Aktivisten aus dem Altkreis und Bielefeld: 30 junge Menschen besetzen "Steini"

Heiko Kaiser, Jonas Damme

Viona hat es sich in 15 Meter Höhe eingerichtet. Auf die Frage, ob sie Angst habe, bei einer Räumung zu Schaden zu kommen, gibt sie eine kurze Antwort: Ja. - © Heiko Kaiser
Viona hat es sich in 15 Meter Höhe eingerichtet. Auf die Frage, ob sie Angst habe, bei einer Räumung zu Schaden zu kommen, gibt sie eine kurze Antwort: Ja. (© Heiko Kaiser)

Halle. Die Lage ist ruhig. Unerwartet ruhig. Ein Polizeiwagen wartet an der Einfahrt zur Storck-Villa. Ein zweiter parkt kurz vor der Unterführung der Theenhausener Straße. Schräg gegenüber hat Fridays For Future unter der Brücke ein Zelt errichtet und hält Mahnwache. Der Staat und der Widerstand. Nur hier sind sie sich an diesem Morgen so nah. Noch ist es das einzige sichtbare Zeichen dafür, dass im Storckwald unterschiedliche Haltungen aufeinandertreffen. 100 Meter weiter am Steinhausener Weg wartet die erste Barriere. Baumstämme und leichteres Gehölz sind aufeinandergeschichtet, ein Bogen aus Zweigen überspannt den verbliebenen knapp ein Meter breiten Durchgang. „Herzlich Willkommen" ist auf einem gespannten Laken zu lesen.

Dahinter wird es akrobatisch. Ein junger Mann seilt sich vom Kronendach einer Buche gekonnt aus etwa 20 Metern Höhe ab. Wenige Schritte weiter hockt Peke Hutu in ähnlich luftiger Höhe im Schneidersitz auf einer Europalette. Natürlich ist das nicht sein richtiger Name. Auch bei der Frage nach dem Alter bleibt er im Ungefähren. Auf „Mitte 30" legt er sich fest. Seine Mitstreiterinnen Elfe und Viona werden später sagen, auch „irgendetwas mit Mitte" zu sein. Es ist eben wichtig, nicht identifiziert zu werden. Das zeigen auch die obligatorischen Kapuzen und Halstücher.

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Möglichst umweltverträglich reicht nicht mehr


Wer in den sozialen Medien behauptet, die jungen Menschen, die um Bäume kämpfen, seien arbeitsscheue Nichtsnutze, der macht es sich zu leicht. Wer behauptet, Storck würde bewusst Umweltzerstörung betreiben, liegt genauso falsch. Storck tut aus seiner Sicht viel für eine möglichst umweltverträgliche Lösung. Das Problem: Möglichst umweltverträglich reicht nicht mehr. Dieser Planet steuert auf eine Katastrophe zu, was radikalere Maßnahmen erfordern würde. Denn wo Pole schmelzen und immer mehr Menschen zu Klimaflüchtlingen werden, verliert das Arbeitsplatzargument an Bedeutung. „Wir haben nur wenig Zeit, bald können wir die Katastrophe nicht mehr aufhalten", sagte eine Frau. Diese Erkenntnis treibt die Protestler an. Sie sind keine Ökofaschisten. Sie versuchen verzweifelt aufzurütteln. Dafür nehmen sie sogar rechtliche Sanktionen in Kauf. Jeder sollte sich angesichts dieser Courage fragen: Und was tue ich?

Peke Hutu ist offensichtlich ein Profi mit Klettererfahrung. Wo er es gelernt hat, will er nicht verraten. Wohl aber, dass er schon bei den Besetzungen im hessischen Dannenröder Forst dabei war. Da sei es deutlich kälter gewesen. „Bei Minusgraden hat mich die Polizei mit einem Wasserwerfer traktiert."

„Essen, Trinken, ein bisschen Musik und etwas zu lesen"

Wer gesehen hat, wie die Paletten schon bei Windstille schwanken, kann erahnen, was das bedeutet. Über der hölzernen Basis ist eine Hängematte befestigt. Hier hat Peke Hutu geschlafen. Natürlich gesichert. Was man so braucht bei der Baumbesetzung? „Essen, Trinken, ein bisschen Musik und etwas zu lesen", ruft der Mitdreißiger hinunter. Er liest gerade ein Buch über Erfahrungen im Kraftwerkswiderstand. Ob er Angst vor der Räumung und einer möglichen Strafe habe? „Ich habe Angst vor dem Klimanotstand. Das hier ist ein Risiko, das ich bewusst eingehe." Und Peke Hutu weiß, was ihn erwartet. „Die Polizei hat sich die Lage schon angeschaut. Sie werden Kräfte schicken, die im Klettern ausgebildet sind. Das aber sind meistens noch die netten." Ungemütlich werde es, wenn die „Prügeleinheiten" auflaufen. So lange es ruhig ist, ist für Peke Hutu das Leben einfacher. Dann kann er zum Toilettengang den Baum verlassen. „Wenn’s eng wird, muss man sich was einfallen lassen", sagt er. Auch da bleibt er im Ungefähren.

Dr. Thomas Müller-Schwefe von Extinction Rebellion vor der Fridays-For-Future-Mahnwache. - © Jonas Damme
Dr. Thomas Müller-Schwefe von Extinction Rebellion vor der Fridays-For-Future-Mahnwache. (© Jonas Damme)

Peke Hutu kommt übrigens aus dem Altkreis. Wie einige seiner Mitstreiter*innen. „Versmold, Borgholzhausen, Halle, Bielefeld" nennt er als Heimatorte. „Entgegen des Vorurteils sind die meisten auch erwerbstätig." Die Besetzung ist also keineswegs eine Aktion von Protesttouristen. „Bisher sind wir zu den Besetzungen gefahren. Jetzt kommt die Besetzung zu uns", formuliert es Peke Hutu.

Rund 30 junge Menschen haben sich zusammengefunden, um etwas zu tun, statt zu reden. Sie lassen sich auf zwei Gruppen aufteilen: „Extinction Rebellion" (XR) und „Ende Gelände Bielefeld". XR hat sich 2018 in England gegründet, besteht mittlerweile aus hunderten Untergruppen und versucht, durch „zivilen Ungehorsam" Maßnahmen gegen Umweltzerstörung und die Klimakrise zu erzwingen. „Ende Gelände" ist aus der der Anti-Atom- und Anti-Kohlekraft-Bewegung entstanden. Durch ihren Einsatz gegen den Tagebau Hambach und die geplanten Rodungen im Hambacher Forst wurde die Gruppe 2018 bekannt.

Kreis Gütersloh hat die Genehmigung jetzt erteilt

Der Plan, den Storck-Wald, Spitzname „Steini", zu besetzen, ist nicht spontan gefasst worden. Viele hatten, so wie Peke Hutu, die kommunalpolitische Berichterstattung der vergangenen Monate verfolgt. Die Idee, den Wald zu besetzen, kam schon Ende vergangenen Jahres auf, berichtet eine Aktivistin. Zusammen mit ihren Mitstreitern von „Ende Gelände" habe man einen Weg gesucht, die Rodungspläne von Storck zu ver- oder behindern.

Ein älterer Mann mit Rad passiert die Stelle. „Am Klimawandel können wir ja doch nichts ändern", sagt er achselzuckend. Ein anderer Passant wird deutlicher: „Chaoten", murmelt er geringschätzig. Tina Albrecht, die mit ihrem Hund unterwegs ist, hat eine andere Meinung: „Ich finde es gut, dass junge Leute sich stark machen und uns Alte aufrütteln. Sie zeigen, dass Arbeitsplätze nicht das Wichtigste auf der Welt sind, sondern wir vor allem Luft und Natur zum Atmen und Leben brauchen."

Sie hat Respekt vor dem, was hier geschieht, aber auch Bedauern. Als sie einer Aktivistin ihre Befürchtung mitteilt, das sei doch ein Kampf von David gegen Goliath, antwortet die: „In der Bibel hat doch auch David gewonnen." Doch dieser Kampf kann teuer werden. Eine Baumbesetzerin vom Hambacher Forst ist kürzlich zu neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden. „Was sind schon neun Monate Knast gegen die Klimakatastrophe?", sagt Viona, die Mitzwanzigerin. Auch sie ist eine der Baumschläfer*innen. Für deren Verpflegung sorgen auch die Anwohner des Steinhausener Wegs. „Viele von uns unterstützen den Protest", sagt Armin Meier-Kühn. Am Sonntagabend haben Nachbarn mit Aktivisten am Fridays-For-Future-Zelt beim Lagerfeuer zusammengesessen. Zum Frühstück wurden Porridge und heißer Kaffee gebracht.

Tobias Rüter (Fridays For Future) distanziert sich von rechtswidrigen Aktionen. FFF unterstützen jedoch die Aktivisten, zum Beispiel durch die Organisation einer mobilen PV-Anlage. - © Heiko Kaiser
Tobias Rüter (Fridays For Future) distanziert sich von rechtswidrigen Aktionen. FFF unterstützen jedoch die Aktivisten, zum Beispiel durch die Organisation einer mobilen PV-Anlage. (© Heiko Kaiser)

So ruhig und gemütlich wird es allerdings nicht bleiben. „Zuerst fahren die Rodungsmaschinen auf. Dann wird geräumt und anschließend schnell gefällt", befürchtet Peke Hutu. Inzwischen hat der Kreis Gütersloh die Genehmigung zur Laibachumlegung erteilt. „Die Entscheidung über das weitere Vorgehen liegt bei der Firma Storck", sagte Bürgermeister Thomas Tappe. Das Unternehmen wollte sich auch am Montagabend nicht dazu äußern.

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