Corona-Krise bringt Fußballtrainer Miguel Alvarez um eine große Chance

Der 36 Jahre alte Versmolder stand kurz vor der Unterschrift bei einem spanischen Zweitligisten. Weil der Spielbetrieb eingestellt ist, hat er jetzt viel Zeit für seine Familie.

Christian Helmig

Miguel Alvarez schickt mit seinen Töchtern Andrea und Paola einen dreisprachigen Gruß in die Versmolder Heimat. Fotos: privat - © privat
Miguel Alvarez schickt mit seinen Töchtern Andrea und Paola einen dreisprachigen Gruß in die Versmolder Heimat. Fotos: privat (© privat)

Versmold. Bei Mathe-Hausaufgaben kommt Miguel Alvarez manchmal ins Grübeln. „Da war ich in der Schule selbst nicht der Beste", sagt der 36-Jährige und lacht. Wenn es aber um Deutsch oder Englisch geht, schlägt seine Stunde. Als Sohn spanischer Eltern ist er nicht nur im Versmolder Ortsteil Loxten aufgewachsen, er hat in seinem Beruf als Fußballtrainer auch schon viel von der Welt gesehen. Alvarez arbeitete für Vereine in Saudi-Arabien, Dubai, den USA und sogar auf den Malediven.

Aktuell allerdings ist seine Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Mit seiner Frau Paola Andrea und den beiden Töchtern (sieben und fünf Jahre alt) verbringt Miguel Alvarez nahezu 24 Stunden am Tag in den eigenen vier Wänden inklusive Balkon im spanischen 14.000-Einwohner-Städtchen Verin. Gezwungenermaßen, denn das Corona-Virus hat das Land fest im Griff.

Auf den Fußballplatz darf Miguel Alvarez derzeit nicht. - © HK
Auf den Fußballplatz darf Miguel Alvarez derzeit nicht. (© HK)

Die Ausgangsbeschränkungen sind noch viel strenger als in Deutschland. „Die Kinder bleiben den ganzen Tag im Haus. Wir Erwachsenen dürfen nur raus, wenn wir zum Arzt oder Einkaufen müssen. Dabei müssen wir Mundschutz und Handschuhe tragen", berichtet Alvarez. Dazu kommt die hohe Zahl der Todesopfer. „Eine Katastrophe", sagt Alvarez. „Vor ein paar Wochen hätte ich nicht gedacht, dass es so schlimm wird."

„Ich bin mitten in dieser dicken Wolke gelandet"

Doch Miguel Alvarez, der in der Jugend unter anderem für die Spvg. Versmold, Arminia Bielefeld und den VfL Osnabrück und später beim SV Häger gekickt hat, macht das Beste aus der Situation. „Für mich ist das Glück im Unglück", sagt er. „So viel Zeit wie im Moment habe ich noch nie mit meinen drei Mädels gehabt."

Genauso gerne würde er allerdings als Trainer auf dem Fußballplatz zu stehen – gerade jetzt, wo es in vielen Ligen in den Saisonendspurt gehen würde. Noch im Februar witterte Alvarez die große Chance, nach vielen Jahren im Ausland einen Job in der Nähe seiner Familie zu finden. Ein ambitionierter spanischer Zweitligist hatte kurz vor Weihnachten seinen Berater kontaktiert, um ihn als Co-Trainer verpflichten. „Das Angebot hat sich super angehört, wird sind uns Prinzip schnell einig geworden", berichtet er.

Während seiner Zeit in Dubai traf Miguel Alvarez den Herrscher des Emirats, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum. - © privat
Während seiner Zeit in Dubai traf Miguel Alvarez den Herrscher des Emirats, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum. (© privat)

Das Problem: Alvarez stand zu diesem Zeitpunkt noch als Assistenzcoach und Mitglied der Sportlichen Leitung beim saudi-arabischen Professional-League-Club Al-Fateh unter Vertrag. „Der Verein wollte, dass ich weitermache, um die neue Saison zu planen. Und ich wollte dort nicht durch die Hintertür raus", erklärt er, warum sich Verhandlungen über seine Freigabe fast zwei Monate in die Länge zogen.

Die Pandemie war da schon nicht mehr aufzuhalten. Alvarez’ letztes Pflichtspiel am Golf fand ohne Zuschauer statt. Als er schließlich nach Spanien reiste, um seine Unterschrift unter den Vertrag beim neuen Club zu setzen, „bin ich mitten in dieser dicken Wolke gelandet". Denn zeitgleich wurde der Spielbetrieb auf der iberischen Halbinsel eingestellt. Sämtliche Entscheidungen der Vereine liegen seitdem auf Eis. „Alle warten ab, was mit der Liga passiert, wann und ob es überhaupt weitergeht", sagt Alvarez.

„Ein bisschen Angst habe ich schon"

Um sich fit zu halten, hat sich Miguel Alvarez ein Spinning-Rad angeschafft. Über sein selbst entwickeltes Trainerportal Mas-Coach hält er morgens manchmal Online-Seminare ab. Per Internet hat er auch regelmäßig Kontakt zu seinem alten Versmolder Schulfreund Marco Ventker, der zwischenzeitlich auf den Philippinen festsaß (das HK berichtete). Ein Besuch bei den Eltern in Loxten ist wegen der Reisebeschränkungen derzeit dagegen undenkbar.

Wie beruflich für ihn weitergeht, weiß Miguel Alvarez derzeit selbst nicht so genau. „Ein bisschen Angst habe ich schon", gibt er zu. Fest steht aus seiner Sicht nur, dass sich der Profifußball nach der Corona-Krise verändern wird. „Trainerjobs wird es weiter geben, aber wir werden sicher nicht die gleichen Konditionen wie vorher bekommen." Vielleicht wäre ja der Lehrerjob eine Alternative. Es muss ja nicht gerade Mathe sein.

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