36-Jähriger mit Hüftprothese durchquert Deutschland in sechs Tagen mit dem Rad

Mit 18 Jahren bekommt André Kather eine Hüftprothese. Das hält ihn nicht davon ab, Triathlons zu laufen. Da es derzeit keine Wettkämpfe gibt, feiert er die "Volljährlichkeit" des künstlichen Gelenks eben anders.

Dennis Bleck

Blick in die Ferne: Während seiner Tour durch Deutschland hat André Kather Deutschland von ganz anderen Seiten kennengelernt. - © Privat
Blick in die Ferne: Während seiner Tour durch Deutschland hat André Kather Deutschland von ganz anderen Seiten kennengelernt. (© Privat)

Versmold. Den Namen „Kirsten" wird André Kather so schnell nicht vergessen. So heißt das Sturmtief, das die Pläne des 36-Jährigen fast durchkreuzt. Der Triathlet aus Versmold hat sich vorgenommen, Deutschland mit dem Fahrrad zu durchqueren. Von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen will er fahren und die rund 1.100 Kilometer in fünf Tagen bewältigen – bis der Wind, der Regen und die Kälte ihn einholen.

Kather trotzt dem Wetter. Er gibt nicht auf und erreicht das Ziel – auch, weil er die Nord-Süd-Tour aus einem ganz bestimmten Grund beginnt: Er ist 15 Jahre alt und Handballer bei der Spvg. Versmold, als die Ärzte eine Hüftkopfnekrose diagnostizieren. Knochenfraß. Mehrere Operationen und drei Jahre später erhält Kather ein künstliches Gelenk. 18 Jahre danach ist dieses „volljährig", wie Kather sagt. „Ich wollte etwas verrücktes und besonderes unternehmen, um diesen Geburtstag zu feiern", erklärt er. Gesagt, getan. Natürlich unter ärztlicher Aufsicht.

„Als Sportler braucht du ein Ziel – sonst fehlt die Motivation"

Dass er im August mit dem Rennrad quer durch Deutschland tourt, ahnt Kather zu Jahresbeginn allerdings noch nicht. Mallorca oder Italien: Dort hätte der Sportler eigentlich gerne seinen Sommerurlaub mit der Familie verbracht. Zuvor wäre er beim Ironman in Frankfurt gestartet. So die Theorie.

Doch wie bei vielen anderen auch bringt die Corona-Pandemie sämtliche Pläne ins Wanken. Als klar ist, dass es in diesem Jahr keine Triathlon-Wettkämpfe gibt und die Reise im Sommer nicht in den Süden Europas geht, sucht Kather nach Alternativen. Er erinnert sich an ein Vorhaben, das er schon immer umsetzen wollte: Deutschland mit dem Fahrrad durchqueren. „Als Sportler brauchst du schließlich ein Ziel – sonst fehlt im Training die Motivation", sagt Kather. Mittlerweile ist er zurück in Versmold und schwärmt von seiner Tour – trotz der vielen Unwägbarkeiten, die ihn währenddessen heimsuchen.

Die Belohnung für die Strapazen der Reise bleibt aus

Wegen des schlechten Wetters kann Kather nicht die Kilometer abspulen, die er sich vorgenommen hat: Übernachtungen in Hotels und Pensionen, die der Versmolder vor seiner Abreise buchte, muss er stornieren. Er sucht stattdessen spontan nach Alternativen. Aus den geplanten fünf Reise-Tagen werden sechs. Und auch die Belohnung für die Strapazen bleibt aus.

Denn eigentlich wollte Kather am letzten Tag seines Trips auf die Zugspitze fahren – weil es zu nebelig ist, verwirft er diese Idee und steigt in den Zug nach Hause. Trotzdem überwiegt das Positive: „Ich habe unglaublich viel Hilfsbereitschaft und Solidarität erfahren", sagt Kather und nennt zwei Beispiele: Als er kurz vor Ladenschluss erschöpft und mit müden Beinen eine Cola kaufen will, muss er diese nicht bezahlen. Zum Öl für die Fahrradkette reicht ihm der Verkäufer gratis einen Kaffee. „Du kommst mit vielen fremden Leuten ins Gespräch und lernst Deutschland während der Tour von einer anderen Seite kennen – das ist sehr schön", sagt Kather.

André Kathers Fernziel bleibt der Ironman auf Hawaii

Die nächsten Fahrrad-Reisen hat Kather deshalb schon im Kopf: er will Deutschland jetzt auch von Osten nach Westen durchqueren – und den Mauerradweg entlang der alten DDR-Grenze abfahren. Das große Fernziel bleibt aber ein anderes: Der Ironman auf Hawaii.

Seit Kather mit dem Triathlon-Sport begonnen hat, träumt er von einem Start auf der prestigeträchtigen Insel im Pazifischen Ozean. Poster im Büro und im Trainingsraum erinnern ihn täglich daran. Kather ist fest davon überzeugt, irgendwann in Kailua-Kona die Ziellinie zu erreichen. Zumindest „Kirsten" muss er dort nicht fürchten.

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