Grüne Konkurrenz: Zwei Grünen-Politiker gründen eigene Wählergemeinschaft

Wolfgang Böhm und Professor Hans-Dieter Kübler treten aus der Partei aus und gründen eine Wählergemeinschaft. Sie haben sogar einen eigenen Bürgermeisterkandidaten.

Heiko Kaiser

Es kracht in Werther – verkracht haben sich die Grünen und bekommen grüne Konkurrenz aus den eigenen Reihen.  - © Herbert Gontek
Es kracht in Werther – verkracht haben sich die Grünen und bekommen grüne Konkurrenz aus den eigenen Reihen.  (© Herbert Gontek)

Werther. Mit einem Paukenschlag lassen die Grünen zwei Monate vor der Kommunalwahl die politische Landschaft in der Böckstiegelstadt erbeben und schmälern damit ihre Aussichten selbst. Ratsherr Wolfgang Böhm und der sachkundige Bürger Professor Hans-Dieter Kübler sind aus der Partei ausgetreten und haben die neue Wählergemeinschaft „Werther – das geht anders" gegründet. „Wir werden alle 14 Wahlkreise mit Kandidaten besetzen", kündigt Böhm grüne Konkurrenz für die Grünen an.

Der Zeitpunkt des Parteiaustritts gibt einen Hinweis auf die Gründe für ihre Entscheidung. Zwei Tage, nachdem der Ortsverband Thorsten Schmolke mit 13:6 Stimmen gegen den von Böhm und Kübler favorisierten parteilosen Kandidaten Andreas Steffens nominiert hatte, verließen beide die Grünen.

Info

Kandidat Andreas Steffens


- Andreas Steffens gehört nicht den Grünen an und lebt in Friedrichsdorf. Dennoch ist er in Werther kein Unbekannter. Zweieinhalb Jahre war er als Projektmanager für den Kläranlagenneubau bei der Stadt Werther angestellt und maßgeblich an der Projektierung der 4. Reinigungsstufe beteiligt. Der Tiefbauingenieur ist 48 Jahre alt und derzeit im Bereich Kläranlagen bei der Stadt Bielefeld angestellt. "Meine Hauptmotivation war es, nach 20 Jahren Frau Weike abzulösen. Ich bin deshalb wohl als Erster auf die Grünen und die CDU mit dem Vorschlag zugegangen, als gemeinsamer Kandidat anzutreten", erklärt er und fügt hinzu: „Andere haben da noch in der Deckung gelegen und gewartet, ob Frau Weike erneut antritt."
- Als Bürgermeister wolle er vor allem den Sanierungsstau angehen. „Das Tempo, in dem derzeit gearbeitet wird, reicht hier nicht aus. Deshalb muss beispielsweise das Bauamt personell verstärkt werden." Ob es dazu kommt, wird sich zeigen. Noch hat Andreas Steffens die nötigen 108 Unterstützungsunterschriften von Wertheraner Bürgerinnen und Bürgern nicht zusammen und nur noch bis Montag Zeit. Egal, ob es zu einer Kandidatur kommt oder nicht: Der Wahltag wird auf jeden Fall ein besonderer Tag für Andreas Steffens werden. Denn am 13. September hat er Geburtstag.
Andreas Steffens will Werthers nächster Bürgermeister werden. - © HK
Andreas Steffens will Werthers nächster Bürgermeister werden. (© HK)

Sowohl Böhm als auch Kübler lassen keinen Zweifel da-ran, dass sie glauben, ihre Anliegen seien mit diesem Kandidaten nicht zu verwirklichen. Unter anderem führen sie an, Schmolke habe als Vorsitzender des Ausschusses für Klimaschutz, Stadtentwicklung und Kultur viele Vorschläge nicht aufgegriffen. „Keine Ideen, keine Konzepte, kein Biss", urteilt Kübler. Deshalb wollen sie nun in Andreas Steffens (siehe Infotext) einen eigenen Bürgermeisterkandidaten ins Rennen schicken.

Gab es Intrigen?

Doch der Streit dreht sich nicht allein um den Bürgermeisterkandidaten. Auch von anderen Personen der Fraktion – beide wollten keine Namen nennen – sei man menschlich enttäuscht. Es habe nicht zuletzt bei der Wahl des Bürgermeisterkandidaten Intrigen gegeben. „Ich hatte das Gefühl, da ist etwas gedreht worden", sagt Kübler.

In Sachthemen wie dem Blotenberg oder dem Weco-Gelände seien die Grünen nach Auffassung von Böhm und Kübler nicht entschieden genug aufgetreten. „Wir haben es prononciert vertreten, aber unsere Haltung wurde vielfach nicht geteilt", so Kübler.

Sie wollen daher vor allem das Thema Stadtentwicklung mehr vorantreiben. Urbanes Wohnen, Schaffung von Wohnraum im sozialen Wohnungsbau, Dekontaminierung des Weco-Geländes oder eine andere Strategie bei der Entwicklung des Einzelhandels seien Themen, mit denen man sich profilieren wolle.

"Wir sind praktisch gegangen worden"

„Der Austritt nach über 30 Jahren Parteimitgliedschaft ist kein leichter Schritt gewesen", sagt Wolfgang Böhm. Er gehört dem Rat an und ist seit einigen Jahren Mitglied des Ausschusses für Planen, Bauen und Umwelt.

Hans-Dieter Kübler ist bislang als sachkundiger Bürger in vier Ausschüssen vertreten. Er betont, nicht aus ganz freien Stücken aus der Partei ausgetreten zu sein. „Wir sind praktisch gegangen worden", erklärt er und fügt hinzu: „Ich weiß, dass unser Austritt für die Grünen strategisch unglücklich ist. Doch wir haben uns zuvor ja angeboten, aber sie wollten uns nicht", betont er noch einmal.

Steffens benötigt bis Montag 108 Unterschriften

Ulrich Artmann, Sprecher des Grünen-Ortsverbandes, kann diese Einschätzung nicht teilen. „Ich glaube nicht, dass unsere Chancen bei der Wahl dadurch gemindert sind. Auch nicht für Thorsten Schmolke, zumindest in die Stichwahl zu kommen. Der neuen Wählergemeinschaft traue ich maximal zu, einen Platz im Rat zu holen." Artmann gibt zu, dass es schon im Vorfeld der Bürgermeisterkandidatenwahl Nickeligkeiten gegeben habe. Den Vorwurf, etwas sei dabei gedreht worden, weist er indes zurück. „Alles ist hier super demokratisch verlaufen. Fair und transparent. Wenn jemand das Ergebnis nicht mittragen kann, dann muss er eben eine andere Partei suchen. Das haben die beiden getan. Auch das ist demokratisch", erklärt er.

Demokratisch und ein Kraftakt. Denn erst am 25. Juni ist die Wählergemeinschaft gegründet worden und musste innerhalb kürzester Zeit alle Formalien, unter anderem die Kandidatenaufstellung, formal korrekt abwickeln. „Unser Dank gilt dabei vor allem Guido Neugebauer und der Stadt, die uns immer unterstützt haben", sagt Wolfgang Böhm. An diesem Wochenende geht die Arbeit weiter. Denn um als Bürgermeister in die Wahl gehen zu können, benötigt Steffens bis kommenden Montag 108 Unterstützungsunterschriften.

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