So teuer wie noch nie: Böckstiegel-Preise gehen durch die Decke

Vier Böckstiegel-Werke sollen bei einer Auktion fast 100.000 Euro erbracht haben. Mit mehr als 20.000 Euro pro Stück liegen die Radierung und die Lithographien beim vielfachen des Marktwertes. Der Fachmann ist vorsichtig verwundert.

Jonas Damme

Die Lithographie „Hanna und Sonja" soll für 23.570 Euro verkauft worden sein. Üblicherweise werden solche Böckstiegel-Drucke für einen vierstelligen Betrag gehandelt. - © Auktionshaus Jentsch
Die Lithographie „Hanna und Sonja" soll für 23.570 Euro verkauft worden sein. Üblicherweise werden solche Böckstiegel-Drucke für einen vierstelligen Betrag gehandelt. (© Auktionshaus Jentsch)

Werther/Gütersloh. Böckstiegel-Experte David Riedel mag es kaum glauben. „Ich bin verwundert über die Entfernung zu den sonst marktüblichen Preisen", antwortet der Leiter des Museums in Arrode auf die Frage, wie er die Ergebnisse der letzten Verkäufe von Lithographien und einer Radierung bei einer Auktion einschätzt, verhalten.

Am Samstag kamen im Gütersloher Auktionshaus Jentsch unter anderem vier Bilder des Wertheraner Expressionisten unter den Hammer. Sie stammen offenbar aus dem Nachlass eines Mitglieds des museumsnahen Böckstiegel-Freundeskreises. Bei den vier Werken handelt es sich um die „Bauern im nächtlichen Gewitter", das „Junge Paar" von 1922, „Hanna und Sonja" sowie um die „Zigeunermusik, Rumänien Târgoviste" von 1920.

Auktionshaus Jentsch Gütersloh Auktion am 25. April 2020 Peter August Böckstiegel, Junges Paar, 1922 Foto: Auktionshaus Jentsch Gütersloh - © Auktionshaus Jentsch Gütersloh
Auktionshaus Jentsch Gütersloh Auktion am 25. April 2020 Peter August Böckstiegel, Junges Paar, 1922 Foto: Auktionshaus Jentsch Gütersloh (© Auktionshaus Jentsch Gütersloh)

Auktionator Detlef Jentsch hatte angekündigt, für sie zwischen 950 und 2.000 Euro ansetzen. Die Ergebnisse, die erzielt wurden, sprengen allerdings alle bisher gekannten Größenordnungen bei Böckstiegel-Verkäufen. Die Radierung „Junges Paar", die ursprünglich mit nur 950 Euro ausgerufen war, soll nach Angabe von Jentsch schließlich 22.980 Euro eingebracht haben.

„Hanna und Sonja" brachten 23.570 Euro

Die Lithographien gingen in die selbe Größenordnung. „Hanna und Sonja" (Ausruf: 1.100 Euro) brachten demnach 23.570 Euro. Die „Zigeunermusik, Rumänien Targoviste" hatte Jentsch mit 2.800 Euro angesetzt, nach mehreren Geboten soll ein Kunstfreund schließlich für 22.980 Euro den Zuschlag erhalten haben. Und auch die dritte Lithographie, „Bauern in nächtlichem Gewitter" (Ausruf: 1.200 Euro), gibt Jentsch mit respektablen 23.570 Euro an. Böckstiegel hatte die Werke persönlich signiert und mit dem jeweiligen Titeln versehen.

Die Lithographie „Bauern in nächtlichem Gewitter“. - © Auktionshaus Jentsch
Die Lithographie „Bauern in nächtlichem Gewitter“. (© Auktionshaus Jentsch)

Auktionator Jentsch kann sich die außergewöhnlichen Erlöse auch nur bedingt erklären. „Es gab drei Bieter für die Objekte", berichtet er. Die hätten sich einen Preiskampf geliefert. Alle vier Bilder seien am Ende an den selben Käufer gegangen. Der komme aus der Gegend und habe per Email geboten. Mehr könne er nicht zur Person sagen. „Das hat es noch nie gegeben, weltweit", weiß aber auch der erfahrene Kunst- und Schmuckverkäufer. Höchstens 8.000 Euro hätten Böckstiegel-Radierungen oder -Lithographien bisher gebracht.

„Corona ist für mich ein Segen"

Wegen der Corona-Einschränkungen hatten nur 30 Bieter persönlich an der Auktion in Gütersloh teilgenommen, weitere hätten ihre Angebote per Email oder Telefon eingereicht. „So gut gelaufen, wie diese Auktion, ist in diesem Jahr und im letzten noch keine", berichtet Jentsch. „Corona ist für mich ein Segen."

Warum die Menschen am Wochenende bereit waren, so viel auszugeben, das könne er aber auch nicht sagen. Besonders per Telefon und Internet habe er noch nie so viele Gebote gehabt.

Bei der Auktion wurden nicht nur Bilder verkauft, insgesamt gingen mehr als 550 Stücke über den Tisch. Ausgerufen worden waren wertvoller Schmuck, wie ein Platinarmband mit 18-Karat-Brillanten, Goldschmiedearbeiten, Stücke aus Ausgrabungen oder Gold- und Silbermünzen. Darüber hinaus hatte Detlef Jentsch aber auch religiöse Ikonen, eine Postkarten- und Büchersammlung, Uhren – zum Beispiel eine goldene „Patek Philippe" – und vieles mehr im Angebot.

Die Lithographie „Zigeunermusik, Rumänien Targoviste“ entstand im Jahr 1920. - © Auktionshaus Jentsch
Die Lithographie „Zigeunermusik, Rumänien Targoviste“ entstand im Jahr 1920. (© Auktionshaus Jentsch)

Dass Böckstiegels Lithographien noch nie so teuer verkauft wurden, bestätigt Experte David Riedel. Bei der „Zigeunermusik", „Hanna und Sonja" und den „Bauern im nächtlichen Gewitter" handele es sich um durchaus bekannte Lithographien. Die Auflage liege jeweils bei 15 Stück. Diese Drucke seien keinesfalls außergewöhnlich und tauchten immer mal wieder zum Verkauf auf. „Mit 4.000 bis 6.000 Euro sind sie bei Auktionen eigentlich gut bezahlt", so Riedels Erfahrungen.

Wie es bei der Gütersloher Auktion zu diesen wirklich einzigartigen Preisen gekommen sei, könne er sich nicht erklären. „Aber ich gratuliere zu den sehr schönen Ergebnisse. Das zeigt die Wertschätzung, die Peter August Böckstiegel gewonnen hat." Wer die Werke ge- oder verkauft hat, wisse er nicht.

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