Reinert setzt auf mehr Tierwohl - und nimmt dafür Risiko in Kauf

2018 brachte Hans-Ewald Reinert die Produktlinie Herzenssache auf den Markt. Jetzt geht der Unternehmer zusammen mit Landwirten und Schlachtbetrieb einen Schritt weiter. Er spricht von Pionierarbeit.

Tasja Klusmeyer

Die Landwirte Peter Vogel (Hof Ehlers, von links), Rainer Ahmann und Christian Nettelnstroth, TFB-Geschäftsführer Hans-Ewald Reinert, Landwirt Thorsten Lange, Harm Böckmann von Brand Qualitätsfleisch sowie Landwirtin Rieke Ehlers haben ein gemeinsames Ziel: mehr Tierwohl bei der Fleischproduktion. - © Tasja Klusmeyer
Die Landwirte Peter Vogel (Hof Ehlers, von links), Rainer Ahmann und Christian Nettelnstroth, TFB-Geschäftsführer Hans-Ewald Reinert, Landwirt Thorsten Lange, Harm Böckmann von Brand Qualitätsfleisch sowie Landwirtin Rieke Ehlers haben ein gemeinsames Ziel: mehr Tierwohl bei der Fleischproduktion. (© Tasja Klusmeyer)

VersmoldWenn es um seine Herzenssache geht, lässt Hans-Ewald Reinert ungern andere für sich sprechen. Da steht der Firmenchef persönlich für Fragen zur Verfügung. Im Sommer 2018 präsentierte er die neue Produktlinie aus Fleisch von Tieren aus 100 Prozent antibiotikafreier Aufzucht. Am Freitagmittag stellte Reinert den Relaunch vor. Herzenssache 1.0 folgt ab Januar die Version 2.0. Das Unternehmen „The Family Butchers" (TFB) setzt damit ein neues Ausrufezeichen.

Bisher kooperierte Reinert bei der Produktlinie mit dem dänischen Konzern Danish Crown. Allein der Verzicht auf Antibiotika in der Aufzucht hat offenbar noch nicht zum Durchbruch gereicht. Künftig kommt das Schweinefleisch von deutschen Landwirten, die sich gewissen Haltungsstandards zum Tierwohl verpflichtet haben.

Info

Etwa 200 Mitarbeiter weniger

  • Im Januar 2020 fusionierten die Fleischwarenfabriken Reinert und Kemper aus dem niedersächsischen Nortrup zu dem gemeinsamen Unternehmen „The Family Butchers. Sitz ist in Versmold, geschäftsführender Gesellschafter ist Hans-Ewald Reinert.

  • Mit „Route 2022“ hat das Unternehmen sein Synergieprogramm überschrieben. Teil davon ist die Spezialisierung der einzelnen Werke. Acht Standorte gehören zu TFB. Vormals hatten Kemper und Reinert zusammen elf Werke.

  • Nach der Fusion hieß es, dass mittelfristig jede zehnte der zusammen rund 2.600 Stellen gestrichen werde. Stand heute ist, dass Ende 2020 die Zahl der Mitarbeiter etwa um 200 abgenommen haben wird.

  • Durch den Zusammenschluss entstand Deutschlands zweitgrößtes Fleischverarbeitungsunternehmen mit einem voraussichtlichen Jahresumsatz von 700 Millionen Euro.

Mehr Platz, frische Luft und Tageslicht

Das ist zum einen die Offenstallhaltung, die den Schweinen Frischluft und Tageslicht bringt. Stroh gehört ebenso zur Ausstattung der Ställe. Pro Tier steht zudem die doppelte Zahl an Fläche zu Verfügung: 1,5 Quadratmeter statt 0,75. In der Kombination mit dem Verzicht auf Antibiotika sowie mehr Regionalität sieht der Fleischwarenunternehmer ein Alleinstellungsmerkmal.

Ferkelzüchter und Schweinemäster aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, insgesamt sieben Landwirte, haben sich im ersten Schritt der neuen „Genuss-Genossenschaft" angeschlossen. Der Schlachtbetrieb „Brand Qualitätsfleisch GmbH" aus Lohne bei Oldenburg ist ihr Partner. „Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung und gehen als Pioniere voran", heißt es in dem Manifest, das alle Vertragspartner am Freitag in Bad Laer unterzeichneten.

"Man muss nicht unbedingt jeden Tag Fleisch essen"

„Wir sind nicht der Meinung, dass man unbedingt jeden Tag Fleisch essen muss. Wir sind der Meinung, dass man gutes Fleisch essen sollten", findet Hans-Ewald Reinert. Der TFB-Geschäftsführer möchte den Blick auf mehr Wertschöpfung und Wertschätzung für das Produkt lenken. Aber auch die Menschen, die damit arbeiten, sollen mehr im Vordergrund stehen. „Jetzt könnte man sagen: Der Reinert ist ein Weltverbesserer", so der Unternehmer. „Ja, ein bisschen ist das so – aber mit ökonomischem Grundverständnis."

TFB hat sich mit seiner Unterschrift verpflichtet, für zunächst drei Jahre die exklusiv für Herzenssache gezüchteten Schweine – bezeichnet als „Reinerts Reinlinge" – abzunehmen. TFB hat den Landwirten die Komplettabnahme zugesagt. „Das ist Teil der Vereinbarung. Die Herausforderung wird sein, das gesamte Schwein zu vermarkten."

Bisher hinter den Erwartungen zurück

Hans-Ewald Reinert unterschreibt das Manifest. - © TFB
Hans-Ewald Reinert unterschreibt das Manifest. (© TFB)

Die Produktion wird an verschiedenen Standorten der Gruppe angesiedelt sein. Zunächst kommen sechs Produkte auf den Markt; im Frühjahr sollen passend zur Grillsaison Bratwurst- und Barbecue-Sortimente folgen. Darüber hinaus sind Fleischwaren für SB und Bedienungstheke geplant.

Die Genossenschaftsgründung birgt ein gewisses Risiko für das Unternehmen. Bisher ist die Linie Herzenssache hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben. Im Sommer 2018 hatte Hans-Ewald Reinert einen Umsatz von zehn Millionen Euro für das erste volle Geschäftsjahr ausgegeben. Vier Millionen Euro waren es letztlich in 2019. Reinert gibt sich zuversichtlich, den Umsatz von Herzenssache perspektivisch „deutlich zu toppen". Er nennt zweistellige Zuwächse pro Jahr. Damit könnte er auch seinem Ziel, Herzenssache mindestens zur Nummer drei hinter den Flaggschiffen Bärchen und Sommerwurst zu machen, näherkommen. Auch das ist bisher nicht gelungen.

Überzeugungsarbeit bei Handel und Verbraucher

Kurzfristigen Erfolg verspricht sich der Unternehmer weiterhin nicht. Vielmehr brauche man Durchhaltevermögen. „Der Unternehmer geht ins Risiko – ganz klar." Den Zeitpunkt, weitere Schritte zu gehen, hält der TFB-Geschäftsführer für genau passend. Themen wie Tierwohl, Nachhaltigkeit und soziale Standards gewännen an Bedeutung nicht zuletzt in der Corona-Zeit und nach den Schlagzeilen um den Tönnies-Konzern. „Der Zug ist ins Rollen gekommen."

Wichtig sei, den Handel mit ins Boot zu bekommen. „Es gelingt nur dann, wenn wir den Händler als Überzeugungstäter gewinnen", sagt Reinert und sieht mittlerweile gute Chancen dafür. Nicht zuletzt müsse man der Öffentlichkeit klarmachen, „dass das Ganze seinen Wert und Preis hat".

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