Halle„Die Angst vor Corona muss weg“ – Haller Chefarzt warnt vor Panikmache

Der Inzidenzwert für Covid-19-Infektionen liegt im Kreis Gütersloh wieder über der kritischen Marke von 50, die Lage sei „diffus“, heißt es. Dr. Michael Feltkamp, Chefarzt am Klinikum Halle, warnt derweil vor Panikmache.

Nicole Donath

- © CC0 Pixabay
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Halle. 52,1. Das ist der Wert, den das Robert-Koch-Institut am Dienstag für den Kreis errechnet hat. Jene Zahl an Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner*innen in den vergangenen sieben Tagen. Und damit gelten die 13 Kommunen zwischen Borgholzhausen und Langenberg offiziell also wieder als Risikogebiet. Über die Konsequenzen aus dem Überschreiten der kritischen 50er-Marke haben wir bereits berichtet: stärkere Kontaktbeschränkungen, strengere Hygienekonzepte, verschärfte Kontrollen.

14 Patienten von 223 Infizierten im Kreis Gütersloh mussten gestern stationär behandelt werden, zwei von ihnen intensivmedizinisch. Niemand von ihnen liegt allerdings im Klinikum Halle. Im Mai wurden die Covid-19-Stationen an der Winnebrockstraße geschlossen und zumindest aktuell sieht es nicht danach aus, als ob sie wieder geöffnet würden. „Wir haben ja drei Standorte – neben Halle sind dies auch die Rosenhöhe und Bielefeld-Mitte", erläutert Dr. Michael Feltkamp, Chefarzt für Allgemeinchirurgie am Klinikum Halle. „In Hochphasen hätten wir natürlich wieder die Möglichkeit, auch in Halle einzelne Bereiche zu isolieren. Allerdings ist der Aufwand sehr hoch, so dass wir die Fälle bis auf Weiteres bündeln." Zurzeit würden Patienten, die am Corona-Virus erkrankt seien, ausschließlich in Bielefeld-Mitte behandelt, berichtet der Mediziner.

Dr. Michael Feltkamp, Chefarzt am Klinikum Halle. - © Klinikum Halle
Dr. Michael Feltkamp, Chefarzt am Klinikum Halle. (© Klinikum Halle)
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„Mit Augenmaß agieren und konträre Stimmen hören"

Unterdessen hat der 61-Jährige eine klare Meinung zur aktuellen Corona-Situation – sowohl im Kreis Gütersloh als auch allgemein. „Wir befinden uns auf einem niedrigen Level", stellt Dr. Feltkamp fest. „Zwar steigen die Infektionszahlen, aber es gibt nur wenige Kranke." Vor diesem Hintergrund unterstützt er auch die Aussagen von Klaus Reinhardt, dem Chef der Bundesärztekammer. „Reinhardt hat das ganz passend formuliert: Man kann den Menschen nicht in einer Tour Angst machen." Andernfalls sei die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen gefährdet. Während Reinhardt die aktuellen Kontaktbeschränkungen für sinnvoll erachte, halte er weitere Einschränkungen der Bewegungsfreiheit für unangebracht.

„Insbesondere viele alte Menschen leiden massiv unter der Isolation", sagt Dr. Feltkamp dann und spricht dabei aus eigener Erfahrung. „Teilweise haben sie in den Seniorenheimen nur sechs Stunden Ausgang – da lässt jeder offene Strafvollzug mehr Freiheiten zu." Auch leide der Kontakt vieler alter Menschen zu den kleinen Kindern. „Und darüber muss man reden", fordert der Mediziner. „Gesundheit und Wohlbefinden lassen sich eben nicht nur an körperlicher Unversehrtheit festmachen. Es geht immer auch um die Seele. Und deshalb muss man abwägen, man muss mit Augenmaß agieren und auch konträre Stimmen hören."

„Die Welt geht nicht unter, wenn die Marke gerissen wird"

Letztlich, so Dr. Feltkamp, wisse zum jetzigen Zeitpunkt eben noch niemand ganz genau, was zu tun sei. „Nicht Frau Merkel. Nicht Herr Drosten. Und auch ich nicht. Aber alle starren wie paralysiert auf den Grenzwert 50. Dabei wurde der willkürlich festgelegt. Und nein, die Welt geht nicht unter, wenn diese Marke gerissen wird." Er selber habe keine Angst und auch nie Angst gehabt, fährt Dr. Feltkamp dann fort. „Angst ist überhaupt ein schlechter Ratgeber."

Der Mediziner überlegt einen Augenblick, dann zieht er einen Vergleich: „Es hat schon Grippewellen mit teils deutlich schlimmeren Verläufen gegeben als das, was wir jetzt haben. Das hat allerdings nie dazu geführt, dass wir in eine derartige Panik verfallen sind." Vielmehr, so Dr. Feltkamp, sollten wir lernen, mit dem Virus zu leben. Auf diesem Weg sei es wichtig, viel mit anderen Menschen zu reden. Auszuprobieren. Zu evaluieren. „Die Bundesländer könnten beispielsweise hergehen und ihre unterschiedlichen Maßnahmen nach einem Monat vergleichen, abwägen, Schlüsse ziehen und dann weitergehen", schlägt der Mediziner vor. „Mit Verantwortung und Augenmaß. Aber ohne Panik."

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