Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg: Was 2.500 Menschen in Halle leisten mussten

Internationaler Tag des Sklavenhandels: In Halle mussten im Zweiten Weltkrieg 2.500 Menschen Zwangsarbeit leisten.
Sie wurden ganz überwiegend gegen ihren Willen aus der Heimat verschleppt und ihre Arbeit gilt heute als Sklavenarbeit

Detlef Hans Serowy

 Die Baracken bei der Haller Firma Borgers, in denen die Zwangsarbeiter untergebracht waren. - © Privat
 Die Baracken bei der Haller Firma Borgers, in denen die Zwangsarbeiter untergebracht waren. (© Privat)

Halle. Sklavenhandel ist mehr als ein dunkles Kapitel der Geschichte. 1998 erklärt die UNESCO den 23. August zum Internationalen Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung. In Halle hat es wohl keine afrikanischen Sklaven gegeben. Im Zweiten Weltkrieg mussten hier aber 2.500 Menschen Zwangsarbeit leisten. Sie gilt heute auch als Sklavenarbeit. Grund genug, am Sklavenhandels-Tag an die Haller Zwangsarbeiter zu erinnern.

„Der Übergang von Sklaverei zur Zwangsarbeit ist fließend", betont Eva-Maria Eggert. Mit Frauke Keßner und Barbara Schipper hat die Historikerin vor zehn Jahren ein dreijähriges Projekt zum Thema mit einem Jahrgang von Haller Hauptschülern durchgeführt. Auslöser waren die Gräber von 41 Zwangsarbeiterkindern auf dem Haller Friedhof an der Bundesstraße 68. „Ich habe sie für mich zufällig entdeckt", berichtet Frauke Keßner. Eine Serie im Haller Kreisblatt hatte sie zuvor für das Thema Zwangsarbeit sensibilisiert.

Unter den Grabplatten liegen kleine Kinder
und Babys

Die Hauptschullehrerin besucht 2007 das Grab einer Kollegin und wird stutzig. „Da waren in der Nähe Grabplatten und es handelt sich um jung verstorbene Kinder." Ihre Kolleginnen Eva-Maria Eggert und Barbara Schipper stimmen sofort zu, als sie nach einem Projekt zum Thema fragt. „Wir haben den Schülern nicht gesagt, worum es geht, als wir auf den Friedhof gegangen sind", erinnert sich Frauke Keßner. Die Betroffenheit bei den Jugendlichen ist groß, als sie entdecken, dass es sich um Kinder und Babys handelt. „Da war die Motivation für das Projekt groß."
In Halle gab es während des Zweiten Weltkrieges 17 Lager in drei Kategorien mit 2.500 Menschen. 2.000 Personen lebten in sogenannten Fremdarbeiterlagern, 387 in Kriegsgefangenenlagern und 35 in Strafgefangenenlagern. Das größte Lager war mit 1.800 Menschen das Waldlager in Künsebeck. Rund 120 Zwangsarbeiter waren im Heidelager und im Waldfrieden zur Arbeit in der Ravensberger Flachsverwertungsgenossenschaft untergebracht. Die Reichsbahn hatte in Künsebeck 43 Zwangsarbeiter und die Firma Borgers in Halle 25.
Auch andere Haller Firmen und Landwirte nutzten die Arbeitskraft von Menschen, die gegen ihren Willen aus der Heimat nach Deutschland gebracht worden waren. Herausragend war aber der Zwangsarbeitereinsatz bei Dürkopp und das hatte zwei wichtige Gründe. Dort entstand ab 1942 die reichsweit größte Produktionsstätte für die 3,7 Zentimeter Flugabwehrkanone 43. Bielefeld war stark von Luftangriffen bedroht und deshalb wich Dürkopp nach Künsebeck aus.

Frauke Keßner, Eva-Maria Eggert und Barbara Schipper. - © Detlef Hans Serowy
Frauke Keßner, Eva-Maria Eggert und Barbara Schipper. (© Detlef Hans Serowy)


Für den Bau wurden auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt. Das Werk entstand auf 350.000 Quadratmetern und dafür mussten 20 Eigentümer ihr Land aufgeben. Angeschlossen war das Waldlager, eine Barackenunterkunft für zuletzt 1.800 Zwangsarbeiter. Sie stammten hauptsächlich aus der Ukraine, von wo sie – häufig mit ihren Kindern – nach Deutschland verschleppt worden waren. Hier mussten sie schwerste Arbeit leisten. Schichten von zehn und mehr Stunden pro Tag waren die Regel.

Die Unterbringung war sehr dürftig und die Ernährung durchweg mangelhaft. Überlebende Zwangsarbeiter berichteten von ständigem Hunger. Es gab vorwiegend Mehlsuppen und Steckrüben. Außerdem das sogenannte Russenbrot. Es bestand aus 50 Prozent Roggenschrot, 20 Prozent Zuckerrübenschnitzel, 20 Prozent Holzmehl und zehn Prozent Strohmehl oder Laub. Starke Unterernährung war die Folge. Erkältungen waren weit verbreitet und Lungenentzündungen eine häufige Todesursache.
Während des Zweiten Weltkrieges sind von 1939 bis 1945 mindestens zwölf Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene zur Arbeit nach Deutschland gebracht worden. Die ausländischen Zwangsarbeiter – im Nationalsozialismus auch Fremdarbeiter genannt – sollten die deutschen Arbeitskräfte ersetzen, die zur Front eingezogen wurden. Im August 1944 arbeiteten im Großdeutschen Reich (mit Österreich) etwa 7,6 Millionen Zwangsarbeiter. Ein Viertel aller Beschäftigen.

„Die Polen sollen die Sklaven des Großdeutschen Weltreiches sein", verkündete Generalgouverneur Hans Frank 1939. Die systematische Ausbeutung von über zwölf Millionen Menschen hat nach Ansicht von Historikern viel gemein mit anderen historischen und aktuellen Formen der unfreien Arbeit. Das NS-System unterschied sich jedoch teilweise von antiken oder amerikanischen Sklavenhaltergesellschaften.

So sollten die jüdischen KZ-Häftlinge durch Arbeit vernichtet werden. Diese Absicht gab es in Halle nicht. Trotzdem sind hier Zwangsarbeiter verstorben. Außerdem war die Sklavenarbeit für Überlebende mit dem Kriegsende 1945 beendet. Sie konnten in die Heimat zurückkehren.

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