet“, urteilt Hermann Künsemöller nach seinem Kartenstudium. Und verweist ein wenig süffisant darauf, dass die Stadt Flächen in einem Gebiet erworben habe, die sich nun gar nicht mehr im Entwurf befänden. 44 Hektar stünden für Ravenna-Park II demnach nicht mehr zur Verfügung. „Im Bereich westlich der Kreisheide ist der Flächenzuschnitt allerdings wie beantragt geblieben, am Künsebecker Weg ist er geschrumpft, aber noch da.“

Augenscheinlich haben die Planer in Detmold vor allem entwicklungsfähige landwirtschaftliche Betriebe berücksichtigt. Als gewerbliche Entwicklungsflächen gemeldete Gebiete in ihrem Einzugsbereich sind teilweise herausgestrichen worden, dafür kamen andere Flächen im Umkreis kleinerer Höfe dazu. „Wobei man sagen muss, dass die Nutzung von Freiflächen für die Landwirtschaft auch nicht verbindlich ist. Wir haben bei Storck gesehen, dass Regionalpläne durchaus angepasst werden können“, sagt Künsemöller.

Wie sich die Lage in Künsebeck denn nun genau verändert hat, mag er noch gar nicht abschließend beurteilen, denn dazu ist dem Biolandwirt das Kartenmaterial bisher zu wenig aussagekräftig. Auf einem ähnlichen Stand befindet man sich übrigens auch im Haller Rathaus. „Die Bezirksregierung hat in diesem Gebiet weniger Eignungsflächen anerkannt, sowohl für Gewerbe und Industrie als auch für Wohnen. Gerade im Bereich südlich der Tatenhausener Straße fehlt einiges“, bestätigt der zuständige städtische Abteilungsleiter Michael Flohr auf Anfrage des Haller Kreisblattes.

Die Stadt hatte ihren Vorschlag 2017 nach Vorbereitung durch ein Fachbüro und politischem Beschluss zur Bezirksregierung geschickt. Wie sich der Flächenzuschnitt im Entwurf des Regionalplans nun im Detail von dieser Meldung unterscheidet, will die Stadt erst einmal ermitteln. „Da sitzt ein Planungsbüro dran, Karten werden übereinandergelegt. Die Zahlen, Daten und Fakten werden wir dann der Politik präsentieren“, so Flohr.

Das dürften allerdings noch ein wenig dauern. Am 18. November konstituiert sich der neue Rat, dann erst nehmen die Fachausschüsse ihre Arbeit auf. Michael Flohr vermochte noch nicht abzuschätzen, wann das Thema wieder auf die politische Tagesordnung kommt.

"Wir sehen die Planung weiterhin kritisch"

Für Hermann Künsemöller ist die genaue Hektarzahl der potenziellen Gewerbe- und Industrieflächen ohnehin nicht der entscheidende Punkt. „Unter dem Strich bleibt es der nächste Schritt in ein bislang unversehrtes Gebiet. Unsere Böden sind hier ohnehin schon übernutzt, wir sehen die Planung weiterhin kritisch.“

Und dafür führt der engagierte Künsebecker Grundsätzliches an: „Erst kam die A 33 – und da wusste noch niemand, dass sie flächenmäßig am Ende wohl das kleinste Problem darstellen würde. Mit der Autobahn folgten die Nebenbauwerke wie Brücken. Dann hat sich Gewerbe wie der Ravenna-Park angesiedelt. Zusätzlicher Raum für Wohnbebauung kam auch noch hinzu. Und was bisher nur wenige auf dem Schirm haben: Die verbliebenen Flächen wurden intensiver zur Wasserförderung herangezogen und damit noch stärker belastet“, sagt Künsemöller. Sein Fazit: „Uns hat es hier gleich fünf Mal getroffen.“

Schon heute sei im Einzugsbereich der Brunnen eine Versteppung der Fläche zu beobachten, ebenso würden Bäume vertrocknen. „Der Klimawandel zeigt sich so noch deutlicher – und gleichzeitig werden Flächen drainiert, um darauf Gewerbebauten errichten zu können.“

Bürger wollen Möglichkeiten zum Einspruch nutzen

Künsemöller zeigt sich besorgt, dass die Technischen Werke Osning nun einen Ersatzbrunnen südöstlich des bisherigen Fördergebietes in Tatenhausen bauen wollten. Dessen Förderbereich werde zu einem Drittel Künsebeck betreffen. „Das Wasserschutzgebiet muss dann erweitert werden, denke ich. Und wir bekommen hier ein Problem mit dem Wasser.“

All diese Einzelprobleme summierten sich und führten zu einer Grundsatzfrage: „Warum wird ein Gebiet noch mehr beansprucht, das eindeutig überbeansprucht ist? Stattdessen müssten gewerbliche Nutzungen auf vorhandener Fläche optimiert werden“, fordert Künsemöller.

Die Künsebecker werden sich im politischen Prozess jetzt wieder einbringen: „Es gibt Einspruchsmöglichkeiten bis März – und die werden wir sicher nutzen“, sagt Künsemöller, der mit vielen Bürgerinnen und Bürgern aus dem Ortsteil in Kontakt steht. „Aber die Gespräche fangen jetzt erst an, wir können das in Ruhe betrachten.“

Der Landwirt verweist darauf, dass sich die politische Landschaft im Stadtrat mit der Kommunalwahl verändert habe. „Künsebeck hat jetzt zwei grüne Ratsmitglieder. Das ist in gewisser Weise vielleicht auch eine Antwort auf all diese Planungen“, sagt Künsemöller. Die Grünen haben bereits ihren Widerstand gegen Ravenna-Park II angekündigt.

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