LokalsportWeniger Mitglieder und Einnahmen: Wie tief stecken die Vereine in der Krise?

Die großen Sportvereine im Altkreis kämpfen gegen die Corona-Krise. Während die kurzfristigen Schäden überschaubar scheinen, befürchten viele Verantwortliche Langzeitfolgen.

Dennis Bleck, Christian Helmig

Vor allem die ganz kleinen Kicker leiden unter den Corona-Beschränkungen. - © Pixabay
Vor allem die ganz kleinen Kicker leiden unter den Corona-Beschränkungen. (© Pixabay)

Altkreis Halle. Sport treiben im Verein: Das ist wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht möglich. Seit dem zweiten Lockdown steht das Leben in den Sporthallen und auf den Sportplätzen still. Das hat Folgen: Sportwissenschaftler Christoph Breuer von der Sporthochschule in Köln hatte im Januar als Erkenntnis aus einer Studie prognostiziert: „Mittlerweile erwartet jeder zweite Sportverein in Deutschland in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohende Lage." Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat einen zehnprozentigen Einbruch bei den Mitgliederzahlen vorausgesagt.

Ersten Hochrechnungen zufolge scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen nicht zu bestätigen: Noch bis Ende Februar haben die Vereine Zeit, ihre Mitgliederzahlen an den Landessportbund NRW zu melden. Fast die Hälfte hat dies bereits getan. Das Ergebnis: Durchschnittlich haben die Clubs in NRW 2,6 Prozent verloren. Aber wie sieht es in den großen heimischen Vereinen aus? Ein Stimmungsbild.

LC Solbad Ravensberg ist „im Moment praktisch tot"

In der kleinsten Altkreiskommune – Borgholzhausen hat 9.057 Einwohner – bringen die beiden größten Vereine zusammen rund 1.700 Menschen auf die Beine. Der LC Solbad Ravensberg verbuchte zum Jahresende doppelt so viele Austritte als im Vorjahr, Neueintritte gab es kaum. Aktuell zählt der Club noch 612 Ausdauersportler und Leichtathleten. „Unser Verein ist im Moment praktisch tot", gibt der LC-Vorsitzende Hubert Kaiser zu. Alle Trainingsangebote liegen brach, die Planung der traditionsreichen Großveranstaltungen ruht. Sollten Letztere in diesem Jahr wieder ausfallen, könnte laut Kaiser ein finanzieller Engpass auf den Verein zukommen. „Die Kosten für unsere Geschäftsstelle und Verbandsabgaben laufen ja weiter", erklärt er. Die „relativ niedrigen" Beiträge zu erhöhen, hielte der Vorsitzende trotzdem für „das falsche Signal". Er hofft, dass die Sportler schnell den Weg zurückfinden – so wie nach dem ersten Lockdown: „Damals waren bei unserem Lauftreff auch sofort wieder 30, 40 Leute da."

Optimismus verbreitet der Vorsitzende des TuS Borgholzhausen. „Unsere Mitglieder nehmen die Pause ganz entspannt. Die meisten können es nach der langen Zeit kaum erwarten, wieder anzufangen, weil ihnen neben der Bewegung vor allem die Geselligkeit fehlt", sagt Horst Windhager. Mitgliederverluste habe der Verein, der mit seinen Sparten Handball, Turnen und Cricket in erster Linie breitensportlich orientiert ist, so gut wie keine zu verzeichnen. Die Zahl sei bei rund 1.100 konstant.

SC Halle verliert zehn Prozent der Mitglieder

Für den Sportclub Halle hat der Zweite Vorsitzende Matthias Reich die Entwicklung der Mitgliederzahlen aufbereitet. Die sind aus Sicht des Vereins wenig erfreulich: Im vergangenen Jahr gingen sie von 1.549 auf 1.400 zurück. In erster Linie, so Reich, weil die Zahl an Neuanmeldungen eingebrochen sei. Die Abmeldungen bewegten sich im normalen Bereich. Der Rückgang liegt nahezu bei zehn Prozent, also der vom DOSB prognostizierten Zahl.

„Die aktiven und passiven Sportlerinnen und Sportler haben sich in beeindruckender Weise solidarisch gezeigt", sagt Reich. Ein vom erweiterten Vorstand erhobenes Stimmungsbild in den sechs Abteilungen habe keine Probleme in Form von erheblicher Unzufriedenheit oder Diskussionen um Beitragsrückzahlungen ergeben – trotz eines faktischen Stillstandes des Sportbetriebs. „Das haben wir so nicht erwartet, freut uns aber sehr", sagt Reich. In den kommenden Tagen wolle sich der Verein in den Sozialen Netzwerken noch einmal an seine Mitglieder und Unterstützer wenden, um sich für die Treue in der schwierigen Phase zu bedanken und ihnen Mut für die kommende Zeit zuzusprechen.

Spvg. Steinhagen „zwei, drei Jahre zurückgeworfen"

Bei der Spvg. Steinhagen hilft man sich mit Galgenhumor durch die Krise. „Ich habe neulich zu unserem Handball-Abteilungsleiter gesagt: Stell’ dir vor, wir haben demnächst unser neues Sportzentrum gebaut, und keiner hat gemerkt, dass die alte Cronsbachhalle gefehlt hat", berichtet Andreas Wessels, Vorsitzender des Gesamtvereins. Der Hintergrund dieses Scherzes ist durchaus ernst. „Corona wirft uns um zwei bis drei Jahre zurück", sagt Wessels mit Blick auf die Mitgliederzahlen, die von mehr als 2.000 auf aktuell 1.898 gesunken sind. Die Hauptursache dieser „kleinen Delle" (Wessels) sei auch am Cronsbach, dass derzeit so gut wie niemand in den Verein eintrete, „weil wir ja kein Angebot machen können".

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Bei den treuen Mitgliedern in den insgesamt sieben Abteilungen beobachte er zudem, dass die Motivation Woche für Woche nachlässt. „Es gibt halt nichts mehr, worüber man reden könnte", sagt Wessels. Diesen Trend umzukehren, wenn Training und Wettkampf wieder erlaubt sind, sieht der Vorsitzende als die „wichtigste und schwierigste Aufgabe" des Vorstands an. Um handlungsfähig zu bleiben, muss dieser auf der Jahreshauptversammlung (wieder)gewählt werden. Wann diese stattfindet, ist noch offen. Eine digitale Veranstaltung ist für Wessels aber nur eine Notlösung: „Wir wollen uns den Diskussionen stellen."

Spvg. Versmold ist bislang „gut durchgekommen"

Bernhard Woite ist bei der Spvg. Versmold Vorsitzender von mehr als 1.800 Mitgliedern in neun Abteilungen. „Wir sind bislang gut durch die Pandemie gekommen", sagt er. Einen Mitgliederrückgang hat der ehemalige Zweitliga-Handballer, der dem Verein seit 20 Jahren vorsteht, nicht registriert. „Zu- und Abgänge halten sich die Waage", sagt Woite. Das sei vor allem der akribischen Arbeit der Abteilungsvorstände zu verdanken.

Auch den Mitgliedern und Sponsoren spricht Woite Dank dafür aus, „dass sie uns in diesen schwierigen Zeiten unterstützen". Obwohl das Sportangebot pandemiebedingt zum Erliegen kam, habe es bei den Beitragszahlungen, die Anfang des Jahres fällig waren, kein Murren gegeben. „Das uns entgegengebrachte Vertrauen wollen wir so bald es geht zurückzahlen", verspricht Woite. Soll heißen: Wenn es die Lockerungen zulassen, fährt die Spvg. ihren Betrieb sofort wieder hoch. „Hygienekonzepte liegen fertig in der Schublade. Wir brauchen kaum Vorlaufzeit", sagt der Vorsitzende.

Im Hinblick auf Christoph Breuers Studie sei die finanzielle Lage der Spvg. Versmold nicht existenzbedrohend. Der Verein habe Rücklagen gebildet. Trainer erhalten derzeit weniger oder kein Honorar. Traurig ist Woite nur darüber, dass die Feier zum 75-jährigen Jubiläum im Vorjahr ausfallen musste. Dafür soll in 2022 der 77. Geburtstag groß gefeiert werden. Außerdem soll so bald wie möglich die Jahreshauptversammlung stattfinden, die mehrfach verschoben werden musste.

Mitglieder des TV Werther honorieren Vereinsarbeit

Der TV Werther hat seine JHV bereits vom Februar auf Mai verlegt. „In weiser Voraussicht", wie Klaus Kusenberg sagt. Die Zahlen, die der Vorsitzende des Gesamtvereins dann vorlegen wird, sind beruhigend: Mit 2.103 Mitgliedern, organisiert in acht Abteilungen, ist der Bestand gegenüber dem Vorjahr nahezu konstant. Dass es 50 Austritte mehr als Beitritte gab, verbucht Kusenberg als „normale Fluktuation". Überrascht ist der Vorsitzende von dieser Entwicklung nicht. „Die Menschen honorieren mit ihrer Treue die ehrenamtliche Arbeit, die im Verein geleistet wird", sagt Kusenberg.

Finanziell stünde der Verein sogar besser da als im Vollbetrieb, „weil wir im Moment keine Trainerkosten haben". Ein Dauerzustand soll das natürlich nicht werden. „Der Ausfall des Übungsbetriebes tut weh", gibt Kusenberg zu. Besondere Sorgen macht er sich um die Mitglieder der Herzsportgruppe: „Sie brauchen den Sport am nötigsten, ohne ihn sind sie gesundheitlich akut gefährdet.

Sympathien hat der Vorsitzende für das Stufenmodell des NRW-Familienministers Joachim Stamp. Der hatte jüngst vorgeschlagen – bei einem Inzidenzwert unter 100 – im ersten Schritt den Außensport für Kinder wieder freizugeben. „Unsere Hallensportler könnten dann zunächst auf den Sportplatz ausweichen", sagt Kusenberg.

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