"Kaufrausch" in Halle: Der Sachenretter von der Goebenstraße

»Wir sind Halle«: Im Kaufrausch ist das ganze Jahr über Flohmarkt. Auf 530 Quadratmetern öffnet sich ein Paradies für Trödelfreunde. Viele kleine Schätze finden sich dort sowieso. Und manchmal auch ein großer.

Heiko Kaiser

Fatima Monique Schulze und Udo Schulze haben sich auf dem Flohmarkt kennengelernt. Seit 2011 führen sie den Gebrauchtwaren- und Sonderpostenmark Kaufrausch in der Goebenstraße. - © Heiko Kaiser
Fatima Monique Schulze und Udo Schulze haben sich auf dem Flohmarkt kennengelernt. Seit 2011 führen sie den Gebrauchtwaren- und Sonderpostenmark Kaufrausch in der Goebenstraße. (© Heiko Kaiser)

Halle. Udo Schulze hat einen besonderen Beruf. Er ist Sachenretter. So jedenfalls versteht er selbst seinen Job. Und er rettet alles, was er als rettenswert empfindet. „Hier ein altes Küchenbuffet. Aus der Zeit um 1860", erklärt er. „Habe ich aus einem alten Bauernhaus herausgeholt." Es klingt so, als wenn das antike Möbelstück dort irgendwie in große Not geraten wäre. Jetzt aber ist es in Sicherheit, und es steht im Eingangsbereich des »Kaufrausch«. So hat Udo Schulze seinen Gebrauchtwaren- und Sonderpostenmarkt in der Goebenstraße 7 genannt.

Am geretteten Buffet angekommen, hat man bereits Hunderte von Gegenständen passiert, die vor der Eingangstür aufgebaut sind. Gartengeräte, Laubbläser und Fahrräder sind dort zu sehen. An der Seite eine alte Kiste. „Ein Postkoffer aus dem 18. Jahrhundert", sagt Schulze. 18. Jahrhundert? Auf den erstaunten Blick hin fügt er hinzu: „Die ist aber unten schon durch." Trotzdem hat er sie gerettet. 18. Jahrhundert. Das ist doch was.

Wer die Verkaufsräume betritt, fühlt sich sofort wie in einer anderen Welt. Ein Gefühl von Schatzsuche, von Entdeckergeist entsteht. Von kindlichem Findertrieb. Ein Flohmarkt-Feeling eben. Am Buffet lehnt die Verpackung eines Webbrettes, daneben ein Anglerset. Rolle, Rute, Schnur. Lederne Folianten sind hinter einer gläsernen Schranktür zu erkennen. Ein Metallschild aus den 1960er-Jahren wirbt für Herforder Pils. Feines Porzellan steht sorgsam aufgereiht im Regal einige Meter weiter. Selb Bavaria steht auf dem blauen Stempel unter einer Tasse. Sieht wertvoll aus.

Immer neue Schätze in den Regalen

Ein Paradies für Schatzsucher: Hier darf gestöbert und gesucht werden. - © Heiko Kaiser
Ein Paradies für Schatzsucher: Hier darf gestöbert und gesucht werden. (© Heiko Kaiser)

Eine Kundin kommt mit einer schwarzen Lederhandtasche und einer orangefarbenen Tischdecke aus der Tiefe der 530 Quadratmeter großen Räumlichkeiten zurück und hält sie Fatima Monique Schulze mit ausgestreckten Armen hin. „Acht und sechs Euro", sagt diese nach einem kurzen, abschätzenden Blick. „Sagen wir zehn?", fragt die Kundin hoffnungsvoll. „Zwölf", antwortet Fatima Monique Schulze kopfschüttelnd. Die Kundin zückt das Portemonnaie. Das Geschäft ist gemacht.

Grün auf Magenta: So farbenfroh wie das Firmenschild, so bunt ist auch das Angebot im Kaufrausch. - © Heiko Kaiser
Grün auf Magenta: So farbenfroh wie das Firmenschild, so bunt ist auch das Angebot im Kaufrausch. (© Heiko Kaiser)

Fatima Monique Schulze hat ihren Mann auf dem Flohmarkt kennen gelernt. Das war vor 35 Jahren. Seit 16 Jahren sind sie ein Paar, seit 2013 verheiratet. Zwei Jahre zuvor haben sie den Laden eröffnet. „Er macht das Antike, ich 08/15", sagt sie und lacht. Die Aufgaben sind klar verteilt. Tasche und Decke sind offensichtlich 08/15. „Was wir hier nicht haben?" Die 56-Jährige blickt sich kurz um, als könne sie mit prüfendem Blick erkennen, was fehlt. Dann zuckt sie mit den Schultern. „Wir haben fast alles."

Trödel schon vor dem Eingang: Fahrräder, Gartenwerkzeuge und -möbel. Wer den Kaufrausch-Markt betritt, hat schon einen kleinen Flohmarkt passiert. - © Heiko Kaiser
Trödel schon vor dem Eingang: Fahrräder, Gartenwerkzeuge und -möbel. Wer den Kaufrausch-Markt betritt, hat schon einen kleinen Flohmarkt passiert. (© Heiko Kaiser)

Man will es ihr glauben. Der Gang vorbei an Regalen, die in einer nicht zu ergründenden Ordnung bestückt sind, lässt immer neue Schätze entdecken. Bücher, Schmuck, Spielzeug, Geschirr, Kleidung, Möbel – alles eben. „Leute, die das erste Mal hier sind, sind regelmäßig erschlagen", sagt Fatima Monique Schulze. Das Gefühl ist treffend beschrieben.

Vergessenes Sparbuch zurückgegeben

Dann kommt der Sachenretter. Schon als Kind sei er mit seinen Eltern auf Flohmärkten gewesen", berichtet Udo Schulze. Ein Erlebnis hat ihm im Alter von zehn Jahren den Weg zum professionellen Trödler geebnet. „Ich habe eine Mickey-Figur von Steiff für 2,50 Mark verkauft. Eine Dreiviertelstunde später habe ich sie an einem anderen Stand für 90 Mark gesehen. Da habe ich mir gesagt, das kannst du auch."

Udo Schulze kann viele solcher Geschichten erzählen. Geschichten wie die von der Prunkschale aus Bleikristall, die einst für ein Hotel in Hamburg gefertigt worden war. Für 23 Euro bot er sie auf dem Flohmarkt an – vergeblich. „Da dachte ich mir, wenn nicht preiswert, dann eben ganz teuer." Er setzte den Preis auf 3.000 Euro hoch. Für 2.500 ging sie weg. Kaum zu glauben.

Schätze hat er selbst allerdings noch nicht gefunden. Kleine, vielleicht. Wie die vier winzigen Goldmünzen, die in einer Luftmatratze steckten. Oder das Sparbuch der alten Frau, die ihre Miete nicht mehr zahlen konnte, aber auf der Bank mehrere tausend vergessene Euro liegen hatte. „Das Sparbuch haben wir natürlich zurückgegeben", sagt Schulze. Ehrensache.

„Für mich ist alles etwas Besonderes"

Es ist wichtig, sich diesen Respekt zu erhalten. Gerade, wenn man wie Udo Schulze in das Leben anderer Menschen eindringt. Oder besser gesagt, in das, was davon geblieben ist. Haushaltsauflösungen, Entrümpelungen – meistens sind damit Menschenschicksale verbunden. Leben, die sich plötzlich geändert haben oder die geendet sind. „Einmal kamen wir in eine Wohnung, wo der Tisch noch gedeckt war. Die Frau war kurz vorher gestorben. Ich konnte da nicht reingehen", sagt Fatima Monique Schulze. Ihr Mann zuckt mit den Schultern: „ Die Menschen haben ihr Leben gelebt. Ein Teil davon bleibt. Das wird von uns gerettet." Für seine Dienste nimmt er ein Honorar. Davon zieht er den Wert der Sachen ab, die er als rettenswert erachtet.

„Für mich ist alles etwas Besonderes. Es ist schön, wenn ich mit den Dingen Menschen noch eine Freude bereiten kann. Außerdem geht das, was wir erhalten, nicht in den Müll. Alle reden vom Umweltschutz, hier fängt er an", sagt er. In seinem Leben werde er das, was hier steht, nicht mehr verkaufen können. Zumal er in Gütersloh noch einen Lagerraum mit 1.000 Quadratmetern besitze.

So ist das, wenn man Sachen rettet.

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