Angst vor dem Höfesterben - Versmolder setzen beeindruckendes Zeichen

Landjugend, Landwirte und Landfrauen haben an der Münsterstraße in Versmold einen Wald aus Kreuzen gepflanzt. Sie befürchten, dass ein Berufsstand von der Bildfläche verschwindet. Die Aktion ist an eine bundesweite Initiative angelehnt – setzt aber eigene Akzente in Rot.

Marc Uthmann

Tobias Cosfeld (von links), Ulrich Holz, Joachim Klack und Viktoria Kleine-Knetter wollen mit dem Wald aus roten und grünen Kreuzen ein Zeichen gegen das zunehmende Sterben landwirtschaftlicher Betriebe setzen. Die beiden Farben haben dabei eine wohl durchdachte Botschaft. Foto: Marc Uthmann - © Marc Uthmann
Tobias Cosfeld (von links), Ulrich Holz, Joachim Klack und Viktoria Kleine-Knetter wollen mit dem Wald aus roten und grünen Kreuzen ein Zeichen gegen das zunehmende Sterben landwirtschaftlicher Betriebe setzen. Die beiden Farben haben dabei eine wohl durchdachte Botschaft. Foto: Marc Uthmann (© Marc Uthmann)

Versmold. Es ist ein Wald aus Kreuzen, auf den die Autofahrer blicken. »Gepflanzt« wurde er auf einem Acker an der Münsterstraße, kurz vor der Einmündung zur Greffener Straße. Dort, wo Landwirt Ulrich Holz sonst Futterpflanzen oder Getreide anbaut, sind jetzt rote und grüne Zeichen der Warnung aus dem Boden geschossen. Zumindest in Grün sind dies Kreuze seit September in ganz Deutschland an Straßen und Wegen zu finden. Sie dienen als Zeichen des stillen Protestes der Landwirte gegen das jüngst beschlossene Agrarpaket.

Zahl der Betriebe hat sich nahezu halbiert

In Versmold allerdings hat die Aktion ihren ganz eigenen Akzent: Es sind auch rote Kreuze aufgestellt worden, insgesamt 211 Exemplare in den beiden Farben. Ulrich Holz (51), stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes Versmold-Bockhorst, erklärt warum: „1990 gab es 211 aktive landwirtschaftliche Betriebe im Haupt- und Nebenerwerb in Versmold. Heute sind es noch 126." Für die verbliebenen Höfe steht ein grünes Kreuz – jene die verschwunden sind, werden mit roten Kreuzen symbolisiert.

Den Impuls zu der Aktion lieferten allerdings nicht die Bauern selbst, sondern die Landjugenden Loxten und Oesterweg. „Wir dachten uns, dass es eine stärkere optische Wirkung hat, wenn wir die Kreuze gebündelt aufstellen, als wenn das nur vereinzelt passiert", erklärt die 22-jährige Viktoria Kleine-Knetter. Sie steht für die nächste Generation und erklärt ihre Beweggründe: „Man sieht, es werden immer weniger Betriebe. Alles redet von regional, aber wir haben gar nicht die Höfe, um es zu produzieren. Also importieren wir Lebensmittel."

"Wir können diese Auflagen nicht mehr erfüllen"

Joachim Klack (60), Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes, und Ulrich Holz prophezeien, dass die Zahl der Versmolder Höfe in den nächsten Jahren weit unter 100 sinken wird. „Wir sind in ein bürokratisches Gestrüpp geraten, aus dem wir nicht mehr rauskommen", so Klack. 50 Jahre hätten die Bauern so gehandelt, wie es die Politik von ihnen erwartete, nun würden sie zum Verursacher der daraus folgenden Probleme wie der Verunreinigung des Grundwassers gestempelt. „Wir müssen mittlerweile quadratmetergenau abrechnen. Wenn ich eine Frucht wechseln oder einen Blühstreifen anlegen will, bedeutet das einen irrsinnigen bürokratischen Aufwand", klagt Holz. Hinzu komme der Flächenfraß von drei Hektar täglich im Kreis Gütersloh, der die Bauern weiter in die Enge treibe. Die Missernten der jüngsten zwei Dürrejahre mit 30 Prozent weniger Erträgen hätten die Situation noch verschärft. „Wir können diese ganzen Auflagen einfach nicht mehr erfüllen", sagt Holz. Dabei will er sich gegen eine grünere, regionalere Landwirtschaft ja gar nicht sperren.

Rechnerisch ist 2054 der letzte Hof verschwunden

Nun möchten die Bauern aber nicht nur ihre Situation beklagen, sondern ins Gespräch kommen. „Wir wollen über unsere Situation informieren, aber auch erfahren, wie sich die Menschen die Zukunft der Gesellschaft vorstellen", sagt Klack. Und um diese Debatte anzustoßen, gilt es eben, Zeichen zu setzen.

Pläne machen, Kreuze streichen und aufstellen – zahlreiche Landwirte, Landjugendliche und Landfrauen haben sich am rot-grünen Wald beteiligt. „Da wurde kurz abgesprochen, was gebraucht wird und dann lief das", sagt Tobias Cosfeld nicht ohne Stolz.

Er und seine Mitstreiter hoffen nun, dass ihr Signal rechtzeitig kommt: Denn rein rechnerisch macht in Versmold 2054 der letzte Hof das Licht aus.

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