HalleBürgermeister Tappe appelliert an Waldbesetzer - sie reagieren emotional

Bürgermeister Thomas Tappe appelliert an die Waldbesetzer, freiwillig zu gehen. Die hören zu, werden der Aufforderung aber nicht folgen. Sie reagieren stattdessen emotional und sehen dem unausweichlichen Eingriff der Polizei entgegen.

Heiko Kaiser

Im Vorfeld der Stadtratssitzung zogen Waldbesetzer und Sympathisanten durch die Haller Innenstadt, um an der Masch zu demonstrieren. - © Heiko Kaiser
Im Vorfeld der Stadtratssitzung zogen Waldbesetzer und Sympathisanten durch die Haller Innenstadt, um an der Masch zu demonstrieren. © Heiko Kaiser

Halle. Es ist der letzte Versuch, die Eskalation zu vermeiden. Bürgermeister Thomas Tappe kommt zusammen mit seinem Vertreter Jürgen Keil in den Wald und sucht das Gespräch mit den Besetzern. Ablehnung und Skepsis, die ihm entgegenschlagen, sind beinahe greifbar. Immerhin: Die Menschen hören zu, lassen die Argumente des Bürgermeisters auf sich wirken. Er fordert nicht, er droht nicht, er bittet. „Ich bin gekommen, Sie zu bitten, darüber nachzudenken, das hier zu beenden", sagt er. Das wirkt wie ein verbaler Balanceakt. Tappe ringt sichtlich um die richtigen Worte, den richtigen Ton. Er bewegt sich geschickt auf dem Grat, der zwischen Verständnis, freundlichem Entgegenkommen und deutlicher Positionierung verläuft.

„Bitte machen Sie den Weg frei"

Er kommt sogar einen Schritt entgegen, als er sagt: „Ich gebe Ihnen recht, dass wir als Gesellschaft die Pflicht haben, uns deutlich anders aufzustellen." Im Konkreten aber bleibt er klar positioniert: „Im Grunde steht die Sache fest. Bitte machen Sie den Weg frei, damit wir gewaltfrei die Rechte anderer berücksichtigen können."

Bürgermeister Thomas Tappe (mit Megafon) und sein Stellvertreter Jürgen Keil diskutieren mit den Baumbesetzern im Storckwald. - © Heiko Kaiser
Bürgermeister Thomas Tappe (mit Megafon) und sein Stellvertreter Jürgen Keil diskutieren mit den Baumbesetzern im Storckwald. (© Heiko Kaiser)

„Wie lange haben wir Zeit, um zu räumen?", will Paul aus Brockhagen wissen. „Ich denke, bis heute Abend", antwortet Tappe. Er betont, dass er das nicht als Drohung verstanden haben will, dass man zudem überlege, was anschließend geschehe. Die Botschaft aber ist klar: Ab Donnerstag muss damit gerechnet werden, dass ein Räumkommando die Aktion beenden wird.

„Können Sie garantieren, dass wir bei einer Räumung unbeschadet den Wald verlassen können?", will ein Zuhörer wissen. Die Antwort von Jürgen Keil: „Sie können ja jederzeit freiwillig vom Baum herunterkommen." Und Tappe ergänzt: „Niemand wird den Baum absägen, wenn Sie da oben sind."

Dann formulieren die Besetzer Forderungen: „Wir fordern von Ihnen als Bürgermeister, dass Sie CO2-neutral werden, dass Sie keinen Atomstrom beziehen, dass die Tierrechte reflektiert werden, dass die Menschen darüber nachdenken, ob sie fliegen müssen, dass keine Produkte gekauft werden, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert worden sind."

Tappe antwortet, es sei das Ziel der Stadt Halle, klimaneutral zu werden. Er ergänzt, man habe zur Bekämpfung der Schäden im Teutoburger Wald 90.000 Euro in den Haushalt eingestellt. „Sie wissen aber auch, dass wir Dinge wie die Flugbenzinbesteuerung hier nicht beeinflussen können."

Anschließend richtet Anwohner Armin Meier-Kühn das Wort an den Bürgermeister: „Ich spreche auch für viele meiner Nachbarn", sagt er. „Mir tut es weh, dass hier so ein Juwel zerstört wird." Meier-Kühn übt Kritik an Politik und Verwaltung. „Im Grunde war es doch von Beginn an klar, dass man die Storck-Interessen möglich machen will. Dabei ist viel Spielraum vergeben worden, noch mehr für die Natur herauszuholen."

„Sie sind ein Teil davon und Sie tun nichts"

Am Ende wird es noch einmal emotional: „In der Arktis gibt es einen Gletscher, darunter befindet sich eine riesige Höhle, weil das Eis dort bereits geschmolzen ist. Wenn der Gletscher einstürzt, steigt der Meeresspiegel um 65 Zentimeter. Wissen Sie, was das für einen Tsunami auslösen würde?", fragt Paul. Dann ruft er dem Bürgermeister entgegen: „Sie sind ein Teil davon und Sie tun nichts. Genau das ist wahr." Als Tappe und Keil die Barriere am Eingang zum besetzten Waldgebiet passieren, ruft ihm Thomas Müller-Schwefe, der dort eingekeilt ist, zu: „Grüße vom Pariser Klimaschutzabkommen und Ihnen noch einen guten Tag." Tappe gibt die Wünsche zurück. Er weiß, diese Mission war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Er hat getan, was er tun musste. Es war ein letzter Austausch vor der Eskalation.

Mittwochabend haben sich die Baumbesetzer dann gemeinsam mit weiteren Sympathisanten auf den Weg gemacht, um vor der Ratssitzung am Schulzentrum Masch ein Zeichen zu setzen. Etwa 70 Personen nehmen teil, die Polizei beschreibt die Demo als „friedlich".

Als etwa 16 Mannschaftswagen mit insgesamt rund 150 Polizisten auf den Parkplätzen von Storck und an der Masch gesichtet werden, eilen die Baumbesetzer direkt von ihrer Demo zurück und bereiten weitere Barrikaden vor – in der festen Annahme, der Wald werde noch am Abend geräumt. Dem ist nicht so: Nach Ende der Demo ziehen auch die Polizisten wieder ab.

 

Kommentar

Keine gemeinsame Basis

Das Treffen zwischen Bürgermeister und Waldbesetzern hat vor allem eines gezeigt: Man argumentiert auf völlig verschiedenen Ebenen. Während die einen die Welt retten wollen, und das soll durchaus nicht als Polemik verstanden werden, sind die anderen gezwungen, Beschlüsse umzusetzen. Ideal trifft auf Pragmatismus. Weltpolitik auf Tempo-30-Diskussion. Hier gibt es keine Schnittmenge. Keine Ebene, auf der eine Diskussion stattfinden könnte. Bürgermeister Thomas Tappe hat keine andere Wahl, als einen Beschluss, der von demokratischen Gremien gefasst worden ist, umzusetzen und alles dafür Notwendige in die Wege zu leiten.

Doch auch für die Besetzer ist der Weg, den sie mit ihren Aktionen gehen, alternativlos. Ihr Antrieb ist die Angst und das Wissen darum, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor dem Kollaps steht. Diese Menschen suchen nicht die Konfrontation, weil sie Spaß daran haben. Sie befeuern einen Idealismus und die Fassungslosigkeit darüber, dass so viele immer noch wegschauen. Sie sehen diese Gesellschaft, diese Welt wie Lemminge dem Abgrund entgegenlaufen. Ihre Besetzung ist daher ein Aufschrei der Verzweiflung. Eine Art Notwehr, die für sie zivilen Ungehorsam rechtfertigt, ja, unumgänglich macht.

Wo die einen millionenfaches Sterben vor Augen haben, die anderen aber einem Unternehmen zu seinem Recht verhelfen müssen – auch das ist keine Polemik – besteht wenig Raum für Konsens. Das wissen Besetzer ebenso wie Bürgermeister und Verwaltung. Die Waldbesetzung wird daher enden, wie sie enden muss. Mit einem Polizeieinsatz, mit unschönen Szenen. Es werden nicht die letzten in deutschen Wäldern sein.



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