Wagemut oder Wahnsinn? Friseurin macht sich mit 21 Jahren selbstständig

»Wir sind Steinhagen«: Die Friseurin Zehra Kopal-Hop nimmt 2005 die Insolvenz ihres Arbeitgebers nicht hin und übernimmt spontan das Geschäft. Seitdem ist der Name »Coiffeur Hop« an der Bahnhofstraße 36 Programm.

Detlef Hans Serowy

Janet Lorenz, Melda Özhan, Sabine Schumacher, Birsel Dolma, Melike Eren, Burak Sak und Zehra Kopal-Hop. - © Detlef Hans Serowy
Janet Lorenz, Melda Özhan, Sabine Schumacher, Birsel Dolma, Melike Eren, Burak Sak und Zehra Kopal-Hop. (© Detlef Hans Serowy)

Steinhagen. Wagemut oder Wahnsinn? Diese Frage stellt sich Zehra Kopal-Hop nicht, als ihr Chef 2005 Insolvenz anmelden muss. »Vision of Hair« heißt das Geschäft und die 21-jährige Friseurin hat ihre eigene Vision vom Haar. „Das ist mir zu schade für meine Kunden", denkt sie und übernimmt kurzerhand den Laden an der Bahnhofstraße 36.

„Ich habe einfach die Insolvenzverwalterin angerufen und gefragt, wie das gehen kann", erinnert sich die heute 36-Jährige. Es geht irgendwie, aber hohe Hürden sind zu überwinden. „Ich hatte damals noch keinen Meisterbrief und brauchte eine Ausnahmegenehmigung."

Bei selbstständigen Friseuren drückt die Handwerkskammer schon mal vorübergehend ein Auge zu. „Da kam eine Vertreterin der Kammer und wollte ganz genau wissen, was ich vorhabe." Das will auch die Bank erfahren und deshalb schreibt Zehra Kopal-Hop erst einmal einen Businessplan.

„Ganz allein habe ich Anfang Dezember angefangen"

Der Plan überzeugt die Banker. Es gibt ein günstiges Existenzgründungsdarlehen. Auch die Handwerkskammer vertraut der jungen Betriebsgründerin und erteilt die Genehmigung. Weniger Vertrauen haben ihre ehemaligen Kollegen. „Die waren alle weg und hatten neue Stellen."

Zehra Kopal-Hop will das Weihnachtsgeschäft noch mitnehmen und macht beim Umbau Druck. „Ganz allein habe ich Anfang Dezember dann angefangen", erinnert sie sich. Angst hat sie keine, ist aber gewarnt. „Alle Menschen in meinem Umfeld haben mir von dem Projekt abgeraten."

»Coiffeur Hop« heißt das Geschäft bis heute und der Name ist Programm. „Der Laden, das bin ich", sagt die Inhaberin. Sie legt Wert auf eine dezente aber geschmackvolle Gestaltung und macht beim handwerklichen Anspruch keine Abstriche. „Friseur ist ein toller Beruf", sagt sie begeistert.

Schon als kleines Mädchen ist Zehra Kopal-Hop verrückt nach Haaren. „Ich habe mit sechs Jahren meine Freundinnen regelrecht gezwungen, sich von mir die Haare machen zu lassen." Flechtfrisuren sind ihre Spezialität. Freundin Hülya liebt Zöpfe und „trägt die Frisuren über Tage".

„Meine Mutter Nazan wollte in Izmir in der Türkei Friseurin werden." Obwohl die Millionenstadt als weltoffen gilt, klappt das nicht. „Das war eine Abendschule und mein Großvater wollte wohl nicht, dass seine sehr attraktive Tochter abends allein durch die Straßen geht."

Solche Probleme hat Zehra Kopal-Hop nicht. Vater Salih kommt mit elf und die Mutter mit 21 Jahren nach Deutschland. Sie wird hier geboren. „Ich habe tolle Eltern, die mich sehr unterstützt haben", betont die Unternehmerin und wird für einen Moment sehr emotional.

„Ich habe viel bei Friseurwettkämpfen mitgemacht"

Nach dem Hauptschulabschluss geht die 16-Jährige 1999 zu Reinhard Kowohl in die Lehre. „Das war ein guter Ausbilder", gibt sie zu Protokoll. 2002 schließt sie die Lehre ab und bleibt noch zwei Jahre in dem Steinhagener Betrieb. „Dann war es Zeit für Veränderung." Es folgt »Vision auf Hair«.

„Wir hatten immer gut zu tun", blickt Zehra Kopal-Hop auf diese Zeit zurück. Die Insolvenz kommt deshalb für sie völlig überraschend. Die junge Friseurin geht mit viel Ehrgeiz in ihre Selbstständigkeit. „Ich habe ja auch viel bei Friseurmeisterschaften mitgemacht."

Mit Ehrgeiz allen ist ein Geschäft nicht zu führen. „Ich hatte keine eigene Berufserfahrung bei der Mitarbeiterführung", räumt sie ein. Allein kann sie nicht lange arbeiten und muss Beschäftigte einstellen. „Da habe ich auch Fehler gemacht und dabei meinen eigenen Weg gefunden."

„Niemand hat mich genommen"

Schüchtern ist Zehra Kopal-Hop nicht, wenn es um ihren Geschäftserfolg geht. Sie schreibt am Anfang renommierte Betriebe an und bittet um ein kurzes Praktikum. „Niemand hat mich genommen. Vielleicht hatten die Angst, sich eine Konkurrenz aufzubauen."

Die Berufserfahrung nimmt zu und der Betrieb wächst. Was fehlt, ist der Meisterbrief. „Den Kurs habe ich nebenberuflich in einem Jahr von 2008 bis 2009 gemacht." Die angehende Meisterin muss „viel lernen für die Prüfung" und kann es am Ende kaum glauben, dass sie besteht.

„Das hat mich so viel Mühe gekostet, dass ich mich nicht mehr freuen konnte. Ich war einfach froh, dass es erledigt war", blickt die 36-Jährige zurück. Es warten immer neue Herausforderungen auf die Ehefrau und zweifache Mutter. Heute beschäftigt sie neun Mitarbeiter.

„Wir sind wohl eines der wenigen Friseurgeschäfte, die aktuell drei und bald hoffentlich vier Meisterinnen haben". Neben ihr tragen Janet Lorenz und Birsel Dolma den Titel. Mitarbeiterin Aylin Öztürk besucht aktuell den Meisterkurs. Einziger Mann im Team ist Burak »Bubu« Sak.

Einzigartig ist auch die familiäre Komponente im Geschäft von Zehra Kopal-Hop. Sie beschäftigt ihre Schwestern Melda Özhan und Melike Eren. „Wir sind ein tolles Team", betont die Inhaberin und meint damit natürlich nicht nur ihre Schwestern.

Zehra Kopal-Hop hat im Laufe der Jahre zwar manchmal an ihrer spontanen Entscheidung von 2005 gezweifelt, würde sich aber jederzeit wieder mit 21 Jahren selbstständig machen. Kein Wahnsinn und kein Wagemut, sondern schlichte Leidenschaft für den Beruf.

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