HalleGerry Weber: Ein Drittel der Führungskräfte in der Zentrale muss gehen

Der Vorstandschef sieht noch viel Sparpotenzial beim Modeunternehmen aus Halle.

Andrea Frühauf

Alexander Gedat kennt die Modebranche bestens. Er ist gleichzeitig Aufsichtsratschef der Herforder Ahlers AG. Von 2012 bis 2017 war er Vorstandschef von Marc O’Polo - © Ahlers
Alexander Gedat kennt die Modebranche bestens. Er ist gleichzeitig Aufsichtsratschef der Herforder Ahlers AG. Von 2012 bis 2017 war er Vorstandschef von Marc O’Polo © Ahlers

Herr Gedat, was hat die Gläubiger davon überzeugt, dass der Modehersteller Gerry Weber eine Überlebenschance hat?

Alexander Gedat: Unsere eigene Begeisterung für ein neues Zukunftskonzept hat sie überzeugt. Es ist charmant, gut durchdacht und wird Gerry Weber zu neuer Stärke zurückführen können.

Wie wollen Sie das erreichen?

Gedat: Wir legen den Fokus verstärkt auf unsere Kernkompetenzen Mode, gute Qualität und Passform. Und wir reduzieren die Komplexität. Wir reduzieren die Liefertermine von 14 auf 10 im Jahr. Die Wintersaison beginnt damit erst im Juli statt im Juni.

Was ist der Vorteil?

Gedat: Wir haben weniger Kollektionen. Die Designer können sich mehr auf weniger Modelle konzentrieren. Und eine höhere Stückzahl je produziertem Teil ist gut für die Qualität. Zudem wollen wir die Verkaufstermine für den Handel von 6 auf 4 reduzieren. Die Mengen werden pro Termin größer. Für die Verbraucher bedeutet dies weniger verschiedene Teile. Aber auch andere Modehersteller überdenken gerade in der Corona-Krise vieles. Auch S. Oliver reduziert zum Beispiel die Kollektionen.

Was wird außerdem verändert?

Gedat: Wir geben die Fertigung komplett an unsere Lieferanten. Bis jetzt haben wir in der „passiven Lohnveredelung" die Materialien für bestimmte Teile selbst gekauft und dann in Lohnbetrieben in der Ukraine verarbeiten lassen. Unsere Büros in China, Bangladesch und der Türkei, die dort in die Betriebe gehen, die Ware begutachten und verhandeln, wandeln sich vom Costcenter zum Profitcenter. Damit bekommen sie nicht mehr die Kosten plus einen Zuschlag von uns, sondern sie müssen Gewinn machen.

Wo wollen Sie noch sparen?

Gedat: Wir werden vier unserer sieben Showrooms schließen – und zwar in Leipzig, Berlin, Eschborn und Sindelfingen. Damit sinken die Kosten für Mieten und Musterteile. Da sparen wir viel Geld. Außerdem werden wir in unserer Zentrale in Halle auch ein zweites Viertel unserer Fläche vermieten, weil wir hier viel zu viel Platz haben. Der vor allem in der Zentrale geplante Stellenabbau, bei dem die Mitarbeiterzahl von rund 600 auf rund 400 sinken wird, wird auch ein Drittel der Führungskräfte treffen. Auch mit dem Verzicht auf viele der externen Berater, die etwa in der Insolvenz nötig waren, sparen wir einen großen Betrag.

Aber 40 Prozent des Gerry-Weber-Umsatzes entfallen auf Einzelhändler, allen voran Galeria Kaufhof Karstadt. Auch der Konzern wird Läden schließen.

Gedat: Ja, wir werden in der Corona-Krise einige Läden unserer Kunden verlieren. Aber wir können auch noch genug gewinnen. Wir können durch gute Abverkäufe zudem Kunden zurückgewinnen. Wir wollen die Verbraucher begeistern. Und wir hoffen natürlich, dass unsere Verkaufsflächen bei Kaufhof Karstadt nicht von den Schließungen betroffen sind.

Warum ist Gerry Weber mit eigenen Läden fast nur noch in kleineren Städten vertreten – so auch in OWL nur noch in Bad Salzuflen, Bad Driburg, Lemgo und Herford?

Gedat: Weil unsere Läden in kleineren Städten profitabel sind. Das liegt auch an viel niedrigeren Mieten. Wir sind mit allen Vermietern über Kürzungen in Verhandlungen. Etliche sind sehr kooperativ. In drei, vier Jahren könnte die Miete dann wieder auf das alte Niveau erhöht werden.

Soll sich mit der neuen Kreativchefin für Taifun und Samoon modisch etwas ändern?

Gedat: Ja. Die Mode von Taifun soll jünger, lässiger und femininer werden und sich mehr von Gerry Weber unterscheiden. Zielgruppe sind die ab 40-Jährigen.

Setzen Sie auf TV-Werbung?

Gedat: Auf Imagewerbung im Fernsehen werden wir zum Beispiel verzichten. Stattdessen setzen wir auf umsatzorientiertes Marketing, schenken Kundinnen beispielsweise einen Zehn-Euro-Gutschein oder bieten ihnen morgens ein Fashion-Frühstück.

Und dazu eine Modenschau?

Gedat: Nein. Gute Modenschauen sind zu teuer. Und schlechte wollen wir unseren Kundinnen nicht anbieten, dafür sind die Ansprüche zu hoch.

Herr Gedat, wie lange bleiben Sie noch im Amt?

Gedat: Wir führen Gespräche mit mehreren Nachfolgekandidaten und hoffen, dass wir im Idealfall schon in einigen Wochen jemanden gefunden haben könnten. Das könnte auch jemand mit dem Spezialgebiet Produkt sein. In diesem Fall könnte das auch Auswirkungen auf die Nachfolge von unserer Designchefin Rena Marx haben. Sie ist aber aktuell für die Marke Gerry Weber verantwortlich und bleibt uns noch neun Monate erhalten.

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