Der Borkenkäfer wütet: Försterin spricht von "apokalyptischen Ausmaßen"

Fichtensterben: Riesige Flächen müssen gerodet werden

Alexander Heim

Der Urheber des Unheils: Tausende Borkenkäfer haben in den Fichten Einzug gehalten und ihre Eier abgelegt. Die Bäume können sich aktuell nicht wehren. - © Alexander Heim
Der Urheber des Unheils: Tausende Borkenkäfer haben in den Fichten Einzug gehalten und ihre Eier abgelegt. Die Bäume können sich aktuell nicht wehren. (© Alexander Heim)

Borgholzhausen. Wer aufmerksam hinschaut, der sieht zurzeit, dass hier und da am Waldesrand Bäume verdorren. Da, wo sattes Grün zu sehen sein sollte, findet sich dunkles Braun oder Grau. Einzelne Bäume sind betroffen, manchmal auch eine ganze Gruppe. Was soll daran so schlimm sein?

Das wahre Drama des Waldes findet allerdings nicht am Waldrand statt. Wer sich ein Bild von den Ausmaßen machen möchte, muss schon tiefer in den Wald hineingehen. So, wie es Gabi Lindemann qua Beruf regelmäßig macht.

Apokalyptische Zustände: Sagt Försterin Gabi Lindemann. - © Alexander Heim
Apokalyptische Zustände: Sagt Försterin Gabi Lindemann. (© Alexander Heim)

Seit 24 Jahren ist die Försterin für 2.000 Hektar Wald in Borgholzhausen und Versmold zuständig. Die Karten, die sie mit sich führt, sind mit farbigen Flächen übersäht. Blau oder braun – das zeigt die Baumarten an, die sich hier jeweils in den Revieren finden lassen. Jeder kleiner Flicken ist ein Waldbesitzer. Wie viele es sind? „185 sind in der Forstbetriebs-Gemeinschaft Borgholzhausen-Versmold", erzählt die 55-Jährige.

„Da spielt sich eine Katastrophe im Wald ab!"

Zeit hat sie sich an diesem Vormittag abgezwackt, um die Ausmaße der Schäden im Piumer Wald zu verdeutlichen. Für den ersten Zwischenstopp muss sie nicht weit in den Wald hinein. Die Sprayflasche mit der roten Farbe bleibt zunächst noch im Auto. Eine kleine Fichtenschonung soll verdeutlichen, worum es geht. Um welche Dramatik. Denn für Gabi Lindemann ist klar: „Da spielt sich eine Katastrophe im Wald ab!" Nichts weniger.

CO2-Ausstoß. Erderwärmung. Hohe Temperaturen. Wetterphänomene wie Kyrill und Friederike. Jüngst eine Windhose, die auch im Piumer Wald sowie im benachbarten Niedersachsen ihre Spuren hinterlassen hat. Zu wenig Wasser für die Bäume. Zu wenig Möglichkeit, genügend Harz zu bilden. Das Gegenmittel gegen den Borkenkäfer versagt. Die Insekten haben leichtes Spiel mit den wehrlosen Riesen – und bevölkern sie, wie Piraten, die die Enterhaken ausgeworfen haben.

Kleine Bohrlöcher verraten, wo es sich die Käfer-Familien gemütlich gemacht haben. Überall am Baumstamm ist das Bohrmehl zu sehen. Hier. Und beim nächsten Baum. Und beim übernächsten. „Ich hol doch einmal gerade die Flasche", unterbricht Gabi Lindemann das Gespräch. Es gilt, weitere Bäume zu markieren, die abgeholzt werden müssen. 60 bis 70 Jahre alt sind die Bäume, die hier stehen. „Das ist ein richtig hochwertiges Produkt." Wie groß das Areal ist? „5.000 Quadratmeter", schätzt die Expertin. Ein halber Hektar.

Zwei Tage vorher stand hier noch ein Wald: Doch weil der Borkenkäfer die Fichten befallen hat, mussten sie abgeholzt werden. - © Alexander Heim
Zwei Tage vorher stand hier noch ein Wald: Doch weil der Borkenkäfer die Fichten befallen hat, mussten sie abgeholzt werden. (© Alexander Heim)

Ein paar Kilometer weiter sind es sogar 20.000 Quadratmeter. Eine Lichtung, mitten im Wald, auf der Harvester und Rückezug fahren, um einen Baumstamm nach dem anderen an die Seite zu schaffen. Wann mit den Arbeiten begonnen wurde? „Gestern", verrät die Diplom-Ingenieurin Forstwirtschaft. Kurt und Jan Altemöller verrichten die Arbeit. Von 5 Uhr morgens bis 19 Uhr abends. Und können mit ihrem Fünf-Mann-Betrieb doch nicht überall sein. Obwohl andere Flächen warten. „An der Heidbrede, zum Beispiel", erklärt Gabi Lindemann spontan. Weitere 15.000 Quadratmeter müssen hier gefällt werden. Noch einmal eineinhalb Hektar.

„Das sind apokalyptische Ausmaße"

„Das ist ein Desaster", findet Gabi Lindemann klare Worte. Und versucht, auch die Sicht der Waldbauern einzunehmen. „Das macht was mit Menschen. Sie sind ja alle damit verwurzelt." Es mache etwas, wenn man wisse, dass man nicht mehr erleben wird, wie ein neuer Wald steht. Schon jetzt sei so viel Wald gefallen, wie sonst vielleicht in einem ganzen Jahr. „Vier Fünftel davon Fichten."

Winzig klein ist der unmittelbare Übeltäter – der Borkenkäfer. „Zehn bis zwölf Prozent der Population hat den Winter nicht überlebt", erzählt Gabi Lindemann. „Trockene Kälte macht denen nichts aus", weiß sie. Seit Mitte März sind die Käfer mit Nachwuchsaufzucht beschäftigt. „Sie haben sechs Wochen Entwicklungszeit. Ein Weibchen produziert so rasch 100.000 Nachkommen je Saison. Das sind apokalyptische Ausmaße", macht Gabi Lindemann deutlich.

Wertvolles Bauholz gehe damit verloren. Die Eiche sei dagegen viel zu schwer, wachse zudem zu langsam. „Lärchen sind auch super, davon haben wir hier aber nicht so viele. Die müssten aus Sibirien kommen." Und mal abgesehen von der schlechten CO2-Bilanz für den Transfer, stehen dort gerade drei Millionen Hektar Wald in Flammen. 1.200 Hektar waren es in Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern. „2018 sind geschätzt alleine in NRW mehr als 25 Millionen Bäume, das sind zirka 25.000 Hektar Wald, verloren gegangen", sagt der Landes-Vorsitzende des Bund Deutscher Forstleute, Fred Josef Hansen.

Sätze wie „Das hatten wir doch alles schon mal in den 80er Jahren", lässt die Försterin nicht gelten. „Da hat man auch was gemacht", blickt sie zurück. „Jetzt ist es ein ganz anderes Thema. Forscher sagen das seit 20 Jahren. Man muss handeln und was verändern", ist sie überzeugt. Die Verkehrswende einleiten, die industrielle Landwirtschaft verändern, die Kohlekraftwerke abschalten. Und: 130 Millionen neuer Bäume pflanzen. Auf Kosten der Waldbauern? „Der Wald ist Gemeinwohl. Wir profitieren alle davon, auch, wenn er in Privatbesitz ist." Und gerade jetzt, wo ein riesiges Aufforstungsprogramm anstehe, ändern sich wichtige gesetzliche Rahmenbedingungen für die Waldbesitzer. Während es gleichzeitig an Personal mangelt. Und: überhaupt nicht genug Bäume in Baumschulen gezogen sind. „20 bis 25 Jahre wird es dauern bis zur ersten Durchforstung in der Fichte", schätzt sie.

18 Reviere bearbeitet Gabi Lindemann. Zweieinhalb Stellen gibt es dafür. Jede Woche werden neue Flächen zum Abholzen gekennzeichnet. In der Noller Schlucht in Dissen weitere 10.000 Quadratmeter. Die Uhr tickt.

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