Arztfehler: Familie Schacht aus Borgholzhausen bekommt Chance auf Neuanfang

Malte Goltsche,Andreas Großpietsch

Eine große Bereicherung ist Josephina für die Familie. Das findet Sandra Schacht – auch wenn es manchmal anstrengend ist. - © Jenny Klestil
Eine große Bereicherung ist Josephina für die Familie. Das findet Sandra Schacht – auch wenn es manchmal anstrengend ist. (© Jenny Klestil)

Borgholzhausen/Dissen. Sandra Schacht aus Borgholzhausen ist eine zierliche Frau, aber zum Glück eine Kämpfernatur, die sich auch von Schicksalsschlägen nicht den Lebensmut nehmen lässt. Seit der Geburt im seit 2014 geschlossenen Dissener Krankenhaus vor fast neun Jahren lebt ihre Tochter Josephina mit schwersten Behinderungen. Das Oberlandesgericht Oldenburg bestätigte nun ein Urteil des Landgerichts Osnabrück. Schacht bekommt 500.000 Euro Schmerzensgeld.

Wichtiger als Geld ist für die zweifache Mutter aber, dass sie einen Umgang mit dem Schicksal gefunden hat. Dabei hilft ihr auch ihre Tochter: „Sie ist eine große Bereicherung für uns. So anstrengend es manchmal ist, sie gibt einem auch so viel zurück."

In der Nacht zu Heiligabend kam alles ganz anders als erhofft

Dabei ist an Josephina wirklich fast alles anders, als ihre Mutter es sich vor der Geburt im Jahr 2010 ausgemalt hatte. Sandra Schacht war damals bereits Mutter der dreijährigen, völlig gesunden Darlene. „Die erste Geburt war ein Spaziergang", sagt sie. Und ging davon aus, dass es auch beim zweiten Kind so sein würde: „Ich habe alle denkbaren Untersuchungen gemacht. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, ein behindertes Kind zu haben", sagt sie.

Und noch einen weiteren Wunsch hatte sie für ihr Kind: Es sollte nicht Heiligabend geboren werden. Doch das Leben hält sich nicht an solche Wünsche. Am späten Abend des 23. Dezember 2010 musste sie ins Krankenhaus Dissen. Die dortige Geburtsstation genoss damals einen sehr guten Ruf. An diesem so verhängnisvollen Abend vor Weihnachten kam alles ganz anders als erhofft.

Minutiöser Ablauf der Schrecksnacht

Minutiös hat das Landgericht Osnabrück in der Urteilsbegründung den Verlauf der Schreckensnacht nachgezeichnet. Denn in der Dissener Geburtsstation wurde nicht nur ein Fehler gemacht. Nach den Darstellungen des Gutachters reihte sich eine falsche Entscheidung an die nächste – mit schlimmsten Folgen für Mutter und Kind.

Dass die Nabelschnur gleich doppelt um den Hals des Babys geschlungen war, blieb lange unbemerkt. Selbst dann, als die Herztöne minutenlang nicht zu hören waren, gab es keine Entscheidung für eine Notgeburt per Kaiserschnitt. Als die kleine Josephina schließlich nach einem stundenlangen Martyrium auf der Welt war, wurde sie der Mutter auf den Bauch gelegt. Kostbare Sekunden verstrichen, in denen die Mutter wusste, dass etwas nicht stimmte: „Sie war ganz schlaff. Sie atmete nicht."

Mund-zu-Mund-Beatmung statt notwendiger Spezialgeräte

Mit Verzögerung reagierten die Verantwortlichen und begannen mit der Beatmung. Doch das dafür unverzichtbare Gerät war nicht aufgebaut. In ihrer Not machten die Geburtshelfer sogar Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Gutachter sagte dazu später, dass er noch nie von einer solchen Vorgehensweise in einem Krankenhaus gehört habe.

Als die Behandlung des neugeborenen Kindes durch weitere hinzugezogene Fachärzte fortgesetzt wird, ist es fast zu spät.

Sauerstoffmangel: Wichtige Gehirnareale unwiederbringlich zerstört

Durch den Sauerstoffmangel unter der Geburt sind wichtige Areale des Gehirns unwiederbringlich zerstört. „Ein Jahr lang wussten wir nicht, ob Josephina leben wird", sagt Sandra Schacht.

30 bis 40 Jahre alt kann ein Mensch mit einer solchen Behinderung werden und wird immer auf dem Stand eines Babys bleiben: völlig hilflos und in allen Lebensfunktionen auf Hilfe angewiesen. Josephina wird ihren Rollstuhl nicht verlassen und niemals sprechen.

In den Kopf ihrer Tochter kann Sandra Schacht nicht schauen. Sie weiß, dass ihr Kind sehr gern kuschelt, niemals genug davon bekommt, wenn sich ihre Eltern oder ihre Schwester mit ihr beschäftigen. Und sie sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass so ein Kind so viel zurückgeben kann."

Für alle Zeit auf Hilfe angewiesen

Trotzdem bleibt die völlige Hilfsbedürftigkeit für alle Zeit bestehen. Das hatte offenbar auch die Gerichte in Osnabrück und Oldenburg im Sinn, als sie in ihren Urteil auf Schmerzensgeld in Höhe von 500.000 Euro sowie lebenslange finanzielle Unterstützung durch die Verantwortlichen entschied. Die Bestätigung des Urteils wird zwei Tage nach der Verkündung öffentlich.

Als sie von unserer Redaktion kontaktiert wird, ist Schacht von der Urteilsverkündung völlig überrascht. „Ich wusste, dass die Urteilsverkündung war, aber da sind wir nicht hingefahren. Ich habe eigentlich die ganze Zeit auf Post gewartet", sagt sie. Die Mutter ist erleichtert, dass sie erneut Recht bekommen haben, obwohl sie sich dessen immer sicher gewesen sei: „Es sah von Beginn an gut für uns aus, das hat uns auch der Rechtsanwalt immer wieder gesagt."

"Selbst das Baden ist ein unglaublicher Akt"

Das Urteil wird das Leben der Familie Schacht verändern. Die Situation zuhause sei schwer zu bewältigen, sagt die Mutter. Täglich trage sie Josephina mehrmals die Treppe zu der Eigentumswohnung im ersten Obergeschoss auf und ab. Bei einem fast neunjährigen Kind ist das mittlerweile nicht mehr so leicht. „Sie wird immer schwerer und wenn sie dabei mal anfangen würde zu krampfen, gibt es ein Problem." Laut Schacht besteht immer die Gefahr, dass sie ihr Kind fallen lässt. „Selbst das Baden ist ein unglaublicher Akt", sagt sie. Fast neun Jahre hat die Mutter darauf gewartet, neu anfangen zu können.

Das Wichtigste dabei: eine behindertengerechte Wohnung oder ein eigenes Haus. Die Zeit dafür drängt, je älter Josephina wird. „Es war jetzt kurz vor 12", sagt Schacht. Die Mutter hofft deshalb, dass es nicht noch einmal zu einer Berufung kommt und der Fall vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe verhandelt wird. Denn das würde dann noch etwa ein Jahr dauern, schätzt sie. Zeit, die Familie Schacht für ihren Neuanfang nicht hat.

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