Tote Frau: Warum die Ermittlungen im Fall Flory P. so lange gedauert haben

Der ehemalige Lebensgefährte von Flory P. muss sich im Sommer vor dem Landgericht Bielefeld wegen Totschlags verantworten. Die besonderen Lebensumstände des Opfers sind der Grund dafür, dass sich die Ermittlungen hingezogen haben.

Andreas Großpietsch

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Das 37-jährige Opfer und ihr ein Jahr jüngerer Lebensgefährte. - © HK
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Das 37-jährige Opfer und ihr ein Jahr jüngerer Lebensgefährte. (© HK)

Borgholzhausen. Es war die Nacht zum 8. Januar dieses Jahres, als die 37-jährige Flory P. in ihrer Wohnung Am Uphof gewaltsam getötet wurde. Fast genau drei Monate später hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld jetzt Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erhoben. Der ein Jahr jüngere ehemalige Lebensgefährte des Opfers soll nach Überzeugung von Polizei und Staatsanwaltschaft die Tat verübt haben.

„Es gibt kein Geständnis. Der Angeklagte schweigt weiterhin", erklärt Staatsanwältin Claudia Bosse, die noch kurz vor den Osterfeiertagen die Anklage an den Beschuldigten ausgehändigt hat. Der Mann sitzt weiterhin im Gefängnis in Ummeln in Untersuchungshaft. Einen genauen Termin für den Prozess gibt es noch nicht.

„Anfang Juli, aber vielleicht auch schon Ende Juni soll das Verfahren eröffnet werden", hofft die Staatsanwältin. Natürlich schränkt die Corona-Krise auch die Leistungsfähigkeit des Landgerichts ein, doch angesichts der Schwere der Tat genießt dieser Fall Priorität. „Im großen Saal sollten alle Abstandsregeln eingehalten werden können", ist sich Claudia Bosse aber sicher.

Gegen den Angeklagten sprechen aus Sicht der Staatsanwaltschaft viele Indizien und auch einige Zeugenaussagen. Gleichwohl sind noch nicht alle wichtigen Details restlos aufgeklärt. So herrscht zum Beispiel hinsichtlich der eigentlichen Tatwaffe noch eine ziemlich Unsicherheit.

An der Kleidung des Angeklagten wurde kein Blut gefunden

Fest steht nur, dass massive Gewalteinwirkungen gegen den Kopf von Flory P. zu ihrem Tod geführt haben. Eine direkte Tatwaffe hat die Polizei allerdings nicht gefunden. „Theoretisch denkbar sind Faustschläge oder auch Tritte an den Kopf der Frau." Allerdings fanden sich an den Händen des Angeklagten keine Spuren derartiger Schläge. Heftige Fußtritte dagegen sind schwer nachweisbar, könnten aber ebenso gut zum Tod des Opfers geführt haben. Denkbar wäre auch ein anderer Gegenstand als Tatwaffe. Gefunden wurde ein solcher Gegenstand allerdings nicht.

Die Auswertung von Handydaten und die Aussagen von Zeugen ergeben wiederum ein stimmiges Bild, ist sich die Staatsanwältin sicher: Die Zeugen hatten den Streit zwischen dem Paar in der Dachgeschosswohnung gehört und den Angeklagten etwa 30 Minuten später auch auf dem Weg vor dem Haus gesehen. Die Auswertung der Daten seines Handys bestätigt diese Aussage. Das Opfer hat zu diesem Zeitpunkt keine Telefonate mehr geführt.

Dieses Detail ist wichtig, denn Flory P. erwirtschaftete ihren Lebensunterhalt nur zum Teil durch die Einkünfte aus ihrem Job als Putzhilfe. In nicht unerheblichem Umfang war sie auch als Prostituierte tätig.

Ehemalige Kunden der Prostituierten wurden überprüft

Sie arbeitete dabei ohne Zuhälter und fand ihre Kundschaft über Annoncen auf einschlägigen Datingplattformen. Der jetzt angeklagte ehemalige Lebensgefährte hat zwar in den Befragungen geschwiegen, allerdings unmittelbar nach seiner Festnahme gegenüber der Polizei behauptet, dass ein Freier die Tat verübt haben müsse. Diese Einlassung brachte der Polizei sehr aufwendige Ermittlungsarbeiten ein.

Denn sämtliche Freier von verschiedenen Portalen mussten ermittelt und überprüft werden. Das war nicht immer so leicht wie in den Fällen, in denen letzte Absprachen über die Kommunikationsplattform WhatsApp geführt wurden. War die Identität der Anrufer ermittelt, musste die Polizei die jeweiligen Kontakte auch noch überprüfen.

Kerzen und Blumen: Freunde und Nachbarn brachten damit ihre Trauer über den gewaltsamen Tod von Flory P. zum Ausdruck. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld Anklage gegen den ehemaligen Lebensgefährtn der Toten erhoben. - © Andreas Großpietsch
Kerzen und Blumen: Freunde und Nachbarn brachten damit ihre Trauer über den gewaltsamen Tod von Flory P. zum Ausdruck. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld Anklage gegen den ehemaligen Lebensgefährtn der Toten erhoben. (© Andreas Großpietsch)

Denn der Angeklagte hat bei den Befragungen geäußert, dass er von der Getöteten aus der gemeinsamen Wohnung geworfen worden sei. Der 36-jährige Mann, der erst wenige Monate vorher aus Rumänien nach Deutschland gezogen war, ist bereits am Morgen nach der Tat verhaftet worden. Schnell war aus Kreisen der Ermittler die Vermutung geäußert worden, dass es sich um eine Beziehungstat handele. Seitdem konzentrierten sich die Ermittlungen auf den Angeklagten.

Der einzige mutmaßliche Zeuge des Geschehens kann keine Aussage machen: Der weiße Malteser-Hund „Bobby" soll kurz nach Mitternacht an besagtem 8. Januar laut gebellt haben. Helfen konnte er seiner Besitzerin aber nicht.

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