LokalsportSpitzensportler ohne Spitzenbody: Woher kommt der plötzliche Darts-Hype?

Einmal im Jahr boomt der Sport. Plötzlich verfolgen Millionen TV-Zuschauer das Pfeilewerfen. Warum ist das so? Ein Hesselteicher Experte wagt einen Erklärungsversuch.

Dennis Bleck

Der deutsche Darts-Profi Gabriel Clemens entspricht nicht dem Ideal eines Spitzensportlers. - © imago images/Pro Sports Images
Der deutsche Darts-Profi Gabriel Clemens entspricht nicht dem Ideal eines Spitzensportlers. © imago images/Pro Sports Images

Hesselteich. Es gibt Athleten wie Robert Lewandowski. Der Weltfußballer ist ein Musterprofi. Er entspricht dem Ideal eines Spitzensportlers. Toller Körper, kein Gramm Fett. In den sozialen Netzwerken perfekt in Szene gesetzt. Und dann gibt es Gabriel Clemens. Der 37-Jährige hat diverse Kilos zu viel. Bierbauch statt Sixpack. Trotzdem ist Clemens wie Lewandowski ein Held. Ein Spitzensportler ohne Spitzenbody.

Millionen Zuschauer jubeln dem deutschen Darts-Profi zu. Als er bei der Weltmeisterschaft in England im Achtelfinale am Polen Krzysztof Ratajski scheiterte, schalteten bei Sport1 in der Spitze mehr als 1,2 Millionen Menschen ein. Jedes Jahr erfährt der Sport in der Zeit von Dezember bis Januar einen unfassbaren Hype. Warum begeistern sich plötzlich viele Menschen für ein Duell zweier Männer, die Pfeile auf eine Scheibe werfen?

Darts: Mit Kneipensport zum Millionär

„Darts ist ein sehr simpler Sport mit einfachen Regeln, den fast jeder ohne großen Aufwand spielen kann", sagt Lars Ziepelmeyer. Er muss das wissen. Er spricht aus Erfahrung. Vor rund zweieinhalb Jahren war Ziepelmeyer ein Gründungsmitglied der Hesselteicher Dartsabteilung. Heute ist er der Abteilungsleiter. Dass der Sport in der Weihnachtszeit regelmäßig boomt, freut ihn sehr: „Plötzlich berichten überregionale Medien über eine Sportart, die sonst ein Nischendasein pflegt." Auch, weil die Darts-Profis spezielle Typen sind, weiß Ziepelmeyer: „Die Spieler sind klassische Anti-Helden, mit denen sich die Zuschauer gut identifizieren können", sagt er.

Ein Beispiel ist Phil Taylor. Der Engländer ist mit sechzehn WM-Titeln der erfolgreichste Spieler in der Geschichte seines Sports. Taylor stammt aus einfachen Verhältnissen. Er begann mit dem Dartspiel in den Kneipen von Stoke-on-Trent. Dass er sein Hobby zum Hauptberuf machte und mit dem Sport anschließend viel Geld verdiente, verdankt Taylor dem ehemaligen Weltklasse-Spieler Eric Bristow, der ihn in einem Pub entdeckte und förderte. Mit Kneipensport zum Millionär. Ein Märchen, von dem viele Dartsspieler träumen.

Auf Amateurebene fehlt es noch immer an Strukturen

Auch Gabriel Clemens. Als erster Deutscher in der Geschichte erreichte er bei dieser WM das Achtelfinale. In der Weltrangliste rangiert der Saarländer zum ersten Mal unter den Top 30. Ziepelmeyer hofft, dass sich durch Clemens Erfolge auch auf Amateurebene was ändert. Denn dort fehlt es trotz des großen Hypes noch immer an Strukturen.

Lars Ziepelmeyer ist Darts-Abteilungsleiter der Spvg. Hesselteich. - © Sven Hauhart
Lars Ziepelmeyer ist Darts-Abteilungsleiter der Spvg. Hesselteich. (© Sven Hauhart)

Zwar gibt es diverse Vereine und sogar eine Darts-Bundesliga – ein geordneter Spielbetrieb ist allerdings mit weiten Reisen verbunden. Die Hesselteicher Darter, die in der vergangenen Saison mit ihrer Mannschaft erstmalig am Ligabetrieb teilnahmen, mussten für ihre Partien in der Kreisliga zum Beispiel mitunter bis ins Sauerland fahren.

Ganz anders ist es in Großbritannien oder den Niederlanden. In England ist das Pfeilewerfen seit langem ein Volkssport, in den Niederlanden kann man Darts an vielen Schulen spielen. So kam auch der dreimalige Weltmeister Michael van Gerwen mit dem Sport in Berührung.

Hesselteicher profitieren regelmäßig von Darts-WM

Trotzdem, da legt sich Ziepelmeyer fest, die Hesselteicher Abteilung profitiert regelmäßig von der Darts-WM. Schon in der Vergangenheit kamen im Anschluss an das Turnier neue Mitglieder vorbei, die das Megaevent im Fernsehen verfolgten und nun selbst zu den Pfeilen greifen wollten. Bewusst legten die Hesselteicher die Versmolder Darts-Stadtmeisterschaften in den vergangenen Jahren in die Zeit, in der die Profis um den WM-Titel kämpften. „Das garantierte mehr Aufmerksamkeit", so Ziepelmeyer.

Der Abteilungsleiter wünscht sich, dass Gabriel Clemens Achtelfinaleinzug keine Eintagsfliege bleibt. „Deutschland muss es schaffen, mehrere Spieler unter die Top 30 zu bringen, die über einige Jahre Erfolg haben. Das wäre wichtig für unseren Sport", sagt er.

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