Verpatzte Geburt: Mutter verklagt für ihre behinderte Tochter das Krankenhaus

Kunstfehler: Sandra Schacht kämpft um Schmerzensgeld für ihre Tochter

Andreas Großpietsch

Borgholzhausen/Dissen. Sandra Schacht aus Borgholzhausen ist eine zierliche Frau, aber zum Glück eine Kämpfernatur, die sich auch von Schicksalsschlägen nicht den Lebensmut nehmen lässt. Seit der verpatzten Geburt im Dissener Krankenhaus vor acht Jahren lebt ihre Tochter Josephina mit schwersten Behinderungen. Vom Landgericht Osnabrück hat Sandra Schacht ein hohes Schmerzensgeld zugesprochen bekommen. Wichtiger als Geld ist aber, dass sie einen Umgang mit dem Schicksal gefunden hat. Dabei hilft ihr auch ihre Tochter: „Ihr Lachen steckt an, sie macht einfach gute Laune. Sie gibt einem so viel zurück."

„Ein behindertes Kind zu haben, konnte ich mir nicht vorstellen"

Dabei ist an Josephina wirklich fast alles anders, als ihre Mutter es sich vor der Geburt im Jahr 2010 ausgemalt hatte. Sandra Schacht war damals bereits Mutter der dreijährigen, völlig gesunden Darlene. „Die erste Geburt war ein Spaziergang", sagt sie. Und ging davon aus, dass es auch beim zweiten Kind so sein würde: „Ich habe alle denkbaren Untersuchungen gemacht. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, ein behindertes Kind zu haben", sagt sie.

Josephina mit ihrer Schwester - © Privat
Josephina mit ihrer Schwester (© Privat)

Und noch einen weiteren Wunsch hatte sie für ihr Kind: Es sollte nicht Heiligabend geboren werden. Doch das Leben hält sich nicht an solche Wünsche. Am späten Abend des 23. Dezember 2010 musste sie ins Krankenhaus Dissen. Die dortige Geburtsstation genoss damals einen sehr guten Ruf. An diesem so verhängnisvollen Abend vor Weihnachten kam alles kam ganz anders als erhofft.

Mutter und Tochter - © Privat
Mutter und Tochter (© Privat)


Minutiös hat das Landgerichts Osnabrück in der Urteilsbegründung den Verlauf der Schreckensnacht nachgezeichnet. Denn in der Dissener Geburtsstation wurde nicht nur ein Fehler gemacht. Nach den Darstellungen des Gutachters reihte sich eine falsche Entscheidung an die nächste – mit schlimmsten Folgen für Mutter und Kind.

Die Ärzte im Dissener Krankenhaus versuchten sogar Mund-zu-Mund-Beatmung

Dass die Nabelschnur gleich doppelt um den Hals des Babys geschlungen war, blieb lange unbemerkt. Selbst dann, als die Herztöne minutenlang nicht zu hören waren, gab es keine Entscheidung für eine Notgeburt per Kaiserschnitt. Als die kleine Josephina schließlich nach einem stundenlangen Martyrium auf der Welt war, wurde sie der Mutter auf den Bauch gelegt. Kostbare Sekunden verstrichen, in denen die Mutter wusste, dass etwas nicht stimmt: „Sie war ganz schlaff. Sie atmete nicht."

Mit Verzögerung reagierten die Verantwortlichen und begannen mit der Beatmung. Doch das dafür unverzichtbare Gerät war nicht aufgebaut. In ihrer Not machten die Geburtshelfer sogar Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Gutachter sagte dazu später, dass er noch nie von einer solchen Vorgehensweise in einem Krankenhaus gehört habe.

Als die Behandlung des neugeborenen Kindes durch weitere hinzugezogene Fachärzte fortgesetzt wird, ist es fast zu spät. Durch den Sauerstoffmangel unter der Geburt sind wichtige Areale des Gehirns unwiederbringlich zerstört. „Ein Jahr lang wussten wir nicht, ob Josephina leben wird", sagt Sandra Schacht.

30 bis 40 Jahre alt kann ein Mensch mit einer solchen Behinderung werden und wird immer auf dem Stand eines Babys bleiben: Völlig hilflos und in allen Lebensfunktionen auf Hilfe angewiesen. Josephina wird ihren Rollstuhl nicht verlassen und niemals sprechen.

„Hätte nie gedacht, dass so ein Kind so viel zurückgeben kann"

Aber ihrer Umwelt mitteilen kann sich das Mädchen schon – wenngleich nur durch Lachen und Weinen. „Sie kann sich nicht verstellen. Ihr Lachen ist immer echt – und es steckt an", sagt ihre Mutter. Diese Fröhlichkeit macht Josephina auch in der Klasse ihrer Förderschule in Bielefeld beliebt. „Sie geht gern dort hin. Ich glaube, dass ihr oft langweilig ist", sagt Sandra Schacht.

Denn in den Kopf ihrer Tochter kann sie nicht schauen. Sie weiß, dass ihr Kind sehr gern kuschelt, niemals genug davon bekommt, wenn sich ihre Eltern oder ihre Schwester mit ihr beschäftigen. Und sie sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass so ein Kind so viel zurückgeben kann."

Trotzdem bleibt die völlige Hilfsbedürftigkeit für alle Zeit bestehen. Das hatte offenbar auch das Landgericht Osnabrück im Sinn, als es in seinem Urteil auf Schmerzensgeld in Höhe von 500.000 Euro sowie lebenslange finanzielle Unterstützung durch die Verantwortlichen entschied. Vielleicht folgt es ja einer unbekannten Logik, dass der Fall noch einmal verhandelt werden soll. Vielleicht aber entscheidet das Gericht gegen einen »Rabatt« und für mehr Ausgleich für einen Schaden, der niemals auszugleichen ist.

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