Zum Tod von Gerhard Weber: Einer, der die Region geprägt hat

Alles begann mit einem Laden für Herren-Oberhemden. Nach dem ganz großen Aufstieg musste er in seinen letzten Jahren noch die Krise seines früheren Unternehmens miterleben.

Martin Fröhlich

Gerhard Weber eröffnete sein erstes House of Gerry Weber in Bielefeld. - © Wolfgang Rudolf
Gerhard Weber eröffnete sein erstes House of Gerry Weber in Bielefeld. (© Wolfgang Rudolf)

Halle. Gerhard Weber (79) ist gestorben. Er war einer, den man mit jedem Recht in die Kategorie der Macher einordnen darf, ja muss. Aus einfachen Verhältnissen hat er sich nach oben gearbeitet und gewagt, hat ein Mode-Unternehmen aufgebaut, das zu besten Zeiten im Umsatz beinahe an der Milliardengrenze kratzte.

Im Sport hat er das gleiche Modell wiederholt: Als alle über die Idee lächelten, stellte er mit Sohn Ralf ein Rasentennisturnier auf die Beine, das Weltstar Roger Federer zu seinen Lieblingsevents zählt und das bis heute als einziges gesundes großes Turnier in Deutschland gilt.

Es ist 15 Jahre her, da hat Gerhard Weber etwas getan, das typisch für ihn war. Er kam mit einer großen Torte in das Geschäft, das er 1965 als erstes übernommen hatte. In Versmold im Kreis Gütersloh überraschte er die Verkäuferin. Denn die arbeitete seit 40 Jahren für ihn, sie war die erste, die er je eingestellt hatte. Am Rande der kleinen Feier erzählte der Modeunternehmer von seinen Anfängen. Dass er sich um seine Mitarbeiter kümmerte, haben diese immer wieder berichtet. Beim Tennisturnier verblüffte er die vielen Helfer gern damit, dass er ihnen die Hand schüttelte und sie mit Namen ansprach.

Steffi Graf war der erste Coup

Gerhard Weber erklärt Tennismanager Ion Tiriac und Davis-Cup-Kapitän Niki Pilic seine Stadionpläne in Halle. Links Udo Hardieck. - © Gerry Weber
Gerhard Weber erklärt Tennismanager Ion Tiriac und Davis-Cup-Kapitän Niki Pilic seine Stadionpläne in Halle. Links Udo Hardieck. (© Gerry Weber)

Dieser sehr persönlichen Seite stand die des Unternehmers gegenüber, der in der Sache manchmal sehr hart sein konnte. Aber das muss man in dem Geschäft wohl auch sein, wenn man aus Nichts ein Imperium schaffen will. Ralf Weber sagt am Tag nach dem Verlust des Vaters: „Um etwas nicht zu kämpfen, das gab es für meinen Vater nicht. Er hatte seinen eigenen Kopf, seine eigene Meinung – und er ist auch mal angeeckt."

Früh tut  sich Gerhard Weber mit Udo Hardieck zusammen. Sie gründen die Firma Hatex GmbH und stellen Damenhosen her. 1986 lassen sie sich den Markennamen Gerry Weber schützen. Dann der erste große Coup: Tennistalent Steffi Graf wird Markenbotschafterin. Von da an rollt der Weber-Express durch Ostwestfalen, durch Deutschland und bald auch international.

Beim Ball der Wirtschaft zeigt sich Gerhard Weber 2007 mit Ehefrau Charlotte Weber-Dresselhaus. - © Wolfgang Rudolf
Beim Ball der Wirtschaft zeigt sich Gerhard Weber 2007 mit Ehefrau Charlotte Weber-Dresselhaus. (© Wolfgang Rudolf)

Das Unternehmen wächst und wächst. Der Börsengang folgt 1989. Schon bald setzt Weber auf eine eigene Strategie: er will mit seinen Kollektionen nicht in den Abteilungen der großen Kaufhäuser ein kaum beachtetes Dasein fristen, wie er sagt. Er eröffnet eigene Läden. Einen nach dem anderen. Ein Expansionskurs, der Jahre später in der beginnenden Branchenkrise zum Problem für das Unternehmen wird.

Die Krise in seiner Firma hat ihm wehgetan

Als letzten Höhepunkt darf man die Übernahme der Marke Hallhuber 2014 betrachten. 2015 dann wechselt Gerhard Weber in den Aufsichtsrat, zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück. Sohn Ralf übernimmt den Vorstandsvorsitz, doch da sind die dunklen Wolken am Unternehmerhimmel längst aufgezogen.

So schnell das Unternehmen aufgestiegen ist, so schnell gerät es in Schieflage. Stellenabbau, Schließung von Läden, die Aktie stürzt ab, Insolvenz in Eigenverantwortung. Weber spricht öffentlich nicht oft über die Krise. Doch sie muss ihm wehtun. "Gerry Weber ist immer noch mein Kind" und "Ich fühle hier mit. Schließlich habe auch ich viele Jahre mit diesen Mitarbeitern verbracht, wir haben zusammen schon viel erlebt", sind Sätze, die aus dieser Zeit kolportiert sind.

Er glaubt an eine Rettung, sagt er, und behält zumindest vorerst recht. Heute ist die AG nicht mehr in der Hand der Unternehmerfamilie. Im Januar 2020 hebt ein Gericht das Insolvenzverfahren auf. Es besteht wieder Hoffnung für die verbliebenen Mitarbeiter.

Das Stadion ist Teil seines Vermächtnisses

Sohn Ralf Weber mit Seriensieger Roger Federer bei den früheren Gerry Weber Open, die heute Noventi Open heißen. - © Wolfgang Rudolf
Sohn Ralf Weber mit Seriensieger Roger Federer bei den früheren Gerry Weber Open, die heute Noventi Open heißen. (© Wolfgang Rudolf)

Auch eine andere Herzensangelegenheit von Weber gerät über die Jahre in Schwierigkeiten: der DSC Arminia Bielefeld. Mehrfach springt Weber als Retter ein, setzt privates Geld in Millionenhöhe dafür ein und bringt zum Schluss noch das Konsortium heimischer Unternehmen mit auf den Weg, das Arminia heute ein stabilere Basis gibt.

Einzig das Tennisturnier in Halle bleibt von Turbulenzen verschont, wenn man vom notwendigen Sponsorenwechsel 2019 absieht. Aus den Gerry Weber Open werden die Noventi Open, aus dem Gerry Weber Stadion wird die OWL-Arena. Der grüne Tennistempel ist da längst mehr als das. Er ist eine Multifunktionsarena mit gut 11.000 Plätzen, in der auch Musikstars auftreten, Henry Maske geboxt hat, ein Evangelischer Kirchentag stattfand und Spiele einer Handball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden.

Möglich ist das, weil das Stadion ein mobiles Dach hat. Mit dessen Einbau nur ein Jahr nach der Rasenpremiere von Halle hat Weber die Tenniswelt erneut verblüfft, dem Turnier seinen Platz im Kalender auch bei ostwestfälischem Nieselregen gesichert und es für Konzerte und Indoorevents nutzbar gemacht. Spätestens jetzt schauen sie aus dem ehrwürdigen Wimbledon neugierig nach Halle. Während man in London diskutiert, wird in Halle gemacht. Manches, was die Webers ausprobieren, übernimmt das wichtigste Turnier der Welt später.

Das Stadion bleibt als eine der wichtigsten Veranstaltungsstätten der Region ein Teil des Vermächtnisses des Machers Gerhard Weber. Eines Mannes, der sich an Aufgaben gewagt hat, die andere für aussichtslos hielten. Der vieles geschafft hat, was belächelt wurde.

Nur eines ist dem Mann, der jetzt in einer Münsteraner Klinik starb, nicht gelungen: Bis heute gibt es Menschen, die glauben, man nenne ihn selbst auch Gerry Weber. „Nein, Gerry ist die Marke", pflegte er dann zu sagen. "Ich bin Gerhard."

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