Schreiben von der Schulaufsicht: Maulkorb für Schulleiter in Sachen Corona

Die Bezirksregierung Münster gibt Schulleitern wörtlich vor, wie sie Anfragen von Medien abmoderieren sollen und so das Bild der Schule als sicheren Ort wahren können. Doch daran gibt es heftige Kritik.

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Münster. Damit Schulen während der Pandemie weiter als sicherer Ort in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, gibt die Bezirksregierung Münster als Schulaufsicht Schulleitern in einem Schreiben vor, wie sie Anfragen von Medien am besten abmoderieren. Darin heißt es: „Eltern, die in Sorge um ihre Kinder sind, Lokalpolitiker unter Druck und ihre Kollegen wollen nicht hören, dass sie Zweifel haben, sondern, dass ihre Schule ein sicherer Ort ist. Entsprechend sollten Sie diese Botschaft verstärken." Schulleiter kritisieren das als Maulkorb und Bildungsgewerkschaften als Politmarketing.

„Das ist ein Aufruf zur Intransparenz getarnt als Hilfestellung für Öffentlichkeitsarbeit in der Krise", moniert der Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung NRW, Harald Willert. „Dieses hinterlistige und unaufrichtige Vorgehen bestätigt die Erfahrungen vieler Lehrer. Äußert man sich in der Öffentlichkeit kritisch, meldet sich die Schulaufsicht und droht mit dienstrechtlichen Konsequenzen."

Schulleiter kritisieren nur anonym, aus Angst vor Repressalien

Diese Einschätzung teilen Schulleiter aus Münster und Umgebung, die das Schreiben erhalten haben. Kritik äußern sie aus Angst vor Repressalien jedoch nur anonym. „Die Bezirksregierung verlangt seit langem, dass wir Probleme nicht öffentlich machen, doch dieser Maulkorb hat eine neue Qualität", erklärt der Schulleiter eines Gymnasiums in Münster. „Ob Corona, Gewalt oder Baumängel, wir sollen öffentlich den Schein wahren, damit das Bild der heilen Welt Schule keine Kratzer bekommt", ergänzt der Leiter einer Gesamtschule in Münster.

Die Bezirksregierung Münster kann die Kritik nicht nachvollziehen, da das Schreiben ein Hilfsangebot sei. „Wir unterstützen Schulleiter, weil sie von Anfragen überschüttet werden. Sprachvorgaben machen wir grundsätzlich nie", sagt Sprecher Ulrich Tückmantel, der auf positive Rückmeldungen verweist. „Das ist eine Handreichung, die Schulleiter nutzen können, aber nicht müssen. Dazu sind wir in der Pressestelle auch gar nicht befugt."

„Schule kann aktuell nicht normal laufen"

Doch auch von anderen Seiten kommt Kritik, wie von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. „Das Schreiben wirkt wie Politmarketing, um einen normalen Schulalltag zu vermitteln, den es seit Beginn der Pandemie nicht mehr gibt", erklärt die NRW-Vorsitzende Maike Finnern aus Bielefeld. „Schule kann aktuell nicht normal laufen, darüber sollten alle Beteiligten offen sprechen dürfen."

Maike Finnern, Vorsitzende der GEW in NRW, fordert, dass Missstände in Schulen offen angesprochen werden. - © Alena Matveyenka
Maike Finnern, Vorsitzende der GEW in NRW, fordert, dass Missstände in Schulen offen angesprochen werden. (© Alena Matveyenka)

Stattdessen heißt es in dem Schreiben: „Nachfragen sind eine gute Gelegenheit ihre Schule positiv darzustellen." Darauf folgt ein Verweis mit möglichen Antworten: „Unsere Schüler haben Verständnis für die Maßnahmen und halten sich diszipliniert an die Regeln", „Dank unserer engagierten Lehrer findet der Präsenzunterricht auch unter Corona-Bedingungen in der gewohnt hohen Qualität statt", „Die enge Absprache zwischen Schule, Schulträger, Gesundheitsamt und Bezirksregierung hat sich zum Schutz aller bewährt" und „Eltern können sich darauf verlassen, dass die Sicherheit ihrer Kinder höchste Priorität hat".

Schule stehen immer weniger Ressourcen zur Verfügung

Aussagen die nach Einschätzung Willert kein Schulleiter mit reinem Gewissen treffen kann. „Solange Schulleiter die Klassen auf Wunsch der Politik weiter voll besetzen müssen, hat die Sicherheit von Schülern und Lehrern nicht die oberste Priorität", moniert Willert. Auch Absprachen finden oft nicht statt. „In den meisten Fällen erhalten Schulen Anweisungen des Schulministeriums direkt. Die Schulleiter stehen dann alleine vor der Aufgabe Vorgaben umsetzen, die sich wöchentlich ändern." Und das in einer Zeit, mit immer weniger Ressourcen. „In kaum einer Schule stehen noch alle Lehrer für Unterricht zur Verfügung."

Auch in OWL herrscht unter Lehrern und Schulleitern große Unzufriedenheit, auch wenn die Bezirksregierung Detmold als Schulaufsicht erklärt, dass Schulen in eigener Zuständigkeit über ihre Kommunikation entscheiden. „Unbequeme Lehrer und Rektoren werden zur Schulaufsicht zitiert, wenn sie Probleme öffentlich machen, deshalb traut sich das kaum noch jemand", sagt der Leiter einer Gesamtschule in Bielefeld. „So werden Probleme aber nicht gelöst, sondern nur noch größer."

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