Nach Messerangriff: Beschuldigter plädiert auf Notwehr

Nach der gewalttätigen Auseinandersetzung am Samstagabend an der Bielefelder Straße hat der 28-Jährige die Vorwürfe eingeräumt. Er will jedoch zuvor bedroht worden sein.

Marc Uthmann

Die Flüchtlingsunterkunft an der Bielefelder Straße in Versmold. - © Marc Uthmann
Die Flüchtlingsunterkunft an der Bielefelder Straße in Versmold. (© Marc Uthmann)

Versmold. Die Ermittlungen im Fall des eskalierten Streits in einer Flüchtlingsunterkunft an der Bielefelder Straße sind einen Schritt weiter. Der 28-jährige Eritreer, der noch am Samstag ohne Widerstand festgenommen wurde, hat sich am Sonntag vor der Haftrichterin geäußert.

„Er gibt den Messereinsatz zu, will aber zuvor von dem Geschädigten bedroht worden sein", berichtet der zuständige Staatsanwalt Christopher York auf Anfrage des Haller Kreisblattes. Der Beschuldigte habe angegeben, aus Angst vor dem Geschädigten zugestochen zu haben. Dabei erlitt ein 25-jähriger Syrer, wie berichtet, Stichverletzungen im Oberkörper, wurde noch vor Ort von Rettungskräften versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Er schwebt nicht in Lebensgefahr.

Das Amtsgericht hat nun auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung erlassen. Die Tatwaffe wurde allerdings immer noch nicht gefunden. „Im weiteren Verlauf werden Spuren ausgewertet und Vernehmungen durchgeführt", kündigte Christopher York an.

Das Opfer des Messerangriffs hatte die Unterkunft an der Bielefelder Straße am Samstag offenbar gezielt aufgesucht, zu den Bewohnern zählt der 25-jährige Syrer nicht – in den beiden Häusern leben nach HK-Informationen keine Personen seiner Nationalität.

Die Stadt hat in den beiden Gebäuden insgesamt 19 geflüchtete Menschen untergebracht, zwölf unter Hausnummer 38, weitere sieben unter der Adresse Bielefelder Straße 40. Die Bewohner haben  verschiedene Herkünfte, Afrikaner leben gemeinsam mit Geflüchteten aus dem arabischen Raum oder dem Nahen Osten. Auch was den Aufenthaltsstatus angeht, herrscht eine große Bandbreite. „Das geht von der Duldung über den subsidiären Schutz bis hin zur Anerkennung", sagt der zuständige städtische Fachbereichsleiter Thomas Tappe dem HK. „Wir versuchen bei der Belegung der Unterkünfte schon darauf zu achten, dass vor allem Religion oder Kultur kein Konfliktpotenzial bieten."

Viele Menschen auf engem Raum bergen Konfliktpotenzial

Mit der Einrichtung an der Bielefelder Straße habe die Stadt – anders als etwa am Brüggenkamp – bisher noch keine negativen Erfahrungen in Bezug auf gewaltsame Auseinandersetzungen gemacht. Und auch in diesem Fall war einer der beiden Beteiligten offenbar kein Bewohner der Unterkunft.

Generell berge die Unterbringung aber immer wieder Konfliktpotenzial, gesteht Tappe ein. „Wir haben aktuell zwar nur eine Belegungsquote von 55 Prozent und wollen sie auch gar nicht viel höher haben, um den Bewohnern einen gewissen Freiraum zu bieten. Aber wenn sich viele Menschen eine Unterkunft und damit Küche und sanitäre Anlagen über lange Zeit teilen, kann es auch leichter zu Streit kommen", sagt Tappe.

Gut 170 Menschen leben nach Auskunft des Ordnungsamtsleiters noch in städtischen Unterkünften, für mehr als 200 sind mittlerweile Wohnungen in Versmold gefunden worden. „Jetzt wird es allerdings zunehmend schwer, Wohnraum für anerkannte Asylbewerber anzubieten", erklärt Tappe. „Wenn die dann nach Jahren immer noch in Einrichtungen leben, steigt natürlich das Frustpotenzial."

Zwar liefern die Umstände noch lange keinen Grund für Messerattacken wie am vergangenen Samstag, doch sieht der Fachmann aus dem Rathaus hier die größte Herausforderung der kommenden Monate. „Die erste Zeit, in der die Menschen froh waren, eine sichere Bleibe zu haben, ist jetzt vorbei. Es geht um dauerhafte Perspektiven." Die Stadt bemühe sich dabei weiterhin intensiv um die Geflüchteten – nicht zuletzt über ihre Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

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