VersmoldDiese Versmolder Familie hat 84 Obstbäume gepflanzt

Inge und Hans Sharma haben in Peckeloh eine Streuobstwiese angelegt. An der Adresse mit langer Familientradition schlägt das Ehepaar einen neuen Lebensweg ein - im Sinne von mehr Nachhaltigkeit

Tasja Klusmeyer

Reich gedeckter Tisch: Käfer, Bienen und Insekten dürfen sich gerne an den Früchten bedienen. - © Tasja Klusmeyer, HK
Reich gedeckter Tisch: Käfer, Bienen und Insekten dürfen sich gerne an den Früchten bedienen. (© Tasja Klusmeyer, HK)

Versmold. Der Elstar ist nach Angaben des Pressebüros der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse e. V. die beliebteste Apfelsorte der Deutschen. Gefolgt vom Braeburn und Jonagold. Bei Familie Sharma an der Peckeloher Sandortstaße sieht die Hitliste anders aus: Namen wie Goldparmäne, Dülmener Rosenapfel oder Edelborsdorfer, Finkenwerder Herbstprinz, Kaiser Wilhelm oder Gravensteiner sind zu lesen – und draußen vor der Hoftür zu sehen und teilweise zu probieren.

Dort, wo bis vor einigen Jahren ein Maisfeld war, stehen 84 Obstbäume, überwiegend Äpfel. Die Früchte, die sie tragen, sind im herkömmlichen Supermarkt nicht zu finden. Inge und Hans Sharma haben sich für alte Sorten entschieden. „Um sie zu erhalten", sagt Hans Sharma. Und im Sinne von Biodiversität und Nachhaltigkeit. „Wir wollten etwas für die Umwelt machen. Die Generationen nach uns sollen etwas davon haben", sagt der 55-Jährige.

Von Bombay übers Rheinland nach Peckeloh

Beruflich hatte Hans Sharma nie etwas mit der Landwirtschaft zu tun. Der gelernte Kfz-Mechaniker arbeitete lange Zeit in der Baufinanzierung und Finanzberatung und betrieb zudem ein Immobilienbüro. Seine Frau war als Sekretärin tätig. Das Ehepaar lebte in Rommerskirchen bei Köln. Bis es vor zehn Jahren dorthin zog, wo die Wurzeln von Hans Sharma liegen: nach Peckeloh.

Der Hofstelle ist seit mehr 230 Jahren in Familienbesitz. Auf dem Balken überm Deelentor steht das Jahr 1783 zusammen mit den Namen Johann Henrich Hollmann und Katharina Angenesa Böckmans. Die Erbauer des alten Fachwerkkottens sind die Vorfahren von Hans Sharma. Heute wird das Gebäude als Garage und Werkstatt genutzt. Gegenüber steht das Wohnhaus der Peckeloher Familie, nach dem Ersten Weltkrieg erbaut. Über Generationen lebte die Nachkommen Hollmanns auf dem Hof. Hans Sharmas Urgroßvater Friedrich-Wilhelm Ebeler war es schließlich, der Ende der 1920-Jahre einen Hof an der Knetterhauser Straße ersteigerte. Dort betrieben die Ebelers das bekannte Gasthaus.

Obstanbau als Familienhobby: Inge, Julius und Hans Sharma haben mehr als 80 Bäume auf dem einstigen Maisfeld gepflanzt. Weitere Projekte im Sinne von Nachhaltigkeit und Naturschutz sollen folgen. - © Tasja Klusmeyer, HK
Obstanbau als Familienhobby: Inge, Julius und Hans Sharma haben mehr als 80 Bäume auf dem einstigen Maisfeld gepflanzt. Weitere Projekte im Sinne von Nachhaltigkeit und Naturschutz sollen folgen. (© Tasja Klusmeyer, HK)

Die Mutter von Hans Sharma ist eine geborene Ebeler, Ulla mit Vornamen. Bei ihrem Studium in England lernte sie einen jungen Mann aus Indien kennen – und ging mit ihm 1956 nach Bombay. Dort wurde 1963 Hans Sharma geboren. Seine Kleinkindzeit verbrachte er in Indien; dann zog es die junge Familie nach Deutschland. Hans Sharma wuchs im Rheinland auf und besuchte als Kind immer wieder die Familie seiner Mutter in Ostwestfalen. „Als Kind habe ich meinem Opa einmal gesagt: Wenn ich groß bin, möchte ich hier wohnen", erzählt der 55-Jährige.

"Wir hatten keine Lust mehr auf Mais"

Vor gut zehn Jahren dann machte er seine Ankündigung wahr. Inge und Hans Sharma wollten, in Rommerskirchen umgeben von Braunkohlekraftwerken, ohnehin raus aus dem Urbanen, weg von der schlechten Luft – und rein ins Ländliche. Sie verkauften ihr Eigenheim und zogen mit dem kleinen Sohn nach Peckeloh.

In Eigenarbeit bauten sie das Wohnhaus auf dem Hof Hollmann um. Sechs Hektar Fläche gehören zum Hof, verpachtet an Landwirte aus der Umgebung. „Wir hatten keine Lust mehr auf Mais", sagen die beiden und machten sich Gedanken über alternative Nutzung der Ackerflächen. Es reifte – auch motiviert durch einen Verwandten, der in der brandenburgischen Uckermark Bioanbau betreibt, die Idee, eine Streuobstwiese anzulegen.

Die Sharmas profitierten von einem Förderprogramm und bekamen vom Kreis 5.500 Euro für Stilllegung und Umnutzung des ein Hektar großen Ackers. Ebenso erhielten sie einen Kontakt zu einer auf alte Sorten spezialisierten Baumschule. 2015 werden die Pflanzen gesetzt. Neben den Apfelbäumen stehen fünf Birnen, fünf Kirschen und fünf Zwetschgen auf der Wiese an der Sandortstraße. „Damit die Bienen auch etwas anderes zu fressen bekommen." Und auch ein Peckeloher Nussbaum von Oma Droste reiht sich ein.

Jeder Baum hat eine Nummer

Die Sharmas kennen die Bäume genau. Jeder trägt eine Nummer, jede Sorte ist auf der Liste vermerkt. Fast täglich spaziert der 55-Jährige über die Streuobstwiese, entlang der fünf Baumreihen, die in den nächsten Jahrzehnten kräftig wachsen sollen. „Wer Bäume pflanzt, tut nachhaltig etwas für die Umwelt und für das Klima", sagt Hans Sharma.

Vorbei die Zeit von „Gülle und Gift" auf dem Feld, wie das Ehepaar sagt. Die Obstbäume werden nicht gespritzt, mögliche Schädlinge in den ersten Jahren des Wachstums einfach abgesammelt. Während der extremen Hitzephase im Sommer musste Hans Sharma mehrmals bewässern und lief dafür mit dem Schlauch von Baum zu Baum.

Die Streuobstwiese bedeutet für den Peckeloher in erster Linie Arbeit. Später einmal, wenn der Ertrag höher wird, könnte er sich vorstellen, die Äpfel zu vermarkten. „Zurzeit ist es Hobby", sagt Inge Sharma.

"Etwas, das der Umwelt zugutekommt"

Das Ehepaar betreibt den Obstanbau aus Überzeugung. Ein weiterer Pachtvertrag ist inzwischen gekündigt, „Wir könnten uns eine weitere Streuobstwiese vorstellen", sagt Hans Sharma. Über ein Solarfeld hat er ebenso schon nachgedacht. „Oder eine Blumenwiese – etwas, das es bunt macht und der Umwelt zugutekommt." Angesichts des Klimawandels sieht er jeden nach seinen Möglichkeiten in der Pflicht und Verantwortung.

Die Familie hat sich an der Sandortstraße ihr eigenes Refugium geschaffen; das normale Berufsleben an den Nagel gehängt. Sie lebt im Wesentlichen von dem bisher Ersparten. „Der Kühlschrank soll voll sein, die Rechnungen müssen bezahlt sein", sagt Hans Sharma. Viel mehr brauche er nicht. Anfang des Jahres erlitt der 55-Jährige einen Herzinfarkt. Nach den gesundheitlichen Problemen sieht er sich erst recht in seiner Einstellung bestätigt. „Man lebt nur einmal."

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