Otto, Zalando und RTL: Textroboter aus Werther beliefern Bigplayer

Selber schreiben war gestern? Vor allem Online-Riesen lassen immer mehr Texte digital automatisiert erstellen. Ein Unternehmen, das mit dieser Technologie momentan durchstartet, ist Unaice in Werther. Machen ihre Textroboter menschliche Arbeit überflüssig?

Melanie Wigger

Konkurrent: Der Textroboter ist im Vergleich zum Menschen eindeutig schneller. - © Shutterstock
Konkurrent: Der Textroboter ist im Vergleich zum Menschen eindeutig schneller. (© Shutterstock)

Werther. Es war einmal ein kleiner Roboter. Er ging jeden Tag stets pünktlich in die Schreibfabrik, setzte sich an seinen Computer und tippte in Windeseile Abertausende von Texten. Doch was machten stattdessen die Texter in der Zeit? Wer in Journalistenkreisen das Wort »Textroboter« fallen lässt, erntet skeptische, empörte oder sogar verängstigte Blicke – als könnte ein kleiner Textroboter eines Tages den eigenen Schreibtisch besetzen.

Eine unbegründete Sorge laut Andreas Wenninger. Der Mitgründer des Unternehmens »Unaice« muss es wissen, denn er ist sozusagen der Vater erfolgreicher Roboter, die für Bigplayer wie Otto, Zalando, RTL, home24 oder Bosch eingesetzt werden. „2018 hatten wir einen Durchbruch in der Industrie", sagt Wenninger, der das Unternehmen zusammen mit seiner Frau Rosella Wenninger und Christian Meyer führt.

Dass Werther keine Metropole ist, sei vom Arbeitsablauf her kein Problem. Das Zweitbüro in München sei eigentlich nicht nötig, da die zehn (menschlichen) Festangestellten nicht vor Ort sein müssen. Ihre Arbeitsinstrumente sind per Internet abrufbar. „Großstadt-Büros haben in dieser Branche höchstens einen repräsentativen Zweck."

Helfer: Textroboter ersetzen die menschliche Arbeit nicht, sie unterstützen diese. - © Shutterstock
Helfer: Textroboter ersetzen die menschliche Arbeit nicht, sie unterstützen diese. (© Shutterstock)

Der klassische Einsatzort für seine Textroboter ist in der digitalen Welt und ganz besonders im Onlinehandel, wo es nur so vor Produktdaten wimmelt. Mit Informationen wie Material, Größe, Farbe, Stromverbrauch oder Geschwindigkeit werden die Roboter gefüttert. Das Ergebnis: Beschreibungstexte für Kunden. Umgekehrt können aus den Fließtexten ebenso Daten gefiltert werden. Händler, die ihre Ware von unterschiedlichen Herstellern bekommen, können ihre Daten zudem vereinheitlichen – mit einem Mausklick wandelt der Textroboter die Angaben in vergleichbare Maßeinheiten um.

Der Textroboter beachtet sogar den Firmenduktus

Selbst wenn der Händler 500.000 Produkte im Angebot hat, verarbeitet der Textroboter die Infos innerhalb einer Stunde: Jeder Artikel bekommt einen individuellen Beschreibungstext – übersetzt in 26 Sprachen. „Damit nicht jeder Text gleich ist, kennt der Roboter verschiedene Syntaxvarianten und Synonyme", so Wenninger.

Bei automatisierten Nachrichten, wie sie zum Beispiel auf Sportplattformen aus eingehenden Spielergebnissen entstehen, schafft der Roboter zusätzlich Abwechslung, indem er Daten aus anderen Bereichen für den Text heranzieht – zum Beispiel das Wetter während des Spiels. „Je mehr Datenquellen wir einbinden können, desto authentischer wird der Bericht."

Auch der Textstil spielt eine Rolle, so Wenniger: „Zwei Baumärkte verkaufen vielleicht den gleichen Bosch-Bohrer, doch der Text kann je nach Zielgruppe ganz unterschiedlich klingen." Seriös und zurückhaltend oder locker mit Du-Ansprache – der Textroboter schreibt, wie es zum Firmenduktus passt.

„Wer hat schon Lust, hundert ähnliche Texte zu schreiben"

Wichtig für Online-Händler: Die Texte müssen in digitalen Suchmaschinen leicht auffindbar sind. Diese Spielregeln von Google und Co. hat der Roboter deshalb ebenfalls gelernt.

„Die Textroboter müssen alles leisten, was ein guter Texter leistet", fasst Wenninger zusammen. Von der Schreibqualität dieser Technologie ist er überzeugt – immerhin habe sich in einer Vergleichsstudie zwischen künstlich und menschlich verfassten Texten gezeigt, dass die Versuchspersonen nicht in Lage waren, eindeutig zu unterscheiden, wie welcher Text entstanden ist und dass die Roboter-Texte sogar oftmals besser bewertet wurden.

Andreas Wenninger - © Andreas Wenninger
Andreas Wenninger (© Andreas Wenninger)

Die Sorge, dass Textroboter Arbeitsplätze wegnehmen, habe der BWLer zwar schon häufiger gehört, in der Praxis aber bisher nicht erlebt. „Viel eher ist es so, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter dadurch sinnvoller einsetzen können." Und diesen werde eine geistig unattraktive Aufgabe abgenommen: „Wer hat schon Lust, hundert ähnliche Texte zu schreiben."

Doch ohne menschlichen Aufwand kommt der Roboter nicht weit. Die für seine Arbeit notwendigen Daten werden letztendlich von Menschen erfasst. Geht es dann auch noch um das Entwickeln von Themen, das Recherchieren von Hintergründen oder die Befragung von Personen, stößt die Technologie an ihre Grenzen.

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