Ehepaar pflegt behinderte Söhne seit 45 Jahren

Das Ehepaar Störmer aus Hesseln hat zwei schwerstbehinderte Söhne und kämpft jeden Tag darum, dass es den beiden gut geht. Als ob das nicht schon stressig genug ist, kommt immer wieder Ärger mit den Behörden dazu.

Uwe Pollmeier

Als der Treppenlift kaputt war, mussten sich die Söhne ein Zimmer im Erdgeschoss teilen. - © Uwe Pollmeier
Als der Treppenlift kaputt war, mussten sich die Söhne ein Zimmer im Erdgeschoss teilen. (© Uwe Pollmeier)

Halle-Hesseln. Wenn Manfred Störmer am Esstisch seines Hauses in Hesseln sitzt und aus seinem Leben erzählt, könnte man glauben, dass er die Biografie einer anderen Person schildert. Störmer wirkt fröhlich, nett und positiv gestimmt, obwohl der Alltag von ihm und seiner Ehefrau Brigitte seit Jahrzehnten vom Schicksal bestimmt wird. Die Störmers haben drei Söhne. Zwei von ihnen sind von Geburt an schwerstbehindert und mittlerweile 43 und 44 Jahre alt. „Es war nicht vorhersehbar, beide Schwangerschaften verliefen normal", sagt Brigitte Störmer.

Die Gründe für die Behinderungen sind bis heute unklar, auszuschließen ist jedoch eine genetische Ursache. „Hätte ich gewusst, dass das zweite Kind ebenfalls behindert ist, wäre ich nicht mehr schwanger geworden", sagt die heute 67-Jährige ehrlich. Beide Söhne können nicht gehen, der 43-jährige Markus benötigt einen Lifter, sein knapp zwei Jahre älterer Bruder Alexander kann immerhin kurze Zeit stehen, was die Hilfe beim Anziehen ein wenig erleichtert. Beide nehmen zwar die Umwelt um sich herum wahr, können aber nicht sprechen und brauchen in allen Dingen des Alltags Hilfe. Mit Pflegegrad fünf haben die beiden Männer die höchstmögliche Stufe.

„Das war einfach nur Horror hoch drei"

In dieser Lage zu kapitulieren oder auch einfach mal mehr an sich zu denken, daran haben die Störmers in all den Jahren nie gedacht. „Wir wollten unsere Jungs nie abgeben", sagt Brigitte Störmer. Die Familie will in einer Art Mehr-Generationen-WG mit entsprechender Unterstützung durch Pflegekräfte bis zuletzt zusammenbleiben in ihrem Haus, welches Sie mittlerweile immer seltener verlässt. „Früher sind wir noch regelmäßig mit den Kindern nach Dänemark in ein behindertengerechtes Haus gefahren", sagt Manfred Störmer. Zum letzten Mal vor zwei Jahren. „Es geht einfach nicht mehr", sagt der 73-Jährige. „Diese Fahrten hatten wir uns immer als einziges Highlight gegönnt."

Als ob der Alltag nicht schon stressig genug wäre, kommt auch immer wieder Ärger mit den Behörden hinzu. Monatelang kämpften die Störmers um einen neuen Treppenlift. Bis dahin mussten sich die Söhne ein Zimmer im Erdgeschoss teilen. „Es war an einem Samstagabend gegen 23 Uhr", erinnert sich Brigitte Störmer an den Tag zu Jahresbeginn, als sie wohl den letzten Glauben an die Gerechtigkeit verloren. „Das war Horror hoch drei", ergänzt Manfred Störmer. „Der Treppenlift blieb mit unserem Sohn auf halber Strecke stehen. Der für die Region zuständige Monteur war nicht greifbar, es meldete sich sein Kollege aus Hamburg, der Notdienst hatte. Der blieb dann aber im Stau stecken", gibt Manfred Störmer die Ereignisse der Nacht wieder. „Mit Mühe und Not haben wir unseren sehr schwergewichtigen Sohn auf die Treppe gesetzt und ihn Stufe für Stufe nach oben gehoben."

Nachdem die Störmers dieser Schilderung, die leider kein Einzelfall war, beim LWL in Münster vortrugen, entschied der Landschaftsverband, einen neuen Lift einbauen zu lassen. Nun wünschen sie sich nur noch ein neues Auto. Der jetzige Bulli ist 13 Jahre alt und nicht klimatisiert.

Manfred Strömer aus Hesseln pflegt gemeinsam mit seiner Frau Brigitte die zwei schwerstbehinderten Söhne Alexander (43) und Markus (42). Seit einem halben Jahr warten sie nun auf einen neuen Treppenlift. - © Uwe Pollmeier
Manfred Strömer aus Hesseln pflegt gemeinsam mit seiner Frau Brigitte die zwei schwerstbehinderten Söhne Alexander (43) und Markus (42). Seit einem halben Jahr warten sie nun auf einen neuen Treppenlift. (© Uwe Pollmeier)

Die Jungs in die Kurzzeitpflege zu geben, um selbst einmal abschalten und entspannen zu können, geht leider nicht. „Wir haben es mal versucht. Nach einer Nacht waren sie wieder da", sagt Brigitte Störmer. Alleine und in unbekannter Umgebung drehen sie förmlich durch.

„Wir lassen uns nichts gefallen", sagt Manfred Störmer selbstsicher, um kurz danach hinzuzufügen: „Wir wollen und können ja eh nicht aufgeben". Die Störmers müssen einfach nur funktionieren, irgendwie und so lange es geht.

"Ich habe geweint. Es ist alles zu viel"

Im Frühjahr erlitt Brigitte Störmer einen Herzinfarkt. „Sie kam ins Krankenhaus und danach drei Wochen lang in die Reha", sagt Manfred Störmer. In dieser Zeit war er ganz allein, trug die gesamte Last, die sonst auf zwei Personen verteilt wird und die Außenstehenden unerträglich schwer erscheint. Eine Haushaltshilfe erhielt er nicht. Schließlich seien seine Kinder ja älter als zwölf Jahre. Gesetz ist Gesetz, da zählen nur nackte Zahlen und keine Vernunft. „Du musst immer nur kämpfen, aber niemand ist auf deiner Seite", sagt Manfred Störmer. „Es wurde uns oftmals gesagt: Ich verstehe sie ja, aber die Gesetzeslage ist leider so und die können wir nicht ändern selbst wenn wir wollten."

„Als meine Frau weg war, habe ich auf dem Sofa gesessen und geweint. Es ist einfach zu viel", sagt Störmer rückblickend. Nach außen hin wirkt er stark und gut gelaunt, aber wenn er zur Ruhe kommt und für sich ist, kommen die Gefühle durch.

Jeden Morgen um 7.30 Uhr werden die beiden Söhne abgeholt und zur Arbeit in die Brockhagener Werkstatt des Wertkreises gefahren. „Für die Pflegedienste ist das zu früh. Die kommen da noch nicht, um beim Waschen und Anziehen zu helfen", sagt Manfred Störmer. Lange habe man gesucht, mittlerweile habe man einen Anbieter gefunden.

„Wie wir leben, ist eine Zumutung. So kann es nicht weitergehen. Die Lage ist schwierig, auch untereinander streiten wir uns häufiger", gesteht Manfred Störmer ein. Die Beziehung leidet, aber sie hält. Auch das ist in dieser Situation beeindruckend.

„Ich kämpfe noch, aber meine Frau kann nicht mehr", sagt der Ehemann. Mit 73 Jahren muss er nun immer noch eine Schippe drauflegen, anstatt sinnvollerweise kürzer zu treten.

Gemeinsam können die Eheleute eigentlich nie weg, einer müsse immer im Haus sein. „Wir wünschen uns doch nur ein normales Leben", sagt Manfred Störmer. „Wir müssen immer nur kämpfen", ergänzt er. Und am Ende stehe man dann meistens doch als Verlierer da.

Kürzlich waren die beiden Hesselner eine Woche lang in Cuxhaven, während die Söhne von studentischen Hilfskräften betreut wurden. Ein seltener Fall, aber es klappte. Sieben Tag Nordsee bei Wind und Wetter und dennoch mindestens genauso schön, wie für andere ein 14-tägiger All-inclusive-Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hotel auf den Seychellen. Das Schicksal lehrt, bescheiden zu leben.

„Wir haben festgestellt und erlebt, dass es sich trotz allem lohnt zu kämpfen. Für unsere Kinder", sagt Manfred Störmer und ergänzt dann: „Dies sei allen gesagt, denen es so geht wie uns."

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