Tönnies-Arbeiter tauchen unter - Verl setzt auf drastische Maßnahmen

Die Stadt Verl ergreift drastische Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz, ein ganzer Ortsteil wird abgesperrt. Die Spur von möglichen Corona-Infizierten verliert sich.

Jeanette Salzmann

Die Polizei sperrt eine Siedlung mit Wohnhäusern von Tönnies-Werkvertragsarbeitern in Verl-Sürenheide ab.  - © Patrick Menzel
Die Polizei sperrt eine Siedlung mit Wohnhäusern von Tönnies-Werkvertragsarbeitern in Verl-Sürenheide ab.  (© Patrick Menzel)

Kreis Gütersloh. Die größte Aufgabe des Krisenstabs in der aktuellen Corona-Krise: Die Spur der Menschen aufzunehmen, die für Tönnies arbeiten, um das Virus einzudämmen. Weil Wohnorte und Anschriften der 6.000 Personen bis Samstag nicht transparent waren, sind nunmehr drei Tage seit Bekanntwerden des Massenausbruchs vergangen.

Zeit, die viele Südosteuropäer genutzt haben, um unterzutauchen oder in die Heimatländer zu reisen. In Gütersloh-Blankenhagen sind keine Autos an den Straße und Hinterhöfen der einschlägigen Wohnblocks mehr geparkt. Die Tönnies-Werkvertragsarbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien stehen unter Quarantäne, dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Aber sie sind gar nicht da.

„Eine Reihe von Personen sind untergetaucht"

Auch in Bereichen von Herzebrock-Clarholz reihen sich zahlreiche Quartiere aneinander. Auch hier fehlen Autos und Bewohner.

„Wir müssen davon ausgehen, dass eine Reihe von Personen sich entzogen hat oder irgendwo im Umfeld untergekommen ist. Auch deshalb mussten wir aktiv werden", sagt Heribert Schönauer, Erster Beigeordneter der Stadt Verl. Am Samstagmorgen hat die Stadt eine Allgemeinverfügung erlassen und ab dem Nachmittag drei Bereiche im Ortsteil Sürenheide abgeriegelt. 1.000 Meter Bauzaun wurde um die Häuserblocks herum aufgestellt, die Bewohner werden fortan rund um die Uhr von Polizei, Ordnungsamt und zusätzlichem Sicherheitsdienst bewacht, damit die Quarantäne eingehalten wird.

Autofahrer, die den Bereich in Verl-Sürenheide verlassen oder befahren wollten, wurden gestoppt.  - © Patrick Menzel
Autofahrer, die den Bereich in Verl-Sürenheide verlassen oder befahren wollten, wurden gestoppt.  (© Patrick Menzel)

Auf der Straße wurden Feste gefeiert

Dolmetscher Abi Serban übersetzt das Geschehen an allen Türen der Wohnblocks auf Rumänisch. Verteilt werden zudem Handzettel – mit deutschsprachigem Text, übersetzt sind sie noch nicht.

„Wir mussten so handeln", erklärt Schönauer, „viele Bewohner haben sich nicht an die Regeln gehalten, waren in den umliegenden Supermärkten einkaufen oder haben andere Dinge erledigt." Ein Nachbar, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, berichtet davon, dass auf der Straße nach der Schließung des Schlachtbetriebs Tönnies schon am Mittwoch „Feste gefeiert" wurden, „denn jetzt ist 14 Tage arbeitsfrei".

Problematisch auch: In den vergangenen Tagen sei es zu einer Art Tourismus gekommen, so Verls Bürgermeister Michael Esken. Menschen hätten das Gebiet aufgesucht und nachgeschaut, ob die Bewohner die angeordnete Quarantäne einhalten.

Auch Kinder sind von der Quarantäne betroffen

668 Menschen sind von der Maßnahme betroffen – auch solche, die nicht bei Tönnies beschäftigt sind, darunter 60 Minderjährige, davon 20 Kinder unter drei Jahren. Das städtische Jugendamt ist deshalb im Einsatz.

„Wir haben hier bestätigt über 100 Infizierte", erklärt Schönauer, „Zahlen zu Familienangehörigen haben wir nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahlen steigen." Allein von den 363 Menschen, die nach Auskunft der Stadt in den Wohnblocks am Zollhausweg leben, sind 250 Mitarbeiter von Tönnies.

Helfer vom DRK versorgen die unter Quarantäne stehenden Menschen mit Wasser und Lebensmitteln.  - © Patrick Menzel
Helfer vom DRK versorgen die unter Quarantäne stehenden Menschen mit Wasser und Lebensmitteln.  (© Patrick Menzel)

Das DRK hat einen Verpflegungszug geschickt, um die Menschen mit Essenspaketen zu versorgen. Auch Babynahrung und Hygieneartikel sollen ausgegeben werden. Am Sonntagmorgen reichen Mitarbeiter des DRK den Menschen aus einem Lastwagen heraus Brot durch den Zaun, weil am Samstag die ausreichende Menge so schnell nicht lieferbar war. Alles geht ruhig und geordnet vonstatten.

Polizei und Ordnungsamt stehen bereit

Am Sonntag starten die Covid-19-Tests. Dafür rücken Soldaten der Bundeswehr vom Panzerbataillon aus Augustdorf und dem Sanitätszentrum Ahlen an. Etwa 180 Proben werden in den Wohnungen am Zollhausweg genommen. Die Polizei und Mitarbeiter des Ordnungsamtes Verl stehen bereit einzuschreiten, sollte es – wie am Samstag in Herzebrock-Clarholz – „mangelnde Kooperationsbereitschaft" geben.

Derweil geben offensichtlich den Reichsbürgern nahestehende Nachbarn fleißig Interviews in jedes Mikrofon, das ihnen ein Team privater Fernsehsender entgegenstreckt. Die schwarz-weiße Flagge mit dem Adler weht im Hintergrund, wenn über die „Corona-Lüge" geschimpft wird.

„Grund ist die Fehleinschätzung der Firma Tönnies"

„Die Gesamtsituation ärgert uns auch", so Schönauer. Die Bürger hätten nun unter der Fehleinschätzung der Firma Tönnies zu leiden. Er hoffe nun, dass sich Bundes- und Landespolitik zusammensetzen und die bisherige Praxis der Werkverträge massiv überdenken. „Den Menschen hier ist das nicht anzulasten", so Schönauer, „sie sind Opfer dieses perversen Systems." Die Abriegelung ist auf 14 Tage angelegt.

Betroffen von der Abriegelung ist auch der Familienvater Josef (Name geändert). Er ist vor neun Jahren von Polen nach Sürenheide gezogen. Vier Jahre hat er für Tönnies gearbeitet . Vom Häuserblock ist er in den gegenüberliegenden Block gezogen. „Hier gibt es nur Privatwohnungen", auf der anderen Seite aber gehe es drunter und drüber. Er selbst habe dort mit zwölf Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung gelebt. „Jetzt wohnen dort nur noch Rumänen und Bulgaren. Die Leute saufen Tag und Nacht", heute sei tatsächlich der erste Tag seit fünf Jahren, an dem Ruhe herrsche, weil so viel Polizei da sei.

„Das sind alles Verbrecher", sagt Josef und meint sowohl den Supermarktbesitzer als auch die Subunternehmer, die jeden Tag 50 und mehr Personen in ihren Transportbus stopfen würden. „280 Stunden habe ich bei Tönnies jeden Monat gearbeitet und dafür 1.300 Euro bekommen. Das gibt es nicht mal in Polen."

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