Gravierende MängelArbeitsschutz bei Tönnies: Verstöße bereits vor Corona-Ausbruch festgestellt

Laut einem Medienbericht belegen interne Prüfberichte der Bezirksregierung, dass bereits Mitte Mai bei Tönnies "gravierende Mängel" im Arbeitsschutz festgestellt worden sind.

Christian Geisler

Die Bezirksregierung Detmold dokumentierte Mitte Mai alle Versäumnisse seitens des Schlachtbetriebs auf einer fünf Seiten langen Liste. - © Andreas Frücht
Die Bezirksregierung Detmold dokumentierte Mitte Mai alle Versäumnisse seitens des Schlachtbetriebs auf einer fünf Seiten langen Liste. © Andreas Frücht

Rheda-Wiedenbrück. Interne Prüfberichte des Arbeitsschutzes der Bezirksregierung Detmold lassen Deutschlands größten Schlachthof Tönnies abermals nicht gut aussehen. "Gravierende Mängel" wurden festgestellt, und das bereits im Mai. Das geht aus Recherchen des WDR-Magazins Westpol hervor. Demnach trug kein einziger Mitarbeiter im Bereich der Schlachtung einen Mund-Nasen-Schutz. Zudem waren die Toiletten verunreinigt.

Die Bezirksregierung Detmold dokumentierte Mitte Mai alle Versäumnisse seitens des Schlachtbetriebs auf einer fünf Seiten langen Liste. Wenige Wochen vor dem Corona-Ausbruch bei Tönnies habe der Konzern gegen Corona-Arbeitsschutzstandards sowie das firmeneigene Hygienekonzept verstoßen. Am 15. Mai ergab eine Kontrolle, dass die Tönnies-Mitarbeiter im gesamten Bereich der Schlachtung keinen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Zwischen Mitte März und Mitte Mai wurde der Tönnies-Betrieb nicht kontrolliert. Die Überwachung ist erst dann intensiviert worden, als der Corona-Ausbruch Mitte Mai bei der Firma Westfleisch bekannt wurde. Die Mängel bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sollen offensichtlich gewesen sein, heißt es von Seiten des WDR, der sich auf die Berichte des Arbeitsschutzes beruft. In der Tönnies-Kantine wurden demnach keine Maßnahmen getroffen, um die Anzahl der Sitzplätze in der Kantine zu reduzieren. Außerdem sei keine Zwischenreinigung oder Desinfektion erfolgt.

Auf den Toiletten fehlen Desinfektionsspender

Im Juni ist ein Video aus der Tönnies-Kantine mit mutmaßlichen Verstößen gegen Corona-Präventionsregeln aufgetaucht. Der Konzern bestätigte, dass das Video bereits Ende März aufgenommen wurde. Das Bildmaterial sorgte für großes Aufsehen. Damals wurde das Ausmaß des massenhaften Corona-Ausbruchs bei der Firma Tönnies bekannt. Mehr als 1.500 Tönnies-Beschäftigte wurden positiv auf das Corona-Virus getestet - die Landesregierung verhängte daraufhin einen Shutdown über den Kreis Gütersloh. Die Küchenhilfe, die den Film gedreht hat, wurde zwischenzeitlich entlassen. Gegen ihre Kündigung ist sie gerichtlich vorgegangen und hat in der Folge eine Abfindung erhalten.

Neben der Kantine wurden auch die Toilettenräume seitens der Bezirksregierung Detmold kontrolliert. Laut dem fünfseitigen Bericht fehlten dort Desinfektionsspender. "Die Toiletten waren zum Teil erheblich verunreinigt", heißt es im Wortlaut der Kontrolleure. Eine Reaktion des Schlachtbetriebs blieb nicht aus: Die Situation sei "nicht akzeptabel". Nichtsdestotrotz sei eine Überprüfung nach jedem Toilettengang nicht möglich.

Insgesamt sehen die Arbeitsschützer an diversen Stellen im Betrieb Mitte Mai "gravierende Mängel im Hinblick auf die Vorgaben der Corona- Arbeitsschutzstandards." Tönnies versprach schriftlich Besserung und gab an, der Mund-Nasen-Schutz sei "eine Basis-Anforderung des Hygienekonzepts."

"Man hätte viel schneller reagieren müssen"

Nichtsdestotrotz vergehen bis zur nächsten Überprüfung zwei Wochen. Arbeitsschutz-Experte Stefan Sell von der Hochschule Koblenz kann diesen Umstand nicht nachvollziehen, wie er dem WDR sagt. "In Pandemie-Zeiten hätte man viel schneller reagieren müssen." Die Bezirksregierung teilte auf Anfrage des WDR mit, dass "schwerwiegende Mängel" im Mai abgestellt worden seien. Tönnies betont, Ende Mai habe man die Corona-Standards "fast vollständig erfüllt."

Da der Betrieb des Konzerns wegen des massenhaften Corona-Ausbruchs zwischenzeitlich ruhen musste, fördern erneute Kontrollen Ende Juni und Anfang Juli auf einmal grundsätzliche Probleme zutage. Die Arbeitsplätze bei Tönnies sind gefährlich, heißt es in den Berichten der Bezirksregierung. Konkret wird das mit fehlenden Schutzbrillen, Absturzgefahren und leeren Verbandskästen begründet. Zudem seien im Betrieb gemessen an der Zahl der Mitarbeiter insgesamt zu wenige Toiletten vorhanden. Tönnies bessert daraufhin nach - Geländer werden ergänzt und Arbeitsplätze werden verlegt. Auch gibt es neue Erste-Hilfe-Koffer sowie einen Verweis auf Toiletten im Nachbargebäude.

Mittlerweile, heißt es vom WDR, wird der Konzern kontinuierlich kontrolliert. Allein im Juli waren die Arbeitsschützer neunmal im Betrieb.

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