SteinhagenNot macht erfinderisch: Reiseveranstalter verkauft jetzt Masken

Runa Reisen kämpft ums Überleben – mit einer cleveren Idee. Statt Traumurlaube vertreibt das Steinhagener Unternehmen jetzt die begehrten FFP2-Masken. Aber reicht das, um durch die Krise zu kommen?

Frank Jasper

Not macht erfinderisch: Falk Olias (links) und Karl B. Bock, die beiden Geschäftsführer von Runa Reisen, packen FFP2-Masken in die Kartons. Über ihren Online-Shop verkaufen sie das begehrte Krisen-Produkt. - © Frank Jasper
Not macht erfinderisch: Falk Olias (links) und Karl B. Bock, die beiden Geschäftsführer von Runa Reisen, packen FFP2-Masken in die Kartons. Über ihren Online-Shop verkaufen sie das begehrte Krisen-Produkt. © Frank Jasper

Steinhagen. Im schicken Büro-Loft unterm Dach des Schlichte-Carrees ist es eng geworden. Überall stapeln sich Kartons. Irgendwo dazwischen sitzen die Mitarbeiter des Steinhagener Reiseanbieters Runa Reisen an ihren Schreibtischen. Das Unternehmen hat sich auf die Organisation von Urlaube für Menschen mit Behinderungen spezialisiert. Eine lukrative Marktnische, in der sich der Anbieter aus Steinhagen sehr erfolgreich platziert hatte. Noch vor einem Jahr bot das Unternehmen 170 Reiseziele in 30 Ländern weltweit an. Dann kam Corona. Jetzt verpacken sie bei Runa Reisen FFP2-Masken in Kartons.

„In diesem Jahr werden wir keine einzige Reise mehr abwickeln", schildert Karl B. Bock, neben Falk Olias einer der beiden Geschäftsführer, die aktuelle Lage, die sich mit dem zweiten Lockdown noch einmal deutlich zugespitzt hat. Nachdem die Reisebranche im Sommer wieder etwas Fahrt aufgenommen hatte, und man auch bei Runa Reisen wieder Hoffnung schöpfte, steht sie nun nahezu komplett still. Dass das neunköpfige Team nun medizinische Gesichtsmasken statt Urlaube verkauft, ist aber gar nicht so weit hergeholt, wie es auf dem ersten Blick scheint.

Aus Marketingidee wurde neues Geschäftsmodell

„Wir wollten im Sommer wieder Flugreisen anbieten und unseren Kunden die Angst vorm Fliegen in Zeiten von Corona nehmen", holt Karl B. Bock aus. „Darum waren wir dabei, ein eigenes Hygienekonzept zu erarbeiten. Das sah unter anderem vor, dass jeder Kunde zur Buchung einer Flugreise eine FFP2-Maske dazu bekommt." Anders als die herkömmlichen Mund-Nasen-Bedeckungen aus Stoff und die inzwischen weit verbreiteten OP-Masken schützen die partikelfiltrierende Halbmasken (FFP2) nicht nur andere Menschen, sondern auch den Träger. FFP2-Masken müssen laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mindestens 94 Prozent und FFP3-Masken mindestens 99 Prozent der Aerosole filtern. Sie bieten demnach einen wirksamen Schutz gegen Aerosole. „Allerdings gibt es auch bei diesen Modellen enorme Unterschiede in der Qualität", berichtet Karl B. Bock. Zuletzt seien immer wieder FFP2-Masken mit gefälschten Zertifikaten im Umlauf gewesen, andere seien durch eine schlechte Verarbeitung negativ aufgefallen.

„Wir wollten natürlich eine anständige Qualität", berichtet Karl B. Bock. Über einen privaten Kontakt von Falk Olias, bezog Runa Reisen vor gut einem Monat die ersten tausend Masken von einem Hersteller für Medizinequipment aus Baden-Württemberg, der gerade erst in die Maskenproduktion eingestiegen war. Schnell wurde aus der Marketing-Idee, um den Flugtourismus wieder anzukurbeln, mehr. „Das Interesse an den Masken war von Anfang an riesig. Wir waren die tausend Stück innerhalb einer Woche los", sagt Bock.

So entstand die Idee, für den Hersteller aus Baden-Württemberg, der noch keinen eigenen Vertrieb hatte, genau diese Aufgabe zu übernehmen. „All das ist zu Beginn der zweiten Corona-Welle passiert. Also zu einem Zeitpunkt, als die die Nachfrage nach den FFP2-Masken wuchs. Zu Hochzeiten haben wir bis zu 30.000 Stück pro Tag verkauft. Jetzt sind es so 1.000 bis 5.000 täglich", erzählt der Tourismusexperte. Über den eigens eingerichteten Online-Shop ffp2-germany.com werden die Masken made in Germany verkauft. An Endkunden, aber auch an Kliniken und Senioreneinrichtungen. „Momentan erreichen uns besonders viele Bestellungen von Steuerkanzleien; möglicherweise haben die gerade neue Auflagen erhalten", mutmaßt Karl B. Bock.

"Können Reisegeschäft damit nicht kompensieren"

Trotz des neuen Geschäftsmodells bleibt die Lage bei Runa Reisen angespannt. „Wir können mit dem Masken-Verkauf das weggebrochene Reisegeschäft nicht kompensieren", stellt der Geschäftsführer klar, „es unterstützt uns lediglich, den Winter einigermaßen zu überstehen." Nach wie vor seien die Mitarbeiter zum Teil in Kurzarbeit. Und obwohl das Unternehmen von Überbrückungs- und Soforthilfeprogrammen profitiert habe, blicken Falk Olias und Karl B. Bock in eine ungewisse Zukunft. Vielleicht, so hoffen sie, geht es dank Schnelltests und Impfstoff im nächsten Jahr wieder aufwärts. Dann brauchen die Menschen irgendwann keine Masken mehr, aber gönnen sich wieder eine Urlaubsreise.

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