Knapp an Lähmung vorbei: Fußballer Matic kämpft sich ins Leben zurück

Der ehemalige Fußballer der Spvg. Steinhagen hatte bei einem schweren Unfall großes Glück. Einer Lähmung entgeht er nur knapp. Mittlerweile arbeitet der 24-Jährige an seinem Comeback – und hat feste Ziele.

Nicole Bentrup

Vidoje Matic wird von Physiotherapeutin Vera Munko bei seinen Reha-Maßnahmen begleitet. Mindestens fünf Mal pro Woche ist er im ZAR Bethel und arbeitet am Comeback. Foto: Andreas Zobe - © Foto: Andreas Zobe/NW
Vidoje Matic wird von Physiotherapeutin Vera Munko bei seinen Reha-Maßnahmen begleitet. Mindestens fünf Mal pro Woche ist er im ZAR Bethel und arbeitet am Comeback. Foto: Andreas Zobe (© Foto: Andreas Zobe/NW)

Bielefeld/Steinhagen. Die Tür des Bistros fliegt auf, der junge Mann, modern gekleidet, das Smartphone in der Hand, eilt herein. „Sorry, dass ich zu spät bin, aber hast du das Spiel gesehen? Es steht 1:1", ruft Vidoje Matic. Er meint das Halbzeitergebnis der deutschen Futsal-Nationalmannschaft im Spiel gegen Georgien. Dass der 24-Jährige so fröhlich und agil auftritt, grenzt an ein Wunder. Denn seit dem 24. September 2019 ist das Leben des Fußballers komplett auf den Kopf gestellt. Neben dem 27. Januar feiert Matic nun „einen zweiten Geburtstag", wie er sagt. Denn im September hing sein Leben an einem seidenen Faden.

An den Unfall auf der Autobahn kann er sich nicht erinnern

An jenem Dienstag kam es zu einem schweren Lkw-Unfall auf der A 2 bei Gütersloh. Wie die Ermittlungen bislang ergaben, stand ein Fahrzeug gegen 8.20 Uhr mit einer Panne auf dem Seitenstreifen, ein anderer fuhr auf ihn auf. Am Steuer: Vidoje Matic. Wie es zu dem Unfall kommen konnte, ist bislang noch immer unklar. „Das einzige, woran ich mich erinnern kann, sind flimmernde Lichter", berichtet Matic.

Den Rest musste sich der Ex-Kicker der Spvg. Steinhagen erzählen lassen oder in der Zeitung nachlesen. Sechs Wochen lang lag Matic im Krankenhaus. Die dramatische Diagnose: Brüche des dritten und vierten Halswirbels. Dazu mehrere Schnittwunden, eine Schädel-Basis-Fraktur, Frakturen des Brustwirbels, einiger Rippen, des Schlüsselbeins, des Kiefers und des Jochbeins. „Es wäre fast einfacher aufzuzählen, was nicht gebrochen war", sagt Matic. Operiert wurde er aber nur an der Halswirbelsäule. Die Ärzte setzten ihm eine Platte ein. Da Matic sich in der ganzen Zeit nicht bewegen konnte, heilten die anderen Brüche auch ohne Operation.

24. September 2019: Zwei LKW sind auf der Autobahn 2 ineinandergekracht.Den hinteren steuerte Fußballer Vidoje Matic. Foto: Andreas Eickhoff - © Andreas Eickhoff
24. September 2019: Zwei LKW sind auf der Autobahn 2 ineinandergekracht.Den hinteren steuerte Fußballer Vidoje Matic. Foto: Andreas Eickhoff (© Andreas Eickhoff)

Vidoje Matic verbrachte seine fußballerische Jugend bei Arminia Bielefeld, war in der Oberliga für den FC Gütersloh aktiv. Nach einem halbjährigen Gasspiel bei der Spvg. Steinhagen im Jahr 2017 spielt er mittlerweile beim VfB Fichte. Er ist leidenschaftlicher Futsaler. Matic ist ein Kämpfer. „Als ich nach etlichen Stunden im Krankenhaus das Bewusstsein wiedererlangt habe, stand meine Familie an meinem Bett", beschreibt er die ersten Minuten, an die er sich erinnern kann. Er versucht es wegzulächeln, doch den Kloß, den er in diesem Moment im Hals hat, kann er nicht verbergen. »Vico«, wie er von allen genannt wird, war vor diesem Unfall ein Schlitzohr, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, ein spontaner Typ. Das ist mittlerweile anders. „Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken im Krankenhaus. Das ist jetzt ein Neuanfang für mich. "

Die für viele Menschen normalsten Dinge der Welt sind für Matic heute keine Selbstverständlichkeit mehr: „Wenn ich jetzt mit meiner Familie essen gehe, dann ist das ein Geschenk." Er überlege jetzt immer, ob das, was er tue, auch Sinn ergebe. „Ich setze mir jetzt für alles Ziele." Wie viel Glück er hatte, kann er bis heute kaum in Worte fassen. Denn: „Normalerweise haben Brüche der Halswirbel immer auch Lähmungen zur Folge. Das ist bei mir nicht so."

In der Reha arbeitet Matic täglich an seinem Comeback

Nach seinem Krankenhausaufenthalt und weiteren zwei Wochen Liegephase zu Hause hat Matic sich seinen Lkw noch einmal angeschaut. „Wenn man den sieht, denkt man, dass da keine Maus lebend rauskommt", beschreibt er das Wrack. Aktuell arbeitet Matic im Zentrum für ambulante Rehabilitation in Bethel täglich an seinem Comeback. „Mein Traum ist es, in diesem Jahr noch ein Länderspiel für die Futsal-Nationalmannschaft zu machen. Und ein Tor für Fichte zu schießen", sagt er. Doch statt des Torschusstrainings stehen andere Dinge auf dem Reha-Plan: Ultraschall-, Wärme- und Physiotherapie. „Ich bin ganz gut beschäftigt", sagt er grinsend. Leichte Übungen mit dem Ball gingen aber schon. „Die Angst ist schon noch da, dass ich vielleicht eine falsche Bewegung machen könnte." Die Zeit, die er braucht, will er sich nehmen.

Dankbar ist Matic vor allem seiner Familie, die in dieser schweren Zeit stets bei ihm war. Aber auch seine Sportkameraden kümmerten sich. Daneben habe sich auch Futsal-Nationaltrainer Marcel Loosveld regelmäßig nach seinem Wohlbefinden erkundigt. „Es ist ein gutes Gefühl, dass man in schweren Zeiten nicht vergessen wird."

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