Großer Frust trotz Stichwahl - SPD schrumpft in Halle zum Juniorpartner

Zwar hat Edda Sommer die Stichwahl erreicht, doch ihre Partei büßt fünf Ratssitze ein. Die Genossen sind ratlos, es jubeln die Grünen. Die Kür des Stadtoberhauptes wird nun wichtig für die neuen Mehrheitsverhältnisse. Ebenso wie die Unabhängigen.

Marc Uthmann

Als „faire Verlierer“ bezeichneten sich die Haller Grünen-Sprecher Veronika Karpf und Frank Winter. Mit Blumen gratulierten sie Edda Sommer (SPD) zum Einzug in die Stichwahl. Auf Parteiebene hingegen überflügelten die Grünen die SPD deutlich. Foto: Marc Uthmann - © Marc Uthmann
Als „faire Verlierer“ bezeichneten sich die Haller Grünen-Sprecher Veronika Karpf und Frank Winter. Mit Blumen gratulierten sie Edda Sommer (SPD) zum Einzug in die Stichwahl. Auf Parteiebene hingegen überflügelten die Grünen die SPD deutlich. Foto: Marc Uthmann (© Marc Uthmann)

Niedergang der SPD

Enttäuschte Gesichter bei der Haller SPD - von links: Heinz Schulte-Brochterbeck, Wolfgang Bölling, Katrin Flöttmann und Marco Hülsmann. - © Nicole Donath
Enttäuschte Gesichter bei der Haller SPD - von links: Heinz Schulte-Brochterbeck, Wolfgang Bölling, Katrin Flöttmann und Marco Hülsmann. (© Nicole Donath)

„Das tut einfach nur weh", sagte SPD-Ratsfrau Claudia Lantzke am Sonntag im Event Center. Mehr als zehn Prozent ihrer Stimmanteile büßten die Sozialdemokraten ein, wären in einem rot-grünen Bündnis künftig nur noch der Juniorpartner. Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann vermutete schon am Wahlabend, „dass es offenbar gerade in Mode ist, die SPD abzustrafen". Und insgesamt zeigten sich die Genossen ratlos, wo sie denn nun die inhaltlichen Fehler gemacht hatten, um so ein Desaster zu verdienen.

Schwieriger Umbruch

„Gegen den Bundestrend kommt man nicht an", analysierte Jörg Witteborg aus dem SPD-Ortsvereinsvorstand am Tag nach der Wahl. „Aber das es uns so stark trifft, damit hatten wir nicht gerechnet." Vor allem, dass man nur noch zwei Direktmandate geholt habe, schmerze, gab Witteborg zu. „Allerdings stecken wir auch im Umbruch, haben zehn neue Kandidaten aufgestellt. Junge Kräfte mussten sich direkt im Wahlkampf bewähren." Im Rat werde es für die SPD nun darum gehen, Mehrheiten zu finden, „für Themen, die uns wichtig sind", so der Sprecher. „Auch die Grünen haben da sicherlich ein Interesse", prognostizierte Witteborg und setzte auf die „Stabilität" in der Zusammenarbeit von SPD, Grünen und mitunter auch der UWG.

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Ein Hoffnungsschimmer

Mut macht den Sozialdemokraten, dass Edda Sommer die Stichwahl erreicht hat: „Das haben uns viele nicht zugetraut", betonte Witteborg. „Das ist jetzt ein Personenduell und Edda hat bereits gepunktet – darauf kann man aufbauen. Das wird eine neue Wahl."

Grüne Euphorie

Peter Goldbecker (CDU) und die noch amtierende Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann diskutieren über die Wahlergebnisse. - © Nicole Donath
Peter Goldbecker (CDU) und die noch amtierende Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann diskutieren über die Wahlergebnisse. (© Nicole Donath)

Ein „Traumergebnis" habe man eingefahren, jubelte der Grüne Frank Winter am Sonntagabend, und seine Sprecherkollegin Veronika Karpf betonte selbstbewusst: „Das nehmen wir als Auftrag, auch weiterhin beim Thema Storck Kante zu zeigen." Auch Frank Winter fand, „dass unsere Haltung hier honoriert wurde". Mit zehn Sitzen nehmen die Grünen nun eine wichtige Rolle im Stadtrat sein – sie dürften künftig die Akzente in einer möglichen rot-grünen Partnerschaft setzen.

Wittes Widersprüche

Dr. Kirsten Witte konnte vom grünen Höhenflug als Bürgermeisterkandidatin hingegen nicht profitieren und verpasste die Stichwahl denkbar knapp. Sie gab sich gefasst: „Ich finde es schade, dass ich ausgeschieden bin. Aber ich habe auch einen schönen Job bei der Bertelsmann-Stiftung." Womöglich hat der Schlingerkurs der Grünen in der Storck-Frage ihrer Kandidatin am meisten geschadet. Ihren Wahlkreis allerdings holte Witte als eine von drei Grünen direkt – neben ihr triumphierten Friederike Hegemann und Ingrid Diekmann-Vemmer, und zwar beide in Künsebeck. Bei dieser Personenwahl vorne, bei der großen nur auf Platz drei – es war ein paradoxer Abend für die 54-Jährige, die mit so großen Ambitionen gestartet war.

Wermutstropfen der CDU

Regelrecht überrumpelt von ihren Erfolgen in den Wahlbezirken wurde die Haller CDU. Ihren Stimmenanteil konnten die Christdemokraten zwar nur leicht von 34,95 auf 36,1 Prozent steigern – räumten zugleich aber 14 der 19 Direktmandate ab. Was in Kombination dazu führte, dass wichtige Mitglieder der bisherigen Fraktion aus dem Rat ausscheiden müssen: ihr Vorsitzender Hendrik Schaefer, der Vorsitzende des Bauausschusses, Detlev Kroos, und Dr. Ute Müller, die den Sozialausschuss leitet. „Das bedaure ich zutiefst", kommentierte Bürgermeisterkandidat Thomas Tappe diese Entwicklung. „Alle drei haben in den vergangenen Jahren tolle Arbeit geleistet." Aber es gelte auch, sich über die 14 Direktmandate zu freuen. „Wir werden ein tolles Team auf die Beine stellen."

Duell mit neuen Vorzeichen

Tappe selbst verlebte einen entspannten Abend, schnell zeichnete sich ab, dass er die nächste Runde als klar Führender erreichen dürfte. „Jetzt gilt es aber, die Stichwahl ernstzunehmen. Ich bin auf alle angewiesen, die für mich gestimmt haben. Die müssen noch mal kommen." Zwar lag Tappe mit 44,47 Prozent am Sonntag deutlich vor Sommer (28,16 Prozent), doch sind nun auch wieder jene Stimmen „auf dem Markt", die Dr. Kirsten Witte für die Grünen erhalten hat. Es wird entscheidend darauf ankommen, wer seine Unterstützer am besten mobilisiert, und für wen sich die bisherigen Wähler der Grünen entscheiden. Storck dürfte in diesem Duell keine entscheidende Rolle spielen – zu ähnlich sind sich die beiden Kandidaten da in ihrer Haltung. Es sei denn, dass Fass würde aus taktischen Gründen erneut aufgemacht. Thomas Tappe geht davon aus, dass die Tempo-30-Debatte und Bürgerbeteiligung eine große Rolle spielen werden. „Wir werden unsere Themenstellung jetzt jedenfalls nicht über den Haufen werfen."

Anspannung und Freude bei den Haller Grünen: Während es Dr. Kirsten Witte (links im Bild mit Ehemann Jochen Stoppenbrink) nicht in die Stichwahl um das Bürgermeisteramt schaffte, sind die Grünen als Partei nun zweitstärkste Kraft in Halle. Mit im Rat: Frank Winter (rechts) und Ehefrau Ingetraud Beckebanze. - © Nicole Donath
Anspannung und Freude bei den Haller Grünen: Während es Dr. Kirsten Witte (links im Bild mit Ehemann Jochen Stoppenbrink) nicht in die Stichwahl um das Bürgermeisteramt schaffte, sind die Grünen als Partei nun zweitstärkste Kraft in Halle. Mit im Rat: Frank Winter (rechts) und Ehefrau Ingetraud Beckebanze. (© Nicole Donath)

Sieger macht Mehrheiten

Der Wahlsieger bekommt natürlich auch eine Stimme im neuen Stadtrat – und die ist diesmal besonders kostbar. Sollte Edda Sommer siegen, hätten SPD und Grüne mit 20 von 38 Stimmen weiter eine Mehrheit. Zieht Thomas Tappe ins Rathaus ein, kippt er auch diese Konstellation – und könnte mit Stimmen von CDU, UWG und FDP bürgerliche Mehrheiten erzeugen. Nebenbei würde Thomas Tappe mit einem Sieg übrigens auch Peter Goldbecker in den Stadtrat hieven – der Hörster ist Nachrücker, wenn Tappe sein Direktmandat abgibt.

Stolze Unabhängige

Die Unabhängige Wählergemeinschaft hat sich eine komfortable Position erarbeitet: 9,52 Prozent bedeuten vier Sitze – einer mehr als bisher. „Ich hatte Sorgen, dass wir angesichts der Bürgermeisterwahl untergehen könnten. Das ist nicht passiert" – UWG-Urgestein Karl-Heinz Wöstmann zeigte sich erleichtert. Dieses Gefühl wich später dem Stolz, den der UWG-Vorsitzende Michael Koch ausdrückte: „Wir haben für dieses Ergebnis viel getan." Der Lohn: Die UWG darf künftig Zünglein an der Waage spielen und könnte unter Umständen Rot-Grün oder CDU/FDP projektbezogen zu Mehrheiten verhelfen. Zumindest, wenn der Bürgermeister Thomas Tappe hieße ...

Kein Happy End für Kunze

Klaus-Peter Kunze von den Haller Liberalen hatte nur Listenplatz zwei und schafft es damit nicht mehr in den Haller Stadtrat. Die FDP bekommt nur einen Sitz. - © Nicole Donath
Klaus-Peter Kunze von den Haller Liberalen hatte nur Listenplatz zwei und schafft es damit nicht mehr in den Haller Stadtrat. Die FDP bekommt nur einen Sitz. (© Nicole Donath)

Viele Jahre gab er den Einzelkämpfer für die FDP im Rat – kurz durfte Klaus-Peter Kunze am Sonntag auf einen Mitstreiter hoffen. Dann schied er selbst aus dem Rat aus. Die Liberalen knabberten am zweiten Mandat, das ihnen auch wieder Fraktionsstatus und Zugang zu Ausschüssen verschafft hätte. Doch es blieb bei einem Sitz, und den nimmt diesmal Spitzenkandidat Harald Stützlein ein.

Wahlamt blickt nach vorn

Knapp 60 Prozent Wahlbeteiligung vermeldet Olaf Sorge, Teamleiter Wahl im Haller Rathaus. Das sind fünf Prozent mehr als 2014, einen großen Ansturm bedeuten sie nicht. Mittwoch muss der Wahlausschuss das Ergebnis bestätigen, „bisher wurden keine Auffälligkeiten festgestellt", so Sorge. Schon geht der Blick nach vorn: „Wir haben die Druckerei informiert, dass wir Stimmzettel für den 27. September brauchen", so Sorge. 90 Prozent oder rund 4.000 der Briefwähler hätten Unterlagen auch für eine Stichwahl bestellt – sie werden ihnen nun automatisch zugestellt. Die Wahllokale öffnen am übernächsten Sonntag wieder von 8 bis 18 Uhr. Gleiche Orte, gleiche Zeit – nur noch ein Duell.

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