VersmoldReinert: Mitarbeiter werden von Fusionsplänen überrascht

Das Loxtener Unternehmen schließt sich mit Kemper zusammen und avanciert gemeinsam zur neuen Nummer zwei auf dem deutschen Wurstmarkt. Eine Ansage im zunehmenden Wettbewerb

Nicole Donath, Tasja Klusmeyer

Unter neuer Fahne: Die Loxtener Fleischwarenfabrik steht vor grundlegenden Veränderungen. Die kartellrechtliche Zustimmung vorausgesetzt gehört sie bald zum neuen Unternehmen »The Family Butchers«. - © Foto: Jan Herrmann
Unter neuer Fahne: Die Loxtener Fleischwarenfabrik steht vor grundlegenden Veränderungen. Die kartellrechtliche Zustimmung vorausgesetzt gehört sie bald zum neuen Unternehmen »The Family Butchers«. © Foto: Jan Herrmann

Versmold/Nortup. In der unter Preisdruck stehenden Fleischwarenbranche kündigt sich eine weitere Konzentration an. Die beiden privaten Fleischwarenhersteller Reinert aus Versmold und Kemper aus dem niedersächsischen Nortrup planen, wie sie am Dienstagmittag bekanntgaben, eine Großfusion.

Unter dem Namen »The Family Butchers« (TFB) soll Deutschlands zweitgrößtes Fleischverarbeitungsunternehmen mit einem Jahresumsatz von über 700 Millionen Euro und etwa 2.600 Mitarbeitern entstehen. Marktmacht ist die Zur-Mühlen-Gruppe von Clemens Tönnies, zu der seit Anfang 2015 auch das Versmolder Traditionsunternehmen Nölke gehört. Mit ihren Fusionsplänen reagiert die 1931 gegründete westfälische Fleischwarenfabrik Reinert auf den zunehmenden Wettbewerb im schwierigen Marktumfeld.

Versmold soll Sitz des neuen Unternehmens werden

Stellt sein Unternehmen neu auf: Hans-Ewald Reinert setzt auf eine Fusion mit Kemper. - © Markus Hauschild
Stellt sein Unternehmen neu auf: Hans-Ewald Reinert setzt auf eine Fusion mit Kemper. (© Markus Hauschild)

Sitz des neuen Unternehmens soll am Reinert-Stammwerk in Versmold sein. Die geplante Fusion muss noch vom Bundeskartellamt genehmigt werden und könnte, deren Zustimmung vorausgesetzt, zum Jahresende vollzogen werden. Die Inhaberfamilien Reinert und Kühnl halten, so das Vorhaben, jeweils 50 Prozent der Anteile an dem Unternehmen, das Hans-Ewald Reinert und Dr. Wolfgang Kühnl als geschäftsführende Gesellschafter führen werden. Die TFB umfasst neun Produktionsstätten.

„Wir sind gefordert, Antworten auf die Herausforderungen in der Wurst- und Fleischbranche zu finden. Mit unserem Zusammenschluss entsteht ein starkes Unternehmen mit einer nachhaltigen Wettbewerbsfähigkeit. Wir sind damit für die Anforderungen der Zukunft gerüstet", wird Hans-Ewald Reinert in der Pressemitteilung zitiert. „Dabei bleiben wir ein Familienunternehmen mit einer klaren, auf Langfristigkeit und Vertrauen ausgelegten Werteorientierung. Und wir wissen um unsere Verantwortung für nachhaltiges Wirtschaften und die Verlässlichkeit für unsere Mitarbeiter und Kunden", heißt es von Dr. Wolfgang Kühnl.

"Starke Familienunternehmen"

Die H. Kemper GmbH & Co. KG aus dem Landkreis Osnabrück wurde 1888 gegründet und ist mit 1.400 Mitarbeitern etwas größer als das Versmolder Unternehmen (1.200 Mitarbeiter). Beide hatten sich zuletzt verschlankt: Reinert gab seinen Standort in Friesoyte auf, Kemper schloss die Teutoburger Wurstfabrik in Bad Iburg. In den vergangenen Monaten hieß es aus Versmolder Mitarbeiterkreisen, dass die Auftragslage schwierig sei und einige Abteilungen nicht ausgelastet seien.

Das neue Unternehmen strebe eine „herausragende Rolle in der Branche als Kosten- und Innovationsführer" an und verstehe sich als „Impulsgeber im Veränderungsprozess der Fleisch- und Wurstwarenindustrie". Wie es in der gemeinsamen Erklärung heißt, werde TFB seinen Kunden „ein breites Sortiment von Preiseinstiegsprodukten bis hin zu Premium-Herstellermarken" anbieten.

Dabei sollen die Kompetenzen von Reinert als Markenhersteller mit seinen Flaggschiffen Sommerwurst und Bärchen sowie der jungen Linie Herzenssache und Kemper als Private-Label-Spezialist gebündelt werden. Zwei „klare Kompetenzprofile", die sich gut ergänzten, sagt Uwe Kohrs in seiner Funktion als Sprecher des Unternehmens Reinert. „Hier gehen zwei starke Familienunternehmen in eine gemeinsame Zukunft."

Einsparpotenziale müssen noch geprüft werden

Seinen Arbeitsplatz hat der Geschäftsführer der Frankfurter Agentur Impact am Tag der Bekanntmachung von der Mainmetropole in den Ortsteil Loxten verlegt – wohlwissend, dass die Nachricht für Aufsehen in der Branche sorgen würde.

Die Belegschaft wurde kurz vor der Öffentlichkeit informiert – über Aushänge am Schwarzen Brett, das Intranet oder von den jeweiligen Vorgesetzten. Eine Betriebsversammlung gab es nicht. Die Verhandlungen, so Kohrs, seien streng vertraulich im kleinsten Kreis geführt worden, „um zu vermeiden, dass Spekulationen die Runde machen".

Die Nachricht des geplanten Zusammenschlusses kam für viele entsprechend überraschend. Sie sorgt in Mitarbeiterkreisen für Unsicherheit und wirft Fragen auf. Auch Gewerkschafterin Gaby Böhm von der NGG erfuhr erst durch Medienberichte von den Entwicklungen. Kontakt zu den Betriebsräten der beiden Unternehmen gab es im Laufe des Tages noch nicht. „Wir müssen jetzt erstmal abwarten", sagt sie dem Haller Kreisblatt und wird versuchen, zeitnah Kontakt aufzunehmen.

Für den laufenden Geschäfts- und Produktionsbetrieb sollen die Fusionspläne zunächst keine Veränderungen bedeuten, heißt es aus dem Hause Reinert. Der Unternehmenssprecher verweist auf die noch ausstehende kartellrechtliche Prüfung. Grundsätzlich, so Kohrs, werde aber versucht, „Einsparpotenziale, die ein Zusammengehen ermöglicht, zu nutzen". Insbesondere die Bereiche Verwaltung und Vertrieb dürfte das betreffen.

Das Unternehmen Reinert wird also bald der Vergangenheit angehören und als »The Family Butchers« eine neue Marktposition einnehmen wollen. Was das für den Traditionsnamen Reinert bedeutet, konnte Uwe Kohrs noch nicht sagen. Grundsätzlich seien die Markennamen unabhängig von einer neuen Holding zu sehen. Über die Detailstruktur könne man erst zu Jahresende mit erfolgter Fusion informieren.

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