HalleWann ist Corona vorbei? Die Sehnsucht nach Freiheit wächst

HK-Redakteur Marc Uthmann sitzt wie viele andere Menschen auch seit Monaten im Home-Office. Das hat was in ihm ausgelöst. Gleichzeitig schöpft er neuen Mut - ein Kommentar.

Marc Uthmann

Seit mehr als einem Jahr dauert die Corona-Pandemie jetzt schon an. Viele Menschen wünschen sich die Realität zurück. - © Pixabay
Seit mehr als einem Jahr dauert die Corona-Pandemie jetzt schon an. Viele Menschen wünschen sich die Realität zurück. © Pixabay

Meine Welt ist in diesen Tagen sehr klein geworden. Fühlt sich so an, sieht oft auch so aus. Ich verbringe die Tage in einem kleinen Raum vor unserem Schlafzimmer. Vor mir ein improvisierter Schreibtisch mit zwei Bildschirmen, hinter denen ich immerhin einen Blick auf die Straße und die Nachbarhäuser erhaschen kann. Hinter mir der Kleiderschrank. Und die Welt, sie spielt sich zumindest von morgens bis abends auf den beiden Bildschirmen ab.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich rede jeden Tag mit sehr vielen Menschen, kann ihnen sogar in die Augen sehen. Den Videokonferenzen sei Dank. Wenn mir manchmal der Blick über den Tellerrand gelingt, weiß ich das sogar zu schätzen. Ich werde auch in Zukunft nicht mehr jeden Tag ins Büro müssen, die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich enorm verbessert – nicht zuletzt, weil ich zu jener Gruppe glücklicher Menschen zähle, bei denen das Internet stabil funktioniert.

Ich muss nicht ins Büro – aber ich darf auch nicht

Nun ist es gerade aber so, dass ich nicht nur nicht ins Büro muss – ich darf es auch nicht. Und das gilt nicht nur für das Büro, sondern auch für ganz viele andere Orte ... Aber was sage ich Ihnen, Sie erleben es ja täglich selbst. So ganz allmählich beginnt diese Situation etwas mit mir zu machen. Es fällt zunehmend schwerer, den gefühlten Dauer-Ausnahmezustand zu ertragen. Denn das ist es ja, was wir alle seit Monaten tun: den neuen Alltag aushalten.

An dieser Stelle muss ich aufpassen, nicht ins Jammern auf hohem Niveau abzugleiten: Ich habe eine tolle Familie – und einen Garten, dank dem wir uns alle mal aus dem Weg gehen können, wenn diese Familie mal kurz nicht so toll ist. Und ich habe Dinge zu schätzen gelernt, die in einem stressigen Leben mit tausend Terminen stets zu kurz kamen: gemeinsame Zeit mit den mir liebsten Menschen, ohne Plan, ohne Druck. Auch das möchte ich nicht mehr hergeben.

Marc Uthmann ist Redakteur beim Haller Kreisblatt. - © Nicole Donath
Marc Uthmann ist Redakteur beim Haller Kreisblatt. (© Nicole Donath)

Doch zurück zum Ertragen. Das funktioniert mit einem spannenden Job ganz gut. Und so sitze ich also nun vor dem Bildschirm und erdulde die Pandemie, indem ich sie mir den ganzen Tag reinziehe: Wie hoch ist die Inzidenz? Wie die Lage auf den Intensivstationen? Wie läuft die Impfkampagne? Wie gefährlich sind die Mutationen? Wann bekommen wir alle endlich unsere Freiheit zurück?

Ein unablässiger Strom von Nachrichten, der einen stetigen Wechsel von Sorgen und Hoffnung auslöst. Meine persönliche Fieberkurve der Emotionen ist allerdings zunehmend abgeflacht. Seit November dümpeln die Monate dahin wie in einem Leben unter einer Glocke. Ich habe mich eingerichtet in meiner kleinen Schlafzimmerwelt mit ihren News im Minutentakt. Ich habe gelernt, die Pandemie zu erdulden. Dachte ich.

"Ich träume wieder"

Denn jetzt, wo die Freiheit plötzlich wieder greifbarer scheint, regen sich meine Lebensgeister. Da war doch was. Dieses Gefühl, mit den sportlich ähnlich mittelmäßig begabten Kumpels donnerstags nach dem Fußball ein Bier zu trinken. In der Kabine einen Sieg in der zweiten Handball-Kreisklasse zu feiern. Essen zu gehen. Freunde zu treffen, ohne sich vorher ständig Gedanken zu machen, wie das nun mit Testen, Personenanzahl und Sperrstunde läuft. Sie merken, ich träume noch gar nicht groß, von Urlaub oder ähnlichem Schnickschnack. Aber ich träume wieder.

Und ein bisschen träume ich auch für meine elfjährige Tochter. Die hat nämlich vor kurzem – ganz entgegen ihrem dauerfröhlichen, herrlich schnatterhaften Gemüt – von jetzt auf gleich angefangen zu weinen. Ist doch alles Mist, Papa. Dazu muss man wissen, dass sie wegen Corona schon zwei Klassenfahrten verpasst hat, Eingewöhnen an der neuen Schule fiel aus, Handball kommt seit Monaten nicht in die Tüte. Tapfer erträgt sie das alles, hat sogar Spaß am Videounterricht und fragt mich dennoch ständig: Wann ist Corona vorbei?

Mit allem Drum und Dran am Leben

Ich kann darum gut verstehen, wenn jetzt die nächsten Debatten losbrechen: Um Impfneid, Freiheiten für Geimpfte – und natürlich darum, wann es endlich wieder in den Urlaub gehen kann. Die Menschen wollen raus aus diesem Corona-Korsett, aus diesem Leben, in dem jede Emotion, jeder Genuss gedrosselt scheint. Gleichzeitig sind die Zahlen der Pandemie immer noch bedrohlich, sterben täglich immer noch viele Menschen, ist das Virus eben noch nicht gezähmt. Ist es da nicht zynisch, wenn ich in meinem Schlafzimmerbüro ganz egoistisch von Freiheit träume?

Nein. Denn ich kann mich ja weiter an Regeln halten und mir trotzdem wünschen, dass meine Welt wieder wächst. Ist nach all den betäubten Monaten irgendwie auch beruhigend. Weil es mir beweist, dass ich noch mit allem Drum und Dran am Leben bin.

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