Wie zwei Straßenkünstler im Lockdown über die Runden kommen

Das Artistenduo Astrid Schöne und Albert Wittbrock war Stammgast beim Stadtfest Haller Willem und hatte jedes Jahr 100 Auftritte. Durch Corona mussten sie umdenken. Sie verdienen ihr Geld nun abseits der Straße.

Uwe Pollmeier

Vor der Corona-Krise - © Uwe Pollmeier
Vor der Corona-Krise (© Uwe Pollmeier)

Werther. Als Inge und Albert im bunten Trabi begeisterten sie einst die Besucher des Stadtfestes Haller Willem. Manchmal jonglierten sie auch, spazierten auf Stelzen über die Bahnhofstraße oder rasten in einer Schubkarre durchs Gewühl. Die beiden Wertheraner Straßenkünstler Astrid Schöne und Albert Wittbrock sind seit Jahren Stammgast auf vielen Festen, in der Regel war ihr jährlicher Terminkalender mit rund 100 Auftritten gefüllt. Dann kam Corona, die Seiten bleiben weiß, und mit jedem Tag wächst die Angst vor dem endgültigen Aus.

„Es wurde doch alles abgesagt"

„Wir hatten im Oktober sieben Auftritte, das war alles für das komplette Jahr 2020", sagt Astrid Schöne, die gemeinsam mit ihrem Ehemann seit 30 Jahren als „Glupo Group" und „Duo Agil" für Unterhaltung als Walk-Act bei Festen oder Firmenjubiläen sorgt. Zu den seltenen Engagements zählen sechs Tage bei der Erlebnis- und Einkaufsmesse Infa in Hannover sowie einzelne Auftritte in Bünde, Herford und Rietberg. „Es wurde doch alles abgesagt", schildert Schöne die Auftragslage in Zeiten von Corona. Dass sich von so wenigen Auftritten nicht leben lässt, erklärt sich wohl von selbst. Glücklicherweise hatten sich Schöne und Wittbrock schon in den vergangenen Jahren ein zweites Standbein geschaffen, welches zu einem geringen Teil die Einnahmen aus den Auftritten als freischaffende Künstler aufbessern sollte. „Ich habe schon zuvor als Freie Logopädin gearbeitet, aber nur in einem sehr geringen Umfang", sagt Schöne. Die Akrobatik und die Kunst waren stets die große Leidenschaft von Schöne und Wittbrock, und sie bestimmten somit auch den Berufsalltag der Wertheraner.

Archivbild vom Stadtfest in Halle 2016 - © Nicole Donath
Archivbild vom Stadtfest in Halle 2016 (© Nicole Donath)

Nun schreit der Kontoauszug allerdings weniger nach dem Herzen als nach dem Kopf. Um die ausbleibenden Einnahmen ausgleichen zu können, verlagerten Schöne und Wittbrock ihr Tätigkeitsfeld in Richtung der bisherigen Nebenjobs. „Ich arbeite seit dem ersten Lockdown als Freie Logopädin für zwei verschiedenen Praxen", sagt Schöne. Ihr Lebens- und Bühnenpartner Albert Wittbrock hat erst kürzlich noch ein Pädagogikstudium abgeschlossen und arbeitet nun an einer Förderschule im pädagogischen Bereich.

Staatliche Unterstützung gab es für die beiden Wertheraner Straßenkünstler, die in Rostock und Paderborn geboren wurden, in den vergangenen Monaten kaum. „Für Solokünstler gab es anfangs gar keine Hilfen", sagt Schöne. Für März und April 2020 habe man dann Anträge gestellt, aber da seien die Töpfe bereits leer gewesen. Bei der November- und Dezemberhilfe habe man dann gar keinen Antrag mehr gestellt, da Schöne und Wittbrock ihre Nebenjobs ja längst zum Haupterwerb gemacht hatten. „Wir hätten belegen müssen, dass wir unsere Einnahmen zu 80 Prozent im künstlerischen Bereich erzielen", sagt Schöne. Dies war jedoch zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr der Fall. Unterm Strich erhielten sie somit 2.000 Euro im gesamten Jahr 2020. Von Unterstützung kann da kaum die Rede sein.

„Im Moment kommen wir über die Runden"

Wie und ob es weitergehen soll, ist derzeit völlig unklar. „Im Moment sagt doch niemand, dass seine für dieses Jahr geplante Veranstaltung stattfinden wird", sagt Schöne. „Wir wissen nicht, wo es hingeht." Sie rechne nicht damit, dass vor dem Herbst die Welt wieder deutlich normaler ist. „Deswegen planen wir derzeit erst gar nicht."

„Wir warten erst einmal ab. Im Moment kommen wir über die Runden", sagt die ausgebildete Artistin und Zirkuspädagogin. Man vermisse allerdings den Job auf der Straße und inmitten applaudierender und gut gelaunter Menschen. „Das ist nicht das, was wir wirklich wollen", sagt sie mit Blick auf die momentane Berufswahl.

Es gibt durchaus Momente, in denen der positive Blick nach vorn einfach versagt und in denen Astrid Schöne und Albert Wittbrock am liebsten alles hinschmeißen würden. „Manchmal denken wir, man sollte alles einstampfen. Man ist immer länger aus dem Training raus und wir sind ja auch beide schon über 50", sagt Schöne. Die momentane Situation ziehe einfach zu viel Energie. Aber vielleicht wird ja doch bald alles wieder gut und der bunte Trabi kurvt wieder durch die Stadt.

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