Das Gegenmodell zum System Tönnies: Schweinezucht auf dem Biohof

Auf dem Hof Maaß leben 150 Schweine. Sie haben Auslauf, sehen die Sonne und ihre Schwänze sind nicht gestutzt. Das kann der Verbraucher in großer Zahl würdigen – tut er aber nicht.

Ekkehard Hufendiek

Andreas Maaß züchtet Schweine. Fürs Foto nimmt er zwei kleine, verärgert quiekende Ferkel auf seinen Arm. Die werden zurzeit von der Muttersau gesäugt und mögen keine Unterbrechung beim Trinken. - © Ekkehard Hufendiek
Andreas Maaß züchtet Schweine. Fürs Foto nimmt er zwei kleine, verärgert quiekende Ferkel auf seinen Arm. Die werden zurzeit von der Muttersau gesäugt und mögen keine Unterbrechung beim Trinken. (© Ekkehard Hufendiek)

Werther. Vieles wäre so einfach – zumindest wenn man auf einen kleinen Betrieb in Werther blickt: „Wir haben eine kleine ökologische Insel hier geschaffen", sagt Andreas Maaß. Der 32-jährige Landwirt betreibt mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen zwei Schwestern den Biohof Maaß. Der Senior, Gerhard Maaß, stellte den Betrieb schon 1998 auf Bio um. Ziel war es, einen geschlossen Kreislauf in der Lebensmittelproduktion zu schaffen.

Der Biohof Maaß ist breit aufgestellt, bewirtschaftet 80 Hektar Acker und sieben Hektar Grünland. Hühner picken, Glanrinder grasen und Schweine grunzen. Ein Eber, 50 Sauen und 100 Mastschweine leben in einem offenen Stall. Die Familie Maaß betreibt die einzige Schweinezucht nach Biostandard im Altkreis.

Mehr Platz, mehr Auslauf, mehr Leben

Das klingt nach dem puren Kontrast zu jenem Bild, dass die Fleischbranche gerade in der Öffentlichkeit abgibt: Mehr als 50 Millionen Schweine werden pro Jahr in Deutschland geschlachtet. 11.000 geschlachtete Tiere schmeißen die Deutschen laut Robert Habeck, dem Co-Vorsitzenden der Grünen, einfach in den Müll. Das sind Zustände, die immer noch viele schweigend hinnehmen. Habeck wies zuletzt zudem daraufhin, dass die industrielle Fleischlobby stark sei.

Durch den massiven Corona-Ausbruch traten die skandalösen Arbeitsbedingungen beim deutschen Marktführer der industriellen Fleischproduktion zum wiederholten Mal ans Licht. Seit geraumer Zeit gibt es eine Gesetzesvorlage, welche diesen Bedingungen ein Ende setzen soll. Passiert ist bislang noch nichts.

Der Schweinestall bei Familie Maaß erfüllt hingegen strenge Kriterien: Er ist an den Seiten offen, in Funktionsräume unterteilt und bietet den Tieren fast dreimal so viel Platz pro Schwein wie bei der konventionellen Haltung. Mindestens 2,3 Quadratmeter sind pro Schwein im Biostandard nötig. Zum Vergleich: Dem konventionellen Schweinebetrieb reicht ein Quadratmeter.

Wenige Stunden alt sind die kleinen Ferkel. 14 Minischweine wuseln um ihre Muttersau herum. Der Vater Ringo ist gesondert untergebracht. - © Ekkehard Hufendiek
Wenige Stunden alt sind die kleinen Ferkel. 14 Minischweine wuseln um ihre Muttersau herum. Der Vater Ringo ist gesondert untergebracht. (© Ekkehard Hufendiek)

Im Vergleich heißt dass, dass Maaß’ Tiere länger leben, mehr Auslauf haben und nach Lust und Laune die Sonne sehen können, – nicht erst auf dem Weg zur Schlachterei wie bei der konventionellen Haltung. „Die spielen auch gerne im Schnee", erzählt Andreas Maaß.

Die großindustrielle Produktionskette bei Tönnies ist derzeit unterbrochen. Lange jedoch wird das nicht andauern können. Denn auf der Produzentenseite nimmt der Druck ebenfalls zu. Konventionelle Landwirte bekommen Probleme, denn ihre Schweine wachsen weiter und auch sie bangen um ihre Existenz. Landrat Sven-Georg Adenauer ließ schon am vergangenen Dienstag eine interessante Äußerung fallen: er sagte, er habe einen Anruf eines Landwirtes bekommen, der ihn bat, von einer Schließung des Schlachtbetriebes bei Tönnies abzusehen. Das war einen Tag vor dem Bekanntwerden des Coronaausbruchs.

Nachwuchs darf länger bei der Mutter sein

Von solchen Problemen der Massenzucht ist Andreas Maaß weit entfernt: Ringo heißt der einzige Eber in seinem Stall. Er ist zweieinhalb Jahre alt und das einzige Tier auf dem Hof, dessen Schwanz kupiert ist, weil er zugekauft wurde. Das bedeutet, dass es gestutzt wurde. In Massenbetrieben soll so verhindert werden, dass sich die Tiere angesichts der Enge gegenseitig die Schwänze abbeißen.

Direkt neben Ringo ist eine Jungsau untergebracht. Wenn die Sau rauschig ist, dann sorgt Ringo für den Nachwuchs. Die Tragzeit dauere ziemlich genau drei Monate, drei Wochen und drei Tage. Beim Abferkeln bleiben die Ferkel mindestens siebeneinhalb Wochen bei der Mutter. Zehn Wochen alt sind die Ferkel, wenn sie verkauft werden. Konventionelle Betriebe nehmen die Kleinen der Mutter schon nach vier Wochen weg.

Andreas Maaß möchte nicht die Schlachtbedingungen bei Tönnies kritisieren. Der Gigant könnte im Übrigen auch Bioschweine schlachten, sagt er. Eher müsse sich das Verbraucherverhalten ändern: „Der Verbraucher hat die Wahl: Er kann billig kaufen und die Produktionsbedingungen aus der Hand geben, oder er kann im qualifizierten Einzelhandel wie bei uns im Hofladen einkaufen und die Bedingungen so zugunsten der Tiere beeinflussen."

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