Storck-Gutachter versichert: "In Halle gibt es genügend Wasser"

Im Zuge der geplanten Erweiterung hat der Süßwarenriese beantragt, 175.000 Kubikmeter Frischwasser zusätzlich zu fördern. Wie wirkt sich das auf den Tatenhauser Wald aus, auf den Teuto, das Schloss und die Versorgung der Stadt? Die Verantwortlichen geben Antworten.

Nicole Donath

Was bedeutet es für den Wald und die Bürger, wenn Storck die Fördermengen an Frischwasser deutlich erhöhen sollte? Wie Geologe Frank Schmidt erklärt, müsse man Hitzesommer und Grundwasserentnahmen getrennt voneinander betrachten. Foto: Ulrich Fälker - © Ulrich Fälker
Was bedeutet es für den Wald und die Bürger, wenn Storck die Fördermengen an Frischwasser deutlich erhöhen sollte? Wie Geologe Frank Schmidt erklärt, müsse man Hitzesommer und Grundwasserentnahmen getrennt voneinander betrachten. Foto: Ulrich Fälker (© Ulrich Fälker)

Halle. Die Sorgen der Haller Bürgerinnen und Bürger sind groß: Brutales Fichtensterben im Teuto und zuletzt zwei krasse Hitzesommer einerseits – die Anträge der Firma Storck auf eine erhebliche Erhöhung der jährlichen Fördermenge an Frischwasser andererseits. Und dann kommen noch zahlreiche Fragen zu weiteren Details rund um die geplante Expansion dazu. Dr. Marc Lörcher und Boris Bödecker von Storck, Diplom-Geologe Frank Schmidt und Diplom-Landschaftsarchitekt Rainer Brokmann sowie Michael Flohr, Abteilungsleiter im Bauamt der Stadt Halle, widmeten sich jetzt in einem viereinhalbstündigen Pressegespräch diesen Punkten. Im Folgenden dreht sich zunächst alles um das Thema Wasser.

Wie viel Wasser hat Storck bislang gefördert?

Dr. Marc Lörcher, Technischer Direktor, berichtet, dass Storck seit etwa 40 Jahren aus sechs eigenen Brunnen, die wiederum von 50 Messstellen kontrolliert würden, Frischwasser fördere. „Der jüngste Brunnen ist der Krötenbrunnen, aus dem seit rund 20 Jahren geschöpft wird." Zuletzt habe Storck knapp 450.000 Kubikmeter pro Jahr entnommen und damit an der erlaubten Obergrenze gekratzt, wobei die mögliche Entnahme mit 550.000 Kubikmetern angesetzt sei. Der Bedarf an weiteren 100.000 Kubikmetern Wasser wurde 2019 bei den TWO dazugekauft.

Wie viel Wasser möchte Storck in Zukunft fördern?

Storck hat bei der Unteren Wasserbehörde zwei Anträge gestellt: Zum einen soll südlich der A 33 auf eigenem Areal ein neuer Brunnen mit einer Förderkapazität von rund 75.000 Kubikmetern pro Jahr entstehen. Außerdem möchte der Süßwarenriese die Deckelung der Fördermenge bei den bestehenden Brunnen aufheben lassen und künftig statt 450.000 Kubikmeter Wasser pro Jahr 550.000 entnehmen können; das sind rund 28 Prozent zusätzlich und 44 Prozent dessen, was die TWO pro Jahr für die Haushalte in Halle fördern. Allerdings, so betont Dr. Lörcher auch, sei noch gar nicht klar, ob man diese Menge tatsächlich benötige. Aktuell habe man eine lineare Berechnung auf Basis des bisherigen Wirtschaftens angestellt, die einen jährlichen Förderbedarf bis zum Jahr 2025 sicher decken würde. „Tatsächlich wissen wir noch gar nicht, mit welchen Produkten wir wachsen und wie sich Technologien entwickeln." Womöglich sei es am Ende weniger. Nichtsdestotrotz müsse jeder Antragsteller zunächst eine Prognose abgeben.

Warum soll ein neuer Brunnen gebaut werden?

Hierzu erklärt Dr. Lörcher, dass die TWO im Hinblick auf die großen Mengen an Frischwasser, die Storck auf den Punkt benötige, keine sicheren Versorger seien. Nicht, weil die TWO das Wasser nicht liefern könnten, sondern vielmehr, weil im Konkurrenzfall die öffentlichen Haushalte vorgingen. „Wir müssen uns aber darauf verlassen können, dass zu einem Zeitpunkt x, da Mitarbeiter und Zutaten für die Produktion bereitstehen und es schnell gehen muss, sicher ausreichend Frischwasser zur Verfügung steht. Produktionsausfälle müssen unbedingt vermieden werden." Deshalb wolle man unabhängig sein und auf eigenes Frischwasser zurückgreifen können.

Wie wirkt sich die Entnahme von Grundwasser auf die Bäume oder das Wasserschloss aus?

Die Antwort gibt Diplom-Geologe Frank Schmidt. Er sagt, dass es in großen Teilen des Fördergebietes einen oberen und einen unteren Grundwasserleiter gebe, wobei diese beiden durch mächtige Bodenschichten voneinander getrennt seien. „Storck entnimmt das Wasser jedoch in etwa 20 Metern Tiefe aus dem unteren Stockwerk. Grundwasserabsenkungen, die sich förderbedingt ergeben, wirken sich deshalb nicht oberflächennah aus", so Schmidt. Die trockenen Bäume, sowohl im Teuto als auch im Tatenhauser Wald, oder verminderte Zuflüsse in die Gräfte vom Schloss Tatenhausen ließen sich daher nicht auf eine Grundwasserförderung durch Storck zurückführen: „Die Entnahme löst keine naturschutzrechtlichen oder wasserwirtschaftlichen Konfliktpotenziale aus", resümiert Schmidt. „Auch die Hausbrunnen sind sicher. Und Storck nimmt den TWO kein Wasser weg, wenn der Konzern selber fördert."

Entnahme von Grundwasser auf dem Storck-Gelände hat laut Aussage von Geologe Frank Schmidt keine Auswirkungen auf den Zustand der Bäume, weil die beiden Stockwerke nicht miteinander verbunden seien. Grafik: Schmidt - © Schmidt + Partner
Entnahme von Grundwasser auf dem Storck-Gelände hat laut Aussage von Geologe Frank Schmidt keine Auswirkungen auf den Zustand der Bäume, weil die beiden Stockwerke nicht miteinander verbunden seien. Grafik: Schmidt (© Schmidt + Partner)

Wir haben allein 2018 und 2019 extreme Dürrejahre erlebt. Wie gestaltet sich da die Neubildung des Grundwassers?

„Das ist aktuell kein Problem", sagt Frank Schmidt und verweist dabei unter anderem auf die eher pessimistischen Berechnungen des Landesamtes für Natur, Umwelt- und Verbraucherschutz des Landes (LANUV), die die kommenden 80 Jahre betrachten, sowie eine weitere vom Geologischen Dienst des Landes NRW, die wiederum von günstigeren Neubildungsraten ausgeht. „In der nächsten Zeit können wir sogar von einem etwas erhöhten Grundwasserstand ausgehen", zitiert er die Fachdienststelle des Ministeriums. Bis 2040 dürften die Prognosen sehr sicher sein. Wie es in den Jahren 2050, 60 oder 70 weitergehe, müsse man abwarten. Darüber hinaus verweist Schmidt auf die Gewässerkunde Senne: „Seit 1904 werden hier Jahresberichte erstellt, die auf täglich gemessenen Werten basieren. Schon in den 1970er-Jahren hatten wir mal sehr niedrige Grundwasserstände", berichtet der Diplom-Geologe. „Das trockenste Jahr war allerdings 1959. Da hatten wir fast null Niederschlag. Heute kann ich sagen: In Halle ist genügend Wasser da", fasst Schmidt zusammen.

Was geschieht, wenn es weitere Trockenperioden gibt, so dass die prognostizierte Menge an Frischwasser doch nicht zur Verfügung steht?

„Sollte es hier Veränderungen geben, dann muss die Genehmigung zurückgezogen werden", stellt Frank Schmidt klar. „Es gilt immer nur das aktuelle Wasserrecht." Und Boris Bödecker, Prokurist bei Storck, ergänzt: „Das ist das Risiko, das bei uns verbleibt."

Wie sorgsam geht Storck selbst mit der Ressource Wasser um?

„Wir holen nicht nur unten raus, wir geben auch oben wieder rein", betont Boris Bödeker. „Es ist ja unser Wald und in unserem eigenen Interesse, dass wir Infrastrukturen schaffen, um entnommenes Wasser zurückzuführen." Neben einem Drei-Kanal-System für Sanitär-, Prozess- und Regenwasser, bei dem Wasser auf unversiegeltem Gelände verbleibe, würde man für die Bewässerung der eigenen Grünanlagen ausnahmslos Kühlwasser nutzen; Prozessabwasser sollen in Kühlprozessen eine Wiederverwendung erfahren. Perspektivisch, so Boris Bödecker weiter, seien größere Investitionen geplant, um 25 Prozent des geförderten Wassers zurückzuführen. „Damit könnten wir einen Brunnen sparen." Das dauere aber noch.

Wie weit ist das Antragsverfahren gediehen?

Es handelt sich um ein noch laufendes Verfahren. Zurzeit werden die Träger öffentlicher Belange gehört. Im Anschluss daran wird die allgemeine Öffentlichkeit beteiligt. Die entsprechenden Unterlagen sind dann beim Kreis und der Stadt vier Wochen lang einsehbar, auch über die Homepages. Danach trifft die Untere Wasserbehörde eine Entscheidung.

Werther bleibt Ackerland

Die Firma Storck muss rund acht Hektar Land Ausgleichsfläche beschaffen, auf denen aufgeforstet wird. Theoretisch könnte der Süßwarenriese dafür Ackerland in Werther-Isingdorf einsetzen, 17 Hektar befinden sich dort im Besitz des Konzerns. Der Widerstand der Wertheraner Landwirte ist maximal groß, sie wollen die Parzellen als Bewirtschaftungspotenzial in keinem Fall verlieren.Wie Prokurist Boris Bödecker jetzt versicherte, bleiben diese Flächen Ackerland. Man habe sie nur als „Platzhalter" eingesetzt, um das Planverfahren überhaupt in Gang setzen zu können. Stattdessen befinde man sich bereits in Verhandlungen, um schon mal fünf Hektar Ackerflächen an anderer Stelle umwandeln zu können. „Wir sind optimistisch gestimmt", so Bödecker. Um welche Flächen es hier geht, mochte der Storck-Manager mit Blick auf laufende Gespräche noch nicht sagen. Nur so viel: „Es sind nicht die wertvollsten Flächen."

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