Versicherung muss an Versmolder zahlen

Berufsunfähigkeit: Seit vier Jahren fordert Johannes Diekriede sein Geld von der Versicherung - vergeblich. Jetzt entdeckt sein Anwalt einen Passus in der Police, der den Rechtsstreit beendet.

Kerstin Spieker

Erfolglos: Johannes Diekriede führte, wie er sagt, zum ersten Mal in seinem Leben einen Rechtsstreit. Vor Gericht hätte er am Ende wohl den Kürzeren gezogen. Allein die Klausel im Versichrungsvertrag bewahrte ihn vor der Niederlage. - © Kerstin Spieker
Erfolglos: Johannes Diekriede führte, wie er sagt, zum ersten Mal in seinem Leben einen Rechtsstreit. Vor Gericht hätte er am Ende wohl den Kürzeren gezogen. Allein die Klausel im Versichrungsvertrag bewahrte ihn vor der Niederlage. (© Kerstin Spieker)

Versmold. Als Johannes Diekriede am 18. Oktober den Saal 40 des Bielefelder Landgerichtes verließ, musste er davon ausgehen, im mehrjährigen Rechtsstreit mit seinem privaten Berufsunfähigkeitsversicherer, der Athene Lebensversicherung AG, unterlegen zu sein. Die ebenso überraschende wie plötzliche Wende im Fall kann er noch immer kaum fassen. Ende April nämlich teilte die von der Athene beauftragte Anwaltskanzlei mit, die geforderten Leistungen nun doch ohne weitere Diskussionen und Abzüge erbringen zu wollen. „Und 80 Prozent des Geldes habe ich schon auf dem Konto", erklärt Johannes Diekriede dem HK.

Die Erleichterung ist dem Versmolder anzumerken. Denn immerhin unterzeichnete er 2008 den Vertrag über die Berufsunfähigkeitsversicherung, um eine eventuelle Versorgungslücke im Falle eines Verlustes seiner Arbeitskraft vor Erreichen des regulären Rentenalters zu schließen. Dass der Fall schon sechs Jahre später tatsächlich eintreten würde, hatte er natürlich nicht erwartet.

Info
- Das HK befragte Jana Meister, Fachanwältin für Versicherungsrecht sowie Bank- und Kapitalmarktrecht in der Berliner Kanzlei Gansel Rechtsanwälte. Zum Fall von Johannes Diekriede erklärte sie: Eine solche Klausel sei keine Standardklausel und daher nicht in jedem BU-Versicherungsvertrag zu finden.
- Die Athene sei ein Auffangversicherer. Inzwischen habe sie umfirmiert und nenne sich Athora. Auffangversicherer heiße, sie kaufe Versicherungsbestände anderer Versicherer auf. Die Rechtsanwältin vermutet daher, dass es sich um etwas ältere Versicherungsbedingungen eines Versicherers handelt, der gar nicht mehr aktiv am Markt unterwegs ist.
- Das passt dazu, dass Johannes Diekriede seinen Vertrag 2008 mit der Delta Lloyd abschloss. Die firmierte dann später unter Athene Lebensversicherung AG und jetzt eben unter Athora.
- Laut Analysehaus Morgen & Morgen liegen aktuell fast ein Drittel aller Fälle von Berufsunfähigkeit im psychischen Bereich begründet. Gerade hier lehnen Versicherer, so heißt es auf der Webseite der Kanzlei Gansel, aber häufig die Zahlung ab.
- Offizielle Zahlen aus der Versicherungswirtschaft sollen zeigen, dass immerhin 70 Prozent aller Anträge auf Leistungserbringung von den Versicherungen geräuschlos abgearbeitet werden. Dass es allerdings nur in 30 Prozent der Antragsfälle zu Streitigkeiten kommt, glaubt man bei Gansel nicht. Aus Erfahrung gehe man eher von 60 Prozent strittiger Fälle aus.

Der starke Mann bricht zusammen

Sein Arzt hatte an Johannes Diekriede schon vor dem endgültigen Zusammenbruch alarmierende Erschöpfungssymptome wahrgenommen und seinen Patienten gewarnt. „Aber ich war immer der starke Mann, Abteilungsleiter bei Wiltmann", erinnert sich Diekriede. 2014 erlitt er mit 59 Jahren einen leichten Schlaganfall und brach unter einem schweren Burn out zusammen.

Ein Gutachter und das Expertenteam in der Reha-Einrichtung attestierten seine 100-prozentige Berufsunfähigkeit. Am 8. Juni 2016 erhielt er den Bescheid der Deutschen Rentenversicherung. Bis zum 31. Dezember 2020 wurde ihm eine Erwerbsminderungsrente zuerkannt. Dann wird er 65 Jahre alt sein und das reguläre Rentenalter erreichen. Die Rentenkasse zahlt rückwirkend.

Für Johannes Diekriede war die Sache klar: Jetzt muss auch seine private Berufsunfähigkeitsversicherung zahlen. Die blieb jedoch bei ihrer Weigerung. Ein von der Versicherung beauftragter Gutachter hatte gemeint, dass Johannes Diekriede durchaus aber noch vier bis fünf Stunden am Tag berufstätig sein könnte.

"Es hat mich Lebensenergie gekostet"

Der Versmolder zog vor Gericht. Was folgte, füllte viele Zeilen in dieser Zeitung und noch mehr Aktenordner. Verhandlungen am Bielefelder Landgericht, bei denen eigentlich nur einer immer präsent war: der Kläger Johannes Diekriede. Die rechtlichen Vertreter der Athene wechselten bei jedem Termin. Ebenso wie die Person auf dem Richterstuhl. Und sogar die von Johannes Diekriede beauftragte Kanzlei schickte nacheinander drei Rechtsanwälte ins Rennen. „Es war zermürbend und hat mich Lebensenergie gekostet", sagt Diekriede. Aber er habe sich nicht geschlagen geben wollen. „Die wollten mich weichkochen und ich wollte mich nicht billig abspeisen lassen."

Im Oktober 2018 dann glaubte Diekriede seinen Kampf verloren. Das Gericht unterbreitete einen letzten Vergleichsvorschlag über einen Betrag von 41.000 Euro. „Und ich willigte tatsächlich ein, weil ich fürchtete, sonst gar nichts zu bekommen und auf Gerichts- und Anwaltskosten in Höhe von 20.000 Euro sitzen zu bleiben."

Ein Großteil ist bereits ausgezahlt

Hätte die Athene eingeschlagen, wäre die Sache vermutlich genau so zu Ende gegangen. Stattdessen allerdings lehnte sie den Vergleich ab und bot 20.000 Euro an. „Mein Anwalt muss sich dadurch wohl angestachelt gesehen haben", berichtet Diekriede. Jedenfalls erhielt er einen Anruf seines Rechtsvertreters. Eine bis dahin unbeachtete Regelung im Vertrag nämlich sieht vor, dass bei der Zusprechung einer unbefristeten Erwerbsminderungsrente aus gesundheitlichen Gründen durch die Deutsche Rentenversicherung bei Vollendung des 55. Lebensjahres die Athene ohne eigenes Prüfrecht zahlen muss.

„Nach dem Anruf ging alles ganz schnell. Die Athene erkannte die Forderung sofort an und zahlte auch schon den Großteil. Meine Gerichts- und Anwaltskosten wird sie ebenfalls übernehmen", so der Versmolder. Für ihn ist die Schlacht geschlagen – und er hat gewonnen. Nur mit Scharmützeln rund um die Verzinsung der zustehenden Gelder sowie Kosten für Gutachterfahrten rechnet Johannes Diekriede noch.

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