Um Gerry Weber steht es richtig schlecht: Das Undenkbare wird wahr - Eine Analyse

Nüchterne Entscheidung: Auf der Gläubigerversammlung gibt der Vorstand grünes Licht, 146 Filialen aufzugeben. Und was Gerhard Weber und Udo Hardieck immer ausgeschlossen hatten, ist nun Realität: Auch Halle und das Gründergeschäft in Versmold sind betroffen.

Nicole Donath

Vor dem Aus: Zum 30. September wird das Gerry-Weber-Geschäft an der Haller Bahnhofstraße geschlossen, ebenso das erste Geschäft von Weber in Versmold. Gerry Weber und Samoon in Bielefeld verabschieden sich zum 31. Oktober. - © Nicole Donath
Vor dem Aus: Zum 30. September wird das Gerry-Weber-Geschäft an der Haller Bahnhofstraße geschlossen, ebenso das erste Geschäft von Weber in Versmold. Gerry Weber und Samoon in Bielefeld verabschieden sich zum 31. Oktober. (© Nicole Donath)

Halle/Versmold. Mehr als 54 Jahre ist es mittlerweile her, dass Gerhard Weber sein erstes Modegeschäft eröffnete. Nicht etwa in Halle, sondern in Versmold. Dort in der Münsterstraße legte er 1965 den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des weltweit agierenden Modekonzerns, und es gab keine Gelegenheit, bei der der 77-Jährige nicht von diesem mutigen Schritt berichtete. Von den Widerständen, den ersten Hürden und nicht zuletzt dem finanziellen Risiko, das der junge Vater von Zwillingen damals auf sich nahm. Erst vor wenigen Wochen noch fuhr er mit einem Journalisten des Spiegel in die Fleischerstadt, um ihm voller Stolz die Keimzelle seiner Firma zu zeigen.

Mindestens genauso liegt ihm das Ladenlokal in der Haller Bahnhofstraße am Stammsitz des börsennotierten Modekonzerns am Herzen. Als hier im Oktober 2011 das 40-jährige Bestehen groß gefeiert wurde, ließ der damals noch viel beschäftigte Manager andere Termine sausen, um mit seinem außergewöhnlich engagierten Team und zahlreichen Stammkundinnen gemeinsam anzustoßen. Und er sagte damals einen Satz, der im Nachhinein noch eine ganz andere Bedeutung erhält. Er sagte: „Wenn dieses Geschäft einmal geschlossen werden muss, dann steht es schlecht um Gerry Weber."

Jetzt ist sogar für beide Geschäfte Schluss. Am 30. September sollen das Gründergeschäft in Versmold und das einzige »House of Gerry Weber«, wie es jetzt offiziell heißt, am Firmensitz in Halle aufgegeben werden. Gedacht hätte er das bestimmt nie, recht behalten hat er dennoch: Die Modegeschäfte werden geschlossen – und es steht tatsächlich schlecht um Gerry Weber. Sogar richtig schlecht.

Schon vor zwei Jahren sollte die Filiale in Halle geschlossen werden

Anders lässt es sich nicht erklären, dass die neue Führungsriege des mittlerweile insolventen Modekonzerns die beiden Läden nicht einmal mehr aus Prestigegründen halten will. Udo Hardieck, der die mittlerweile insolvente Gerry Weber International AG mitgegründet hat, erlebt diesen bitteren Tag nicht mehr mit. Gerhard Weber dürfte mittlerweile keinen Einfluss mehr auf diese Entscheidung haben. Die Zeiten sind nun andere, für Sentimentalitäten kein Platz.

Vor zwei Jahren gab es schon einmal die Situation, dass in Halle gemunkelt wurde, man wolle »Weber-Moden«, wie es über Jahrzehnte hieß, schließen. Und tatsächlich stand das Geschäft auf einer offiziellen Streichliste des Konzerns, so dass man auf HK-Anfrage im Februar 2017 mitteilte: „Bekanntermaßen ist die Optimierung des eigenen Retails ein zentraler Bestandteil unseres derzeitigen Programms und beinhaltet unter anderem, dass wir Geschäfte schließen, die nicht unsere Zielmargen erfüllen oder eine negative Wachstumsprognose aufweisen.

Gerry Weber Versmold - © Tasja Klusmeyer
Gerry Weber Versmold (© Tasja Klusmeyer)

Dies gilt leider auch für die Filiale in Halle." Bereits einen Tag später wurde die Mitteilung durch den damaligen Vorstandschef Ralf Weber mit Verweis auf eine „interne Fehlkommunikation" zurückgeholt: „Wir haben den Mietvertrag für das Objekt an der Bahnhofstraße vor geraumer Zeit verlängert und bleiben am Standort Halle." Mehr noch: Man lege großen Wert darauf, die Präsenz auch in Halle weiterzuentwickeln und bekenne sich mit neuem Konzept zur Stadt Halle.

Von Schließung könne keine Rede sein, vielmehr gehe es mit den bewährten Mitarbeiterinnen voran. Auch das »House of Gerry Weber«in Versmold bleibe selbstverständlich geöffnet. Bis zuletzt hieß es im Konzern, dass Halle eine Art „Testfläche" darstelle und es nicht geplant sei, das Geschäft zu schließen. Hoffnung, immer wieder Hoffnung für die Mitarbeiterinnen. Damit ist es nun radikal vorbei: Diese Schließung wird morgen niemand dementieren.

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