"Die Partei" tritt an, den Kreis Gütersloh zu erobern

Die Satirepartei wurde durch ihren EU-Abgeordneten Martin Sonneborn bekannt. Nun will sie in den hiesigen Städten durchstarten - auch, um die AfD zu ärgern.

Jonas Damme

Wollen mit der „Partei“ in den Kreistag und vielleicht sogar in den Steinhagener Rat: Glenn Krüger und Lena Horstmann haben den Redaktionstisch gekapert und gleich reichlich Material für ihre pressewirksamen Aktionen mitgebracht. - © Jonas Damme
Wollen mit der „Partei“ in den Kreistag und vielleicht sogar in den Steinhagener Rat: Glenn Krüger und Lena Horstmann haben den Redaktionstisch gekapert und gleich reichlich Material für ihre pressewirksamen Aktionen mitgebracht. (© Jonas Damme)

Steinhagen. „Nazis töten.", mit dieser radikalen Botschaft machte „Die Partei" zuletzt in Bielefeld von sich reden. Der Staatsschutz verbot die Plakate, weil sie angeblich zu einer Straftat aufforderten, musste dann aber einknicken. Der Grund: der Punkt nach „töten". Denn dadurch wird aus der Aufforderung eine Feststellung. So die Argumentation des Ortsverbandes, der offenbar auch die Staatsanwaltschaft folgte.

Solche Aktion mit Hang zur Anarchie sind es, die die Satire-Partei auszeichnen. Bei der letzten Europawahl brachte ihr das immerhin 2,4 Prozent der deutschen Stimmen und damit zwei Sitze im EU-Parlament ein. Nun wollen die vermeintlichen Spaßpolitiker auch auf kommunaler Ebene durchstarten. In Bielefeld existiert schon seit einiger Zeit eine Gruppe, der Kreisverband Gütersloh gründete sich im Dezember 2019.

Gründungsmitglieder sind der in Steinhagen lebende Kreisvorsitzende Glenn Krüger und die „Parteisekretärin für irgendwas mit Umwelt und Antidiskriminierung", Lena Horstmann. Die machen klar, dass ihre Organisation in der politischen Landschaft zwar außergewöhnlich ist, trotzdem aber nicht verlacht werden sollte. „Wir haben bereits 120 Mitglieder", erklärt Krüger, der hauptberuflich als „Politesse" arbeite.

Bundesweit bald 50.000 Mitglieder

Bis zur Corona-Krise habe man sich zwei Mal wöchentlich öffentlich getroffen und jedes Mal seien neue Interessenten dazu geströmt. Allerdings überwiegend männliche. „Deswegen haben wir derzeit einen Aufnahmestopp für Männer", erklärt die Antidiskriminierungsbeauftragte. Auch wieder so eine typische „Partei"-Aktion. 100 Tage lang dürfen nur Frauen beitreten. „Das zeigt ganz nebenbei, wie strukturelle Diskriminierung aussieht", erklärt der Vorsitzende.

Bundesweit knackt die Partei nach eigenen Angaben bald die 50.000-Mitglieder-Marke. Warum ihre Gruppe, die sich eben nicht ernst nimmt und mit alten Strukturen bricht, solche Erfolge feiert, glaubt Lena Horstmann zu wissen: „Viele Leute fühlen sich angesichts von Extremismus hilflos und wollen etwas dagegen machen. Bei den anderen Parteien fühlen sie sich aber nicht wohl." Ihre „Partei" lasse jeden zu Wort kommen.

Auch wenn der Anteil der „Spaßvögel" bei ihnen etwas größer sein mag, als bei anderen – wie Glenn Krüger zugibt – sieht er seinen Kreisverband nicht als Spaßtruppe. „Ich habe mich schon immer für Politik interessiert, habe aber bei der SPD zum Beispiel wegen der Hartz-4-Gesetze keine Heimat gefunden", sagt Krüger. „Andere Parteien wollen Menschen für Politik interessieren, wir wollen sie zu Politikern machen. Nach außen hin versuchen wir so zu wirken, als ob wir nichts tun, aber im Herzen versuchen wir alles richtig zu machen."

"Wollen für den Kreistag kandidieren und eine Kandidatin für den Landrat stellen"

Trotz des von Corona diktierten Zwangsstillstandes wollen die Satiriker bei der Kommunalwahl im September antreten. „Wir wollen für den Kreistag kandidieren und eine Kandidatin für den Landrat stellen", kündigt der Vorsitzende an. Sollte es ähnlich gut laufen wie bei der EU-Wahl, könnte sogar ein Platz im Kreistag abfallen.

Spätestens bei den Wahlthemen wird dann wieder offenbar, warum „Die Partei" so außergewöhnlich ist. „Wir hatten schon die Überlegung, die ungeliebte A 33 für die Binnenschifffahrt zu fluten", erläutert Glenn Krüger. Effektiver könne Lärmschutz nicht sein. „Dann würde Steinhagen vielleicht sogar eine Hansestadt." Auch zur Debatte um den Ausbau der B 61 zwischen Bielefeld und Gütersloh haben die Neupolitiker einen konstruktiven Ansatz. „Statt der Baumfällungen könnte man doch einfach eine Seilbahn bauen. Für kürzere Arbeitswege wäre auch eine Achterbahn denkbar. Aber das Konzept „Auto" stößt doch offensichtlich an seine Grenzen", so Krüger. Zu jedem Thema der Region könne man allerdings keine Position erwarten. „Wir sind kein Vollsortimenter", erklärt der Vorsitzende.

Tatsächlich gebe es auch bei den einzelnen Mitgliedern sehr unterschiedliche Ansichten. Auf maximal zwei Leitlinien könne man sich verständigen. „Uns alle eint der Kampf gegen Rechts", sagt Glenn Krüger. Außerdem findet die „Parteisekretärin für irgendwas mit Umwelt", sei Naturschutz unverzichtbar. Das war’s dann aber auch schon und Glenn Krüger zieht die Satire-Handbremse: „Wir wollen nicht zu tief in die Realpolitik abrutschen."

Info

Die Partei gegen die AfD

Bei einem ersten Treffen in der Kiefernklause am Rande Steinhagens habe es sehr großes Interesse an einer Ortsgruppe für Steinhagen gegeben, berichtet Kreisvorsitzender Glenn Krüger. Aus Sicht der Satiriker sei es nur konsequent, in der ersten Altkreiskommune, in der die AfD in den Gemeinderat will, ebenfalls – sozusagen als Gegengewicht – auch eine Partei-Liste zur Wahl aufzustellen. Obwohl Corona die Pläne derzeit ausbremse, sei man sehr bemüht, die „sehr, sehr gute Partei“, in Steinhagen bald nach vorne zu bringen. Auch über die Option eines Bürgermeisterkandidaten sei gesprochen worden.

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