SteinhagenTarkan Bagci steigt mit Debütroman direkt auf der Bestsellerliste ein

Jonas Damme

Tarkan Bagci - © Joel De Lafuente Torres
Tarkan Bagci © Joel De Lafuente Torres

Bielefeld/Steinhagen. „Unbegründetes Selbstbewusstsein ist wichtig", sagt Tarkan Bagci. Dabei wirkt er beim Telefonat mit der alten Heimatzeitung eigentlich überhaupt nicht überheblich. Eher tiefenentspannt. Obwohl er allen Grund für selbstbewusstes Auftreten hätte. Der junge Ex-Steinhagener ist derzeit da, wo Tausende seiner Altersgenossen gerne wären: Er macht Witze, lebt davon und hat grade – fast durch Zufall, wie er sagt – einen biografischen Roman veröffentlicht, der direkt auf Platz 19 der 
Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen ist.

Aber von Anfang an. Bagcis Biografie beginnt in Steinhagen. Als Sohn türkischstämmiger Eltern wächst er am Teuto auf, zieht dann mit zehn Jahren nach Quelle um, bleibt der kleinen Schnapsgemeinde aber weiterhin treu. Als er am Steinhagener Gymnasium sein Abitur macht, sei er gar nicht so der Typ Klassenclown gewesen, erzählt er. „Ich muss eigentlich immer erst so ein bisschen auftauen. Auf den Tischen getanzt habe ich sicher nicht."

Wie es weitergehen sollte, da hatte er durchaus einen Plan. Journalismus sollte es sein. „Ich habe schon während der Schule bei der Zeitung gearbeitet", erzählt der 26-Jährige. Damit machte er auch beim Studium in Münster weiter. „Ich habe als freier Mitarbeiter wirklich alles mitgenommen, vom Kaninchenzüchter bis zur Goldenen Hochzeit."

"Ist das wirklich ein Job?"

Erst als er beim Deutschlandfunk anfing, erkannte er, dass er ein Problem hat. „Da habe ich gemerkt, wie viele talentierte Journalisten es gibt und dass alle so viel besser sind, als ich." Außerdem habe ihm sowohl „die letzte Schippe Talent" gefehlt, als auch die nötige Leidenschaft, um sich „bei Facebook mal wieder von irgendeiner Birgit durchbeleidigen zu lassen".

Beim Campus-Radio der Uni fing er dann stattdessen an „Quatsch-Beiträge" zu machen, wie er es nennt. Ein Comedyautor wurde auf ihn aufmerksam. „Da habe ich gedacht: Ist das wirklich ein Job?", berichtet Tarkan Bagci lachend.

Schließlich habe er begonnen, für Geld Gags für das Nachmittagsprogramm der Privatsender zu schreiben. „Knallerfrauen, Rabenmütter, Einfach unzertrennlich – da waren ganz schreckliche Sachen bei!" Eine Aufgabe, die er allerdings nicht sein Leben lang machen wollte, wie er sagt. „Nebenbei habe ich auch One-Liner für Late Night Shows geschrieben", sagt der 26-Jährige. „Das war aber keine Jobperspektive, höchstens ein Nebenverdienst." Bei Shows wie dem gleichermaßen gefeierten und umstrittenen Neo Magazin Royal werden tagesaktuelle, politische Gags oft von freien Autoren zugeliefert. Das Team um Jan Böhmermann hat dann die Auswahl unter hunderten sogenannten One-Linern – und nur, wenn der Spruch es in die Show schafft, gibt es auch Geld. „Manche kellnern, ich habe Witze geschrieben. Während des Studiums habe ich oft 40  Sketche und 20 bis 30 One-Liner pro Woche rausgehauen", resümiert er.

Ausgezahlt hat sich die Arbeit vor allem wegen der Beziehungen. „Als die ,bildundtonfabrik’, die das Neo Magazin Royale produzierte, neue Talente für eine Show suchte, haben sie angefragt", erzählt Tarkan Bagci. Die neue Show schaffte es zwar nicht ins Abendprogramm, „aber ich wurde dann rüber gerettet ins Neo Magazin. Da war ich im Business angekommen. Aber ich habe noch lange gebraucht, um zu verstehen, dass das jetzt wirklich mein Job ist."

"Da bin ich dann komplett naiv hin"

Ganz füllte das Comedy-Fach die Lücke, die der Journalismus hinterlassen hatte, dann aber offenbar doch nicht aus. „Ich habe nebenbei Kurzgeschichten geschrieben, um einen Ausgleich zu haben", weiß der 26-Jährige zu berichten. Sein Freund Christian Huber, der bereits einen Bestseller veröffentlicht hatte, stellte dann den Kontakt zum Ullstein-Verlag her. „Da bin ich dann komplett naiv hin."

Die Verlegerin habe sofort klargestellt, dass sie selbstverständlich keine Kurzgeschichtensammlung veröffentlichen würde und wollte wissen, ob er denn an einem Roman arbeite. „Da habe ich gesagt: Natürlich habe ich was! Und weil mir nichts besseres einfiel, habe ich einfach meine Biografie erzählt." Der Plot vom erfolglosen Lokaljournalisten überzeugte.

„Ich dachte ja selbst nicht daran, einen Roman zu schreiben, über eine Oma, die den Dosenöffner erfunden hat." Es sollte jedoch ganz anders kommen. Schnell war vereinbart, die ersten zwei Kapitel zu liefern. „Das Buch ist sehr persönlich geworden, weil ich keine Zeit hatte, darüber nachzudenken. Das hat mich komplett gerettet."

Der Roman wurde Anfang Februar veröffentlicht und stieg dann auch direkt in die Spiegel-Besteller-Charts ein. Wie er zu der Ehre kommt, weiß der Autor nicht so wirklich. „Durch meinen Podcast habe ich vielleicht einen kleinen Vorteil", sagt Tarkan Bagci. Mit seinem Freund Christian Huber spricht er seit dem Sommer einmal pro Woche über „Gefühlte Fakten". Tausende hören zu.

Wie gut es derzeit läuft, obwohl er die vorgezeichnete gerade Bahn verlassen hat, dass verwundert auch den Autor selbst immer wieder. „Es ist ein bisschen, wie aus Versehen in die Champions League eingewechselt zu werden", resümiert der Bielefelder auf Abwegen. „Ich würde alles, was ich grade mache, auch machen, wenn ich kein Geld dafür bekommen würde."

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.