SteinhagenPflanzaktion: Süßeichel-Experiment ist eine Chance, birgt aber auch Risiken

Der Aufruf der Initiative „Umwelt trifft Technik“ ist auf eine große Resonanz gestoßen. 30 Teilnehmer wollen testen,ob die Bur-Eiche in unseren Breitengraden wächst und gedeiht und somit als Klimawandelgehölz taugt.

Frank Jasper

Cora Brandt - © Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer
Cora Brandt © Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer

Steinhagen. Bei den Initiatoren der Pflanzaktion herrscht Aufbruchstimmung. Getreu dem bekannten Buchtitel des Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen" werden jetzt im Altkreis Halle Bur-Eichen gepflanzt. Die Bäume gelten als widerstandsfähig, ihre Eicheln werden besonders groß und schmecken süß. Die Eicheln stammen vom spanischen Kooperationspartner Urban Street Forest, der sich für das Aufforsten von ausgetrockneten Flächen einsetzt.

Die Teilnehmer des Experiments pflanzen je drei Bur-Eichen zuhause in einen Topf und setzten die Pflanzen später auf dem eigenen Hof oder im Garten aus. In den folgenden Jahren wird sich zeigen, ob die Baumart mit dem heimischen Klima klar kommt. Die Hoffnungen beruhen darauf, dass die Bur-Eiche die zunehmend trockenen Sommer in Deutschland aushält und somit eine Alternative zu den herkömmlichen Baumarten sein könnte.

Helga Retzlaff - © Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer
Helga Retzlaff (© Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer)

Helga Retzlaff, Eigentümerin eines Landwirtschaftsbetriebs und Mitbegründerin der solidarischen Landwirtschaft Crowd & Rüben, gehört zu den Teilnehmerinnen. „Auf unseren Ackerflächen und im hofeigenen Wald spüren wir zunehmend die Folgen des Klimawandels", berichtet sie. „Vor allem die Pflanzen leiden unter der extremen Trockenheit. Für die Wiederaufforstung benötigen wir Baumarten, die auch auf mageren Boden bei großer Trockenheit wachsen können."

Julia Karnath möchte im eigenen Garten die Bur-Eiche anpflanzen und beobachten. „Umweltschutz und Nachhaltigkeit fangen bei mir mit Kleinigkeiten im Alltag an. An der Süßeichel-Aktion gefällt mir, dass ich hier vor Ort in Steinhagen etwas tun kann", sagt die Wirtschaftsjuristin. Optimistisch blickt sie in die Zukunft: „Ich hoffe, dass ich den nächsten Generationen mit einer Bur-Eiche etwas hinterlasse, das ebenso prächtig ist wie unsere 70-jährige heimische Garteneiche."

"Wir müssen das riskieren, um überhaupt eine Chance zu haben"

Ernst Niedermeyer - © Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer
Ernst Niedermeyer (© Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer)

Das Experiment, nach Wissen von Mitinitiatorin Cora Brandt einmalig in Deutschland, findet in Absprache mit dem Regionalforstamt OWL und dem Landesbetrieb Wald und Forst statt. Die Süßeicheln und später die Bäume dürfen nur im eigenen Umfeld oder auf einem unter Beobachtung stehenden Waldstück von Waldbauer Ernst Niedermeyer gepflanzt werden. Denn das Einbringen fremder klimaresistenter Arten in das heimische Ökosystem birgt auch Risiken. In Steinhagen lässt sich beispielsweise auf dem Jakobsberg beobachten, wie eine besonders robuste Stechpalmenart dem Leberblümchen zunehmend den Lebensraum streitig macht. „Der Landesbetrieb fördert darum nur den Anbau heimischer Gehölze, fremde möchte man hier nicht haben", berichtet Ernst Niedermeyer.

Dennoch ist der Steinhagener Waldbauer davon überzeugt, dass es Alternativen zum heimischen Gehölz braucht. „Wir hatten in den vergangenen drei Jahren deutlich weniger Niederschlag. Und mit jedem Grad Erderwärmung wandert die Vegetation um 750 Kilometer nach Norden." Auf diese Entwicklung müsse man rechtzeitig Antworten finden. Biologin Cora Brandt stimmt ihm zu: „Wir müssen das riskieren, um überhaupt eine Chance zu haben. Denn das Klima wandelt sich in einem Affentempo."

Birgit Lutzer - © Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer
Birgit Lutzer (© Umwelt trifft Technik, Birgit Lutzer)

Wer an dem Steinhagener Pilotprojekt noch teilnehmen möchte, kann mit Dr. Birgit Lutzer von „Umwelt trifft Technik" Kontakt aufnehmen. Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer (0 52 04) 92 12 96 oder über folgende E-Mail-Adresse: redaktion@umwelt-trifft-technik.info. Die Teilnehmer tauschen sich regelmäßig über das Experiment aus, zurzeit ist das lediglich über Videokonferenzen möglich.

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