Erster »Sommer in der City« droht beinahe ins Wasser zu fallen

Aber Günter Queisser singt gegen Donner, Blitze und Regen an – und bleibt am Ende Sieger

Silke Derkum-Homburg

Wer wird sich denn von ein bisschen Regen einen Schlagernachmittag verderben lassen? Günter Queisser (rechts) singt auch gut gelaunt im Regen weiter.  - © Silke Derkum-Homburg, HK
Wer wird sich denn von ein bisschen Regen einen Schlagernachmittag verderben lassen? Günter Queisser (rechts) singt auch gut gelaunt im Regen weiter.  (© Silke Derkum-Homburg, HK)

Versmold. Günter Queisser ist Profi. Als am Freitagnachmittag die ersten Regentropfen vom Himmel fallen, lichten sich innerhalb weniger Minuten die Stuhlreihen auf dem Marktplatz. Nur zwei Zuschauer, die sich unter einen Regenschirm drängen, bleiben mutig sitzen.

Dann wird der Regen stärker und der Blick zum Himmel zeigt eine pechschwarze Wolkendecke. „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein" singt Queisser. Ein lauter Donner explodiert zwischen den dicken Regentropfen direkt über dem Markt. „Zwei kleine Italiener, die träumen von Napoli", antwortet Günter Queisser. Und als ein Blitz sich mit einem weiteren lauten Knall über dem Marktplatz entlädt, schmettert Queisser ihm „Sorg dich nicht um mich, du weißt, ich liebe das Leben" entgegen.

Programm für die Jüngeren: Die Versmolderin Emily Lüpker slammte mutig auf dem Marktplatz. - © Silke Derkum-Homburg, HK
Programm für die Jüngeren: Die Versmolderin Emily Lüpker slammte mutig auf dem Marktplatz. (© Silke Derkum-Homburg, HK)


Das scheint zu wirken. Der Regen wird weniger und hört schließlich ganz auf. Und als Queisser dem Himmel zum Trotz „Die Sonne scheint bei Tag und Nacht ..." ins Mikrofon singt, schallt ihm plötzlich aus allen Ecken des Marktplatzes ein lautes „...eviva Espana" entgegen. Denn nicht nur der Sänger lässt sich vom Wetter nicht unterkriegen. Das gleiche gilt auch für sein Publikum. Gut 100 Zuschauer haben sich unter dem Zelt der Eisdiele, den Schirmen des Café Picco und dem Vordach der Arkaden vor dem Wetter in Sicherheit gebracht – aber sie sind geblieben und geben nun aus dem Off den Hintergrundchor.

Eröffnet hatten die erste von sechs Veranstaltungen, die in den Ferien jeden Freitagnachmittag Publikum in die Innenstadt locken soll, zwei Poetry-Slammerinnen. Ein Experiment, das die Stadt gewagt hatte. Doch so ganz warm wurde das Schlagerpublikum im Seniorenalter mit den Vorträgen der zwei jungen Damen nicht. Obwohl sie wirklich gut waren.

Die Versmolderin Emily Lüpker hatte ihre Reime für ein Schulprojekt am CJD verfasst und sich dazu von einem Busfahrer inspirieren lassen, der sie an den Eisernen Kanzler Otto von Bismarck erinnerte. Sarah Lau, Poetry-Slammerinnen aus Paderborn und bereits erfolgreiche Preisträgerin in verschiedenen Kategorien, hatte ihre Zeilen eigens für ihren Auftritt in Versmold verfasst.

Obwohl sie zugibt, zuvor noch niemals vor Ort gewesen zu sein, gibt sie die Seele der Stadt treffend wieder. Ein Blick auf die Internetseite der Stadtverwaltung und einige Google-Einträge hatten ihr im Schnellkurs das nötige Insiderwissen verliehen. Und so slammt sie von Feuerwehreinsätzen, Wurstherstellung und Fachwerkhäusern und davon, dass Versmold nach Erde und Heimat schmeckt und danach „wie alte Menschen riechen". Poetry Slam hat eben nichts mit romantischer Dichtkunst zu tun.

Romantisch wird es dann aber noch mal ganz zum Schluss. Als Günter Queisser nach über zwei Stunden den ersten »Sommer in der City« mit seiner Trompete und »Sierra Madre« beschließt – und alle dunklen Wolken am Himmel verflogen sind.

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