Autofahrer bepöbeln Teilnehmer von Fahrrad-Demo

Bei der Fahrraddemo für sichere Radwege kam es gestern im Feierabendverkehr auf der Woerdener und Bielefelder Straße zu Verkehrsbehinderungen. Genau das war gewollt. Sorgte aber auch für Unverständnis.

Frank Jasper

Vorm Rathaus versammelten sich die mehr als 70 Teilnehmer zunächst. - © Frank Jasper
Vorm Rathaus versammelten sich die mehr als 70 Teilnehmer zunächst. (© Frank Jasper)

Steinhagen. „Die angestrebte Lösung von Straßen.NRW ist nicht die sicherste Lösung. Wir wollen heute aufzeigen, wie gefährlich die Fahrradschutzstreifen werden können, die ihren Namen zu unrecht tragen", erklärte Horst Remer um 16 Uhr vor dem Rathaus den Zweck der Demonstration.

Wie berichtet, will der Landesstraßenbetrieb im Rahmen der Sanierung der Bielefelder Straße 2022 den Radverkehr auf die Straße verlagern. Das Konzept der dafür vorgesehenen Schutzstreifen (siehe untenstehender Bericht) ist bei vielen Radfahrern umstritten. Tatsächlich ließen sich bereits in den ersten Minuten des Experiments brenzlige Situationen beobachten. Längst nicht alle Auto- und Lkw-Fahrer zeigten für die Demo Verständnis. „Einige von uns wurden sogar angepöbelt", berichtete Horst Remer am Abend.

Auf der Carl-Severing-Straße in Quelle gibt es einen Fahrradschutzstreifen. Der Begegnungsverkehr dürfte hier allerdings deutlich geringer sein als auf der Bielefelder Straße in Steinhagen. - © Frank Jasper
Auf der Carl-Severing-Straße in Quelle gibt es einen Fahrradschutzstreifen. Der Begegnungsverkehr dürfte hier allerdings deutlich geringer sein als auf der Bielefelder Straße in Steinhagen. (© Frank Jasper)
Horst Remer hatte die Fahrraddemo initiiert. - © Frank Jasper
Horst Remer hatte die Fahrraddemo initiiert. (© Frank Jasper)

Die laut Initiator 85 Teilnehmer machten sich zeitgleich mit ihren Fahrrädern auf den Weg und befuhren im Abstand von rund 80 Metern die Straße und nutzten dabei wie geplant die Fahrbahn. Um den in der Straßenverkehrsordnung vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Meter zum Kraftverkehr darzustellen, hatten sich viele eine Pool-Nudel oder ein Isolierrohr auf den Gepäckträger geklemmt.

Schnell wurde es eng auf der Fahrbahn

Schnell zeigte sich, dass die Fahrbahn zu eng wurde. Vor allem dann, wenn zeitgleich zwei Autos zwei sich begegnenden Radfahrern ausweichen mussten. Noch enger wurde es, wenn bei so einem Manöver ein Lkw involviert war. „Und gerade der Schwerlastverkehr hat seit der Autobahneröffnung deutlich zugenommen", hat Wolfgang Deike beobachtet, der seit 1986 an der Bielefelder Straße wohnt und ebenfalls gestern an der Fahrraddemo teilnahm.

Die Kritiker fordern darum, dass der aus Richtung Harsewinkel beziehungsweise Gütersloh kommende Lkw-Verkehr nicht länger über Steinhagen zur A 33 geführt wird, sondern Richtung Halle geschickt wird. „Denn dort müssten sich die Lkw nicht durch einen Ort quälen", erklärt Deike, der sich nicht nur um die Sicherheit der Radfahrer sorgt, sondern auch unter dem Lärm am Autobahnzubringer Bielefelder Straße leidet.

 

Als sich die Demonstranten auf ihren Fahrrädern auf den Weg machten, wurde es eng auf der Woerdener und Bielefelder Straße. Die roten Rohre auf den Gepäckträgern zeigten den Mindestabstand von 1.50 Meter auf, den Autos zu den Radlern einhalten müssen - © Frank Jasper
Als sich die Demonstranten auf ihren Fahrrädern auf den Weg machten, wurde es eng auf der Woerdener und Bielefelder Straße. Die roten Rohre auf den Gepäckträgern zeigten den Mindestabstand von 1.50 Meter auf, den Autos zu den Radlern einhalten müssen (© Frank Jasper)

Was die Radverkehrsführung angeht, favorisieren die Demoteilnehmer einen kombinierten Geh-Radweg. Ein entsprechendes Konzept hat die Gemeinde Steinhagen zusammen mit dem Ingenieurbüro plan.b längst erarbeitet. „Straßen.NRW will aber die billigste und unsichere Lösung", kritisiert Horst Remer.

"Wollen erneut auf die Straße"

Auch wenn es anders als von den Veranstaltern erwartet, nicht zu Staus kam und weniger Lkw als normalerweise unterwegs gewesen sein sollen, wertet Horst Remer die Demo als Erfolg. „Wir wollen erneut auf die Straße gehen", kündigte er an. Bei der Begrüßung am Rathaus hatte sich Remer gefreut, dass neben dem ADFC auch die künftige Bürgermeisterin Sarah Süß, CDU-Bürgermeisterkandidat Hans-Heino Bante-Ortega, Vertreter der CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Partei zur Demo gekommen waren.

Was ist überhaupt ein Schutzstreifen für Fahrradfahrer?

Deutliche Kritik übten die Teilnehmer der Fahrraddemo gestern an den geplanten Schutzstreifen. Doch was versteht man überhaupt genau unter Schutzstreifen für Radfahrer? Und machen sie ihrem Namen alle Ehre?

Unter einem Fahrradschutzstreifen ist laut Straßenverkehrsordnung ein Bereich der Fahrbahn zu verstehen, der durch gestrichelte Linien abgetrennt ist und vorrangig dem Radverkehr zur Verfügung steht. Kraftfahrzeuge dürfen auf dem Schutzstreifen weder kurzzeitige Halten, das Parken darauf ist ohnehin nicht gestattet. Der Schutzstreifen darf allerdings von Kraftfahrzeugen bei Bedarf kurz überfahren werden. Zum Beispiel um dem Gegenverkehr auszuweichen, um abzubiegen, oder um in eine Parkbucht zu fahren. Schutzstreifen fürs Fahrrad sind, anders als amtlich ausgewiesene Radwege, nicht baulich von Fahrbahn und Gehweg getrennt.

In der Regel befinden sie sich auf der gleichen Höhe wie die restliche Fahrbahn, können jedoch unter Umständen durch einen farbigen Belag verdeutlicht sein. Meistens werden sie jedoch auf der Fahrbahn durch weiße gestrichelte Linien und ein weißes Piktogramm eines Fahrrads gekennzeichnet. Wer von Obersteinhagen nach Quelle fährt, kann auf der Carl-Severing-Straße begutachten, wie so ein Schutzstreifen aussieht.

„In der Unfallforschung sind Schutzstreifen unauffällig, sonst wären sich gar nicht ins Regelwerk eingegangen", sagt Thomas Goldbeck vom auf Straßenbaumaßnahmen spezialisierten Ingenieurbüro plan.b. Radfahrer, die eher zügig unterwegs sind, schätzen die Schutzstreifen laut Goldbeck, weil sie darauf von Autofahrern, die auf die Straße auffahren wollen, besser gesehen werden.

„Mit zunehmenden Schwerlasttransport wird’s allerdings schwierig im Begegnungsverkehr", so Thomas Goldbeck. Er erinnert in diesem Zusammenhang an den in der Straßenverkehrsordnung vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Meter, den Fahrzeuge zu Radfahrern einhalten müssen. Folge: Je mehr Fahrzeuge beziehungsweise Radfahrer sich begegnen, um so enger wird es auf der Fahrbahn.

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

1 Kommentar

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.