Borgholzhausener Unabhängige schwimmen gegen den Strom zum Erfolg

Jubiläum: Die Borgholzhausener Unabhängigen sind 1989 gegründet worden. Aus einer zunächst belächelten Vereinigung ist inzwischen die zweitgrößte Fraktion im Stadtrat geworden. Dabei wollten die Gründungsmitglieder zunächst eine andere Partei unterwandern

Heiko Kaiser

Die Anfänge: Die Borgholzhausener Unabhängigen präsentieren ihre Kandidaten. Dabei auch Dierk Bollin (Zweiter, von links), Konrad Upmann (Vierter, von rechts) und Dieter Rerucha (rechts). - © Remmert Feldkirch
Die Anfänge: Die Borgholzhausener Unabhängigen präsentieren ihre Kandidaten. Dabei auch Dierk Bollin (Zweiter, von links), Konrad Upmann (Vierter, von rechts) und Dieter Rerucha (rechts). (© Remmert Feldkirch)

Borgholzhausen. Der erste Versuch war subversiv. Als dieses Unterfangen scheiterte, wurden die Borgholzhausener Unabhängigen gegründet. „Die Anfänge sind bereits im Jahr 1984 zu sehen", erinnert sich der langjährige Vorsitzende Konrad Upmann. Eine Gruppe von A 33-Gegnern trat damals in die CDU ein. „Wir wollten so innerhalb dieser Partei einen Bewusstseinswandel in Sachen Autobahnbau herbeiführen", erinnert sich Upmann und lächelt. Der Versuch misslang.

Gründungsanlass: Absprachen zwischen SPD und CDU

Zur Gründung der BU kam es fünf Jahre später. Der auslösende Grund dafür war eine Absprache zwischen CDU und SPD nach der Kommunalwahl 1984. Weil weder SPD noch CDU aus eigener Kraft einen Bürgermeisterkandidaten durchsetzen konnten, kam es dazu, dass sich die beiden Parteien untereinander einigten, sich die Legislaturperiode zu teilen. So bekleideten zunächst Bernd Huesmann (SPD) und anschließend Friedrich Frewert (CDU) für jeweils 30 Monate das Amt. Ein Modell, das Frewert in der sich anschließenden Legislaturperiode weiterführen wollte.

Geben in der BU den Ton an: Vorsitzender Dierk Bollin (von links), der ehemalige Vorsitzende Konrad Upmann und Fraktionschef Dieter Rerucha. - © Heiko Kaiser
Geben in der BU den Ton an: Vorsitzender Dierk Bollin (von links), der ehemalige Vorsitzende Konrad Upmann und Fraktionschef Dieter Rerucha. (© Heiko Kaiser)

„Das war die Steilvorlage zur Gründung der BU", sagt Konrad Upmann und fügt hinzu: „Durch die ständigen Absprachen zwischen SPD und CDU kam es praktisch zu einer Blockade der demokratischen Gepflogenheiten, die wir nicht mitgehen wollten." Wir, das waren 1989 Männer wie Wolfhart Kansteiner, Karl-Heinz Beune, Peter Knaust, Konrad Upmann oder Günter Rahmann.

Die FDP verunglimpfte den politischen Gegner

Der erste Wahlkampf war eine Stimmenwerbung auf Sparflamme. „Wir hatten nur ganz wenig Zeit. Alle 14 Wahlkreiskandidaten mussten 100 Mark auf den Tisch legen, damit wir eine Postwurfsendung finanzieren konnten", erinnert sich Dieter Rerucha. 1.220,13 Mark kostete die Aktion – am Ende zog die BU mit zwei Sitzen in den Rat ein. Und ging schweren Zeiten entgegen.

„Vor allem die FDP hat uns damals sehr zugesetzt. Sie hatten Kontakte zu einer Druckerei und konnten so den Ort mit Postillen überschwemmen, in denen wir immer wieder verunglimpft wurden", erzählt Upmann. Die BU, finanziell nicht in der Lage, entsprechend zu antworten, geriet zunächst in die Defensive. Zunächst. Letztlich aber habe das dazu geführt, dass sich die Stimmung im Ort gegen die FDP richtete.

Bei jeder Wahl erfolgreicher

Der Zahl der Sitze der BU hingegen wuchs von Wahl zu Wahl. Auf drei (1994), vier (2004), fünf (2009) und schließlich sieben bei der vergangenen Kommunalwahl 2014. Aus den einst belächelten A 33-Gegnern ist damit zusammen mit der CDU die zweitstärkste Fraktion in der Lebkuchenstadt geworden. Den Grund für diesen Erfolg sieht Konrad Upmann in einer Expertise, die die Borgholzhausener Unabhängigen zu bieten haben. „In unseren Reihen gibt es für für verschiedene Fachgebiete Leute, die wissen wovon sie sprechen. Klaus Meyerhoff arbeitet im Bauamt in Bielefeld, Christian Poetting im dortigen Schulamt. Dierk Bollin ist Fachmann für technische Angelegenheiten", nennt er Beispiele.

Wahlkampf 89: Auf dem Rad die Bürgermeister Bernd Huesmann und Friedrich Frewert. - © BU
Wahlkampf 89: Auf dem Rad die Bürgermeister Bernd Huesmann und Friedrich Frewert. (© BU)

Letzterer sieht einen weiteren Grund: „Wir müssen nicht wie andere Parteien auf die Landes- und Bundespolitik Rücksicht nehmen. Wir können damit frei entscheiden, was für Borgholzhausen die beste Lösung ist."

Gemeinsam erinnern Upmann, Bollin und Rerucha an die großen Projekte, die unter Mitwirkung oder auch Federführung der BU in den vergangenen 30 Jahren realisiert wurden: Den Bau der Kläranlage, die Errichtung der Gesamtschule, die Verhinderung der Bebauung Hardenberg, die Unterstützung zur Rettung von Haller Willem und Ravensburg und zuletzt das Engagement gegen den dritten Bauabschnitts im interkommunalen Gewerbegebiet (IBV). „Wir waren immer gegen diesen dritten Abschnitt und sind es auch weiterhin. 80 Hektar Flächenverbrauch. Das reicht", findet Dieter Rerucha.

„Mit der BU ist die Politik im lebendiger geworden"

Kritik am Flächenverbrauch, A 33-Gegnerschaft und zuletzt die Haltung in der Diskussion zum Klimanotstand. Das sind grüne Positionen. Warum hat sich die BU 1989 also nicht den Grünen angeschlossen?

„Da gab es damals durchaus Überlegungen. Wir sind aber zu dem Ergebnis gekommen, dass wir stärker sind, wenn wir getrennte Wege gehe. Denn die Grünen haben in der Anfangszeit Teile des bürgerlichen Spektrums nicht gerade umarmt. Die Entscheidung ist auch aus heutiger Sicht richtig. Sonst hätten wir nicht dieses Wählerpotenzial mobilisieren können", sagt Konrad Upmann.

"Wir wollen weiterhin gegen den Strom schwimmen"

Wohin die Reise bei der Kommunalwahl für die BU geht und ob man 2020 sogar einen eigenen Bürgermeisterkandidaten ins Rennen schickt, dazu hat Fraktionschef Dieter Rerucha eine klare Haltung: „Wenn wir unser hohes Niveau halten, sind wir zufrieden. Ein eigener Kandidat hätte gegen den Amtsinhaber wahrscheinlich keine Chance", sagt er.

Konrad Upmann nennt weitere Ziele: „Wir wollen auch zukünftig die Augen offenhalten. Wir wollen uns weiterhin trauen, auch gegen den Strom zu schwimmen." Als Beispiel für dieses Prinzip nennt er die Bürgerinitiative Erdverkabelung, in der auch BU-Mitglieder aktiv sind: „Sie ist ein Beleg dafür, dass es lohnenswert ist, sich auf kommunaler Ebene anzustrengen und einzusetzen." Diese Kultur des offenen politischen Diskurses zu fördern, dazu, so Upmann, habe man in den vergangenen 30 Jahren beigetragen und fügt hinzu: „Mit der BU ist die Politik lebendiger geworden."

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